Oder: – im Science Fiction waren die Menschen besser
Seit Entstehen der klassischen Zukunftsromane ist die Virusinfektion durch Außerirdische oder durch Ansteckung aufgrund von Bombenexperimenten verrückter Wissenschaftler eine beliebte Erzählung. Einer der ersten Thriller diese Art ist 1953 der von Jack Arnold gedrehte “They Came From Outer Space” nach einer Geschichte “Meteor” von Ray Bradbury. Im Klassiker “Krieg der Welten von H.G.Wells ist die Erde den marsianischen Invasoren hoffnungslos ausgeliefert. Aber auch zur “Corona-Krise” gibt es eine filmische Blaupause: Das “Andromeda-Projekt” USA 1971 zeigt eine Verseuchung der Umwelt und massenhafte Todesopfer durch ein außerirdisches Virus.

Sehnsucht nach geeinter Menschheit

In Jack Arnolds Film schlägt ein Meteor nahe einer US-Kleinstadt ein. Menschen, die sich dem Artefakt nähern, gehen bald danach alle menschlichen Gefühle und Regungen ab. Sie negieren Gemeinschaft und Solidarität. Sie sind von Außerirdischen “übernommen” worden wie von einem Virus, weil die Außerirdischen sie für moralisch schlecht und unvollkommen halten. In H.G. Wells’ “Krieg der Welten zerstören die Marsianer als Invasoren New York, den mittleren Westen der USA und werden in letzter Minute von menschlichen Bakterien und Viren gestoppt – hier sind Viren auf der Seite der “Guten”, wie unsere Darmbakterien auch.

Anders und der aktuellen “Corona-Krise” vielleicht näher, als wir denken, der Film “Andromeda-tödlicher Staub aus dem All” von 1971, basierend auf einem Roman von Michael Chrichton. Dort stürzt angeblich eine interstellare Forschungskapsel der NASA ab und ihr Staub tötet jedes menschliche Leben bis auf ein Baby und einen Alkoholiker. Eine wohl Donald Trump seelenverwandte US-Regierung droht, das Virus mit Atombomben ohne Rücksicht auf irdisches Leben zu vernichten – eine interessante Parallelität intellektueller Überforderung Trumps und den Waffenkäufen der US-Bürger in der Corona-Krise. Ausgesuchte Wissenschaftler*innen verschwinden in einem unterirdischen Labor und kämpfen gegen das Virus und indirekt auch gegen den Irrsinn der US-Regierung. Sie lösen schließlich das Rätsel und retten die Welt, indem sie ihre Regierenden stoppen. Beunruhigend dabei: Seit 1971 hat sich das Intelligenzniveau der gewählten Herrschenden nicht nur dort drastisch verschlechtert, ebenso wie das (fast) der Hälfte der Wähler in den USA. Auch wenn die Wahl Bidens Hoffnung macht – in vielen anderen ehemaligen Demokratien wie Brasilien, Ungarn, Polen, der Türkei und Teilen Italiens mussten populistische Diktatoren nicht mehr putschen – sie wurden gewählt.

Solidarität als Gegenentwurf zur Realität des kalten Krieges

Auch in der klassischen “Science-Fiction” der sechziger bis achtziger Jahre in Westdeutschland kommen Epidemien oder Pandemien vor. Sie werden allesamt überwunden und es fällt auf: Immer durch Solidarität der Menschen oder befreundeter All-Wesen. Zumeist wird entweder die Erdbevölkerung oder eine Kolonie der Menschen im All oder eine fremde Intelligenz gerettet. Auch weil viele Autor*innen sich an den 2.Weltkrieg oder zumindest seine Folgen als bis dahin größter Menschheitskatastrophe erinnern konnten, erzählten ihre Storys oft von der Beseitigung von Diktaturen. In der S.F.-Literatur der 60er, 70er und 80er Jahre dominieren friedliche und weltumspannende Lösungen. Perry Rhodan gründet 1961 in der gleichnamigen Heftchenserie gegen die hochgerüsteten Atommächte der USA, UdSSR und Chinas die “dritte Macht” mit überlegenen, friedenserzwingenden Waffen der auf dem Mond gestrandeten Arkoniden. Ren Dhark vertreibt 1966-69 die “Giants” – grausame Invasoren der Erde – mittels eines fabelhaften Raumschiffs einer längst untergegangenen Kultur der “Mysterious” und gründet eine demokratische Weltregierung. Immer wieder findet sich in den Zeiten des Kalten Krieges in diesen Motiven neben der Eroberung des Weltalls die Sehnsucht nach Abrüstung, weltweiter Solidarität, menschlicher Nähe und Einheit gegenüber den Bedrohungen aus dem All – trotz oder wegen einer menschheitsbedrohenden Rüstungsspirale.

Ob gegen ein Virus oder die Frogs der “Raumpatrouille Orion” – die Menschheit strebt zur Einigkeit. Solidarität ist ein Grundprinzip, sogar Armut scheint ausgerottet und vor allem: Die Menschheit hat erkannt, dass Nationalstaaten Unsinn sind, die der Vergangenheit angehören. Ebenso in “Star Trek”, wo die Sternenföderation die Galaxis befriedet und einen fairen Interessenausgleich organisiert, zur Not auch mit den Fazer-Batterien der “Enterprise” durchgesetzt. Die zudem noch eine emanzipatorische Wirkung (so durch Ltd. Ohura als Schwarze Frau auf der Kommandobrücke der Enterprise 1968) entfaltet hat.

Bedrückende Realität der Pandemie 2020

Wie anders ist doch die Realität der Corona-Pandemie in diesem Jahr verlaufen? Kaum war die Krise bekannt, wurden als erstes auch in der EU nationale Grenzen geschlossen, nationale Maßnahmen getroffen. Schuldzuweisungen wie die Trumps an China, an Mexico, aber auch Deutscher an Österreich und Italien, prägten schon die Frühphase der Pandemie. Seitdem werden immer wieder ganze Gruppen verantwortlich gemacht, gerne die “jungen”, weil sich unter ihnen die Pandemie scheinbar nicht mit so gravierenden Folgen ausbreitet und angeblich die Partylaune nicht im Zaum gehalten werden kann. Wirklichkeit ist, der Riss geht quer durch die Gesellschaft, durch alle Schichten, alle Altersgruppen und alle Bildungsniveaus. Die Grenze verläuft ganz einfach zwischen sozialen, solidarischen Menschen und Egoisten – in ihrer krassesten Form ideologisch verbrämt als “Querdenker”. Dieser Egoismus hat, anders  als es seine Protagonisten vorgeben, nichts mit Freiheitsdrang oder Freiheitsliebe zu tun, denn sie schränken bedenkenlos die Freiheit anderer ein, riskieren die Ansteckung oder benutzen sie sogar als Bedrohungsmittel.

Aber auch die gesellschaftliche Solidarität trotz aller Rettungspakete und Corona-Hilfen, geht über die ungefähre Wahrung des Status Quo nicht hinaus. Die Profiteure der Krise, wie Amazon und sein Chef Jeff Bezos, lassen trotz explodierender Profite ihre Mietsklaven zu Niedriglöhnen schuften, weigern sich, die richtigen Tariflöhne zu zahlen. Und der schwarze Teil der Regierung hat schon erklärt, eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer käme für sie nicht in Frage. So hält die Realität der Utopie nicht stand, müssen SF-Sujets schöne Märchen bleiben, die mit den realen Macht- und Kapitalverhältnissen auf dem Planeten Erde nichts zu tun haben.

Utopie als Antrieb gesellschaftlichen Handelns?

Ich bin mit diesen Sehnsüchten nach Frieden und sozialer Gerechtigkeit aufgewachsen, die entweder eine außerirdische Bedrohung als Chance empfanden, dass die Menschheit endlich Klassen- und Herkunftsschranken, Grenzen und politische Systeme überwinden möge, und sich als Gemeinschaft auf diesem Planeten verstehen lerne, oder dies wie in “Star Trek” auf friedlichem Wege lerne. Dort wird eine Menschheit gezeichnet und wurde offensichtlich gedacht, die vielfach bedroht letztlich eine gute Chance habe, zu überleben und gar den Weltraum zu besiedeln, wenn man nur erkenne, wie nahe sich die Individuen und Staaten sind, wie sehr sie – und auch die verschiedenen Völker des Weltraums – aufeinander angewiesen sind. Sicher ist dieser idealistische Wunsch aufgrund der Erfahrung mit 60 Millionen Toten, dem Holocaust und dem Einsatz der Atombombe im zweiten Weltkrieg geboren – als utopischer Gegenentwurf zu millionenfachem Mord, menschlichem Leiden und bitterer Armut. Trotz der Systemrivalität zwischen Kapitalismus und “realem Sozialismus” wurde in Krisen zumindest an der Fiktion dieses Einheitsgedankens, der 1948 zur Gründung der UNO und der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgehalten. Als Apollo 13 1970 auf dem Weg zum Mond explodierte und Zweifel bestand, ob die Crew zurückkehren würde, betete nicht nur der Papst für die Crew, sondern die Sowjetunion, China und viele andere Staaten boten den USA ihre Hilfe an.

Mondlandung und Zusammenbruch des “Kommunismus” als kollektiver Utopieverlust

Mit des Sieg der USA im Wettlauf zum Mond starb eine wichtige Antriebskraft gesellschaftlicher Utopie – aber anstatt sich neue Ziele zu setzen und ernsthaft darauf hin zu arbeiten, etwa eine gerechte Entwicklung der Weltwirtschaft, Stärkung von Demokratien und Volkswirtschaften, Beseitigung von Diktaturen und Menschenrechtsverletzungen, ist spätestens seit dem ideologischen Siegeszug des Neoliberalismus in den achtziger Jahren alle realistische Utopie auf reine Geld- und Machtgier reduziert, in deren Interesse jede rigorose Deregulierung legitim erscheint. Mit dem Zusammenbruch des Sowjetsystems und des “Warschauer Paktes” geht seitdem in Ost und West die Oligarchisierung und eine hemmungslose Ausbeutung der Mittel- und Unterschichten mit allen Tricks der Finanzindustrie rasend voran. (Und religiöse Fanatiker leisten weltweit Hilfe)

Das Verschwinden der Sozialdemokratie als demokratischer Bewegung in den Industrieländern, das Wiedererstarken faschistischer Organisationen von Lega Nord über Front National bis AfD und der Aufstieg einer weitestgehend hilflosen islamistischen Terrorbewegung in den Schwellenländern, die trotz milliardenschwerer Finanzierung durch die Golfstaaten und den Iran keine ökonomisch erfolgreiche und gesellschaftlich befriedende Utopie anbieten kann, sind deutliche Symptome einer allgemeinen Sinnkrise weltweiten menschlichen Handlungsantriebs. Die Hoffnung auf das Paradies und 72 Jungfrauen als gesellschaftliche Perspektive mag bei jungen, orientierungslosen und ungebildeten Männern ja zeitweise verfangen, ist aber letztlich eine intellektuelle Bankrotterklärung menschlichen Denkens. Damit korrespondieren durchaus christliche Fundamentalisten, die sich die Frau an den Herd, die gottgleiche Herrschaft des Mannes über sie und die Kinder als wehrlose Objekte der Willkür zurück wünschen. In US-Bible Belt praktizieren sie das schon Jahre.

Die Bolsonaros Katschinskis und Orbans, Trumps, Pence’s, Höckes und Gaulands dieser Welt haben religiöse Manipulatoren auf ihrer Seite, aber außer der Spaltung der Armen zur Befriedung einer populistischen Anhängerschaft zulasten von Minderheiten erst recht keine Lösungen anzubieten – ein klassisches Merkmal des Faschismus. Würden die Ideologischen Antriebe dieser Männer klarer beleuchtet, müsste sich eigentlich niemand mehr vor so viel Dummheit fürchten.

Despoten haben nur die Drohung, aber materiell nichts anzubieten

Autokraten, Mörder und Despoten wie Duterte, Kim Jong Un, Chamenei, und Prinz Salman können sich ohnehin nur mit offener Gewalt an der Macht halten. Sie könnten aber, wie die Sowjetunion oder Myanmar schnell am Ende sein, erführen sie nicht umfassende Unterstützung und heimliche Sympathie durch die Gewinnler dieser aggresiv-zerstörerischen Kräfte – dem von Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede von 1961 als Geißel der Demokratie beschriebenen Militärisch-Industriellen Komplex. Das Besondere an der Corona-Krise ist aber, dass sie anders als Opposition, Krieg und soziale Ungerechtigkeit nicht mit Waffengewalt unterdrückt werden kann. Zwar haben sich seit jener Rede Eisenhowers die Waffengeschäfte, die  Trump mit den Saudis und Putin mit dem Iran gemacht hat, die Waffenexporte Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens durch keine demokratische Regierung bändigen und beenden lassen. Aber wenn Waffen nichts mehr nützen, könnte es sein, dass sie nicht mehr gekauft werden. Gäbe es also nach Corona wirklich eine Utopie des gerechten Sozialstaats, einer sozialliberalen Demokratie, die sich erfolgreich durchsetzte, erforderte diese eine umfassende Anstrengung zur Implementierung einer neuen (alten) Humanität, einer Bereitschaft zur ausgleichenden politischen und sozialen Entspannungspolitik – weltweit.