Von GĂĽnter Bannas
Angela Merkel hätte sich 2016 besser anders entschieden. Zur fraglichen Zeit war die sogenannte Flüchtlingskrise bewältigt, wie derlei Herausforderungen eben zu bewältigen sind. Griechenland war „gerettet“ und die Euro-Krise war behoben, wie solche Krisen nun mal zu beheben sind. Merkel hätte mit Fug und Recht sagen können, ihrem Nachfolger das Land in einem geordneten Zustand hinterlassen zu haben. Offenkundig hat sie das auch lange erwogen – so lange wie noch nie ein Kanzler zuvor. Am Ende entschied sich Merkel anders. Sie trat wieder an. Zwei Jahre später, 2018, verzichtete sie auf den Parteivorsitz und auf eine künftige Kanzlerkandidatur. Das war verständlich – damals. Schlechte Umfragen, Wahlniederlagen der CDU. Sogar ihre Nachfolge schien geregelt: Annegret Kramp-Karrenbauer, Merkels Favoritin, wurde zur Parteivorsitzenden der CDU gewählt und kam als Kanzlerin in Betracht. Doch sie entsprach nicht den Anforderungen, woran auch die Bundeskanzlerin ihren Anteil hatte. Und nun?

Merkel liegt bei Demoskopen weit vorne. Den Bewerbern für den CDU-Vorsitz wird laut Umfragen die Aufgabe der Kanzlerschaft nicht zugetraut – erst recht nicht in Zeiten der Coronakrise. Der CSU-Aspirant gilt als zu machtgierig. Der SPD-Kandidat leidet unter dem Zustand seiner Partei. Ein grüner Kanzler, eine grüne Kanzlerin? Wohl noch nicht. Nun regten Wolfgang Schäuble, der Elder Statesman der CDU, und Markus Söder (CSU) an, die Union solle ihren Kanzlerkandidaten erst nächsten April nominieren. Ihre Absicht hält vieles offen. Einen CDU-Kandidaten schonen? Für Söder den Weg ebnen? Doch klar ist auch: Sie geben Merkel ein halbes Jahr Gelegenheit, ihre Verzichtserklärung von 2018 zu überdenken, und den Unionsparteien die Zeit, sich daran zu gewöhnen. Selbst im Corona-Durcheinander von Bund und Ländern und zwischen Exekutive und Gerichtsbarkeit ist Merkels Autorität als Krisenmanagerin nicht verloren gegangen. Anders als jeglicher Nachfolger müsste sie nicht ständig ihre Durchsetzungsfähigkeit unter Beweis stellen. Söder könnte (wie versprochen) in Bayern bleiben und Jens Spahn (wie abgemacht) zu Armin Laschet stehen, der wiederum Ministerpräsident in NRW bleiben könnte – bei einem „Merkel Reloaded“. Der unwahrscheinlichsten aller Möglichkeiten. Doch keiner ihrer Vorgänger ist im Angesicht einer „Jahrhundert-Herausforderung“ (Merkel) freiwillig als Lotse von Bord gegangen.
Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF