Ein im schweizerischen Satireblatt Nebelspalter 1920 erschienenes Gedicht gelangt zu neuer Popularität: „Die Grippe und die Menschen“ Zu Beginn der Seuche (gemeint war die Spanische Grippe) fordert das Volk die Regierenden zum Handeln auf: „Was wartet ihr, schützt uns vorm Tod.“ Die Regierenden handeln. Das Volk aber ruft: „Das war es nicht, was wir gewollt. Gebt frei das Tanzen, Saufen.“ So war es, so ist es? Wenn schon öffentliches Alkoholverbot zur Silvesternacht, dann wenigstens massenhafte Glühwein-Partys vor Weihnachten. Mithin ist nicht sicher, ob die Spitzenreiter in den Umfragen (Merkel, Söder, Spahn, Scholz) dauerhaft Spitzenreiter bleiben. Zeichen von Normalität gibt es auch. Zu Ostern, zu Beginn der Seuche, erlebte „Die Pest“ von Albert Camus eine Renaissance. Nun, vor Weihnachten, sind Autobiografien aus Amerika gefragt – darunter die des künftigen Präsidenten. Dass Joe Biden die Wahl gewann, hängt ohne Zweifel mit Covid-19 zusammen, was wiederum Anlass zur theoretischen Verschwörungsvermutung gäbe: China hat die Menschheit von der Geisel Trump befreit. So gesehen: Alles Schlechte hat sein Gutes – sogar zu Ende eines vermaledeiten Jahres. Es fügt sich, dass China am besten aus der Seuche herauskommt. Ausgerechnet ein Land, in dem den vorweihnachtlichen Glühwein-Fanatikern in Umerziehungslagern die Flausen ausgetrieben würden.

Trump- und Seuchenwitze kamen in diesem Jahr auf, wobei sich drei Thesen bewahrheiteten. Erstens: Witze sind Kinder ihrer Zeit, oft kurzlebig wie die Geschichten vom Klopapier. Zweitens: Es gibt nur eine überschaubare Zahl von Witzen; die meisten sind Ableitungen. Drittens: Durch verballhornte Verharmlosung machen Witze die Wirklichkeit erträglich. Also denn. „Er zu ihr: Schatz, ich bin heiß. Sie zu ihm: Wir lassen dich morgen testen.“ Trumps Furor, das Stimmenzählen abzubrechen und sich zum Sieger zu erklären, fand Einzug in den Sprachgebrauch. „Der 1. FC Köln (Name und Thema sind optional) erklärt die Saison für beendet und sich selbst zum Meister.“ Schließlich die Kombination beider Sujets. „Donald zu Melania: Ich habe einen Coronatest gemacht. Melania zu Donald: Und – waren die Fragen schwer?“ Was sonst noch bleibt – vor dem eingeschränkt frohen Fest: Der Siegeszug des gesprochenen Gendersternchens. Fahrradwege heißen nun Pop-up-Wege. Es gibt keine Ikea-Kataloge mehr und auch keine Staumeldungen im Deutschlandfunk.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge im Beueler-Extradienst sind Übernahmen aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF