Angst und Sorgen wegen der Ausbreitung des Coronavirus kann man durchaus haben. Aber wenn Panik Einfluss auf politisches Handeln bekommt, dann ist das problematisch
Das mit dem mutierten Virus sei doch nur ein leicht durchschaubarer Vorwand, mailt ein Freund aus London. Boris Johnson habe gemerkt, dass es ein Fehler war, sich nicht an Empfehlungen der Wissenschaft zu halten und den Lockdown in Großbritannien schon früher verschärft zu haben. Nun bräuchte er einfach eine halbwegs überzeugende Begründung für seinen scharfen Kurswechsel. Die Mutation sei für ihn enorm praktisch.

Praktisch finden die auch andere Leute, allerdings nicht für den britischen Premierminister. Sie sehen ganz andere Interessen am Werk: „Das ist alles ein Trick, um Druck auf Boris auszuüben, damit er einen schlechten Deal für das Vereinigte Königreich akzeptiert. Gib der Erpressung nicht nach, Boris!“ So ein Leserbrief in der Daily Mail, nachdem mehrere europäische Länder die Grenzen nach Großbritannien dicht gemacht hatten. Ein anderer: „Brexit-Erpressung von EU-Ländern!“

So sehen parallele Universen aus. Zwischen diesen beiden Standpunkten liegen Welten. Und doch gibt es Gemeinsamkeiten: Beide, sowohl mein Freund als auch die Autorinnen oder Autoren der Leserbriefe, trauen der Exekutive ziemlich viel Raffinesse zu. Sie denken, dass deren Führungsspitzen imstande sind, eine – in ihren Augen relativ unbedeutende – Nachricht schlau zu nutzen und für eigene Zwecke einzusetzen.

Schön wär’s. Ich beneide alle, die das noch für möglich halten. Würde es doch bedeuten, dass auch in der gegenwärtigen Krise politisches Handeln für planbar gehalten wird, eine Intrige sich lohnt und die Zukunft berechenbar erscheint. Meinem Eindruck nach kann davon täglich weniger die Rede sein.

Sowohl zur britischen als auch zur kontinentaleuropäischen Reaktion auf die Mutation des Coronavirus fällt mir nur ein einziges Wort ein: Hysterie. Passagiere werden stundenlang unter Polizeibewachung auf Flughäfen eingesperrt, weil sich binnen weniger Stunden die Vorschriften so geändert haben, dass sie von den Reisenden schlechterdings nicht erfüllt werden konnten? Viele tausend Lastwagen stauen sich zwischen Frankreich und Großbritannien und kommen weder vor noch zurück? Und all das wegen einer Virusmutation, die seit Monaten bekannt ist, sogar der Weltgesundheitsorganisation WHO, und die längst auch auf dem europäischen Festland angekommen ist? Nein, das scheint mir nichts, aber schon wirklich gar nichts, mit rationalem Verhalten zu tun zu haben. Leider.

Internationale Virologen äußern sich abwägend und zurückhaltend. Die EU-Kommission hat sich mittlerweile gegen strikte Grenzschließungen ausgesprochen und Frankreich hat die eilends verfügten Reisebeschränkungen wieder gelockert. All das ist erfreulich. Es ist ermutigend, wenn zumindest einige Leute erst einmal Luft holen, bevor sie dramatische Maßnahmen verkünden. Oder wenn sie zur Kurskorrektur fähig sind. Angst ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber.

Nicht, dass ich Angst nicht verstünde. Ich habe selbst Angst. Privat. Und ich fände es völlig in Ordnung, wenn der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn, der britische Premier Boris Johnson oder Trump oder Merkel oder Macron oder wer auch immer nachts von ihren Ängsten geschüttelt würden. Das geht uns nichts an. Aber tagsüber: Bitte etwas mehr Haltung und Vernunft. Dafür sind Sie gewählt worden. Und niemand – wirklich niemand – befolgt Ratschläge von Leuten, die erkennbar unter Panikattacken leiden. Deshalb haben die eiligen, allzu eiligen Reaktionen auf die britische Virusmutation der Bekämpfung der Pandemie eher geschadet.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.

Über den/die Autor*in: Bettina Gaus

Bettina Gauss ist politische Korrespondentin der taz. Von 1996 bis 1999 leitete sie das Parlamentsbüro der Zeitung, vorher war sie sechs Jahre lang deren Korrespondentin für Ost-und Zentralafrika mit Sitz in Nairobi. Ihre Beiträge sind Übernahmen von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.