Ist Belarus zahlungsunfähig? Und Ägypten nicht?
Die Sportredaktion des Deutschlandfunks schätze ich sehr. Sie macht noch richtigen Journalismus, im Unterschied zur sonst üblichen Produktpräsentation, die die epidemisch verbreitete Ranschmeisserei verursacht. Umso mehr stiess mir heute morgen auf, als die geschätzte Marina Schweizer zunächst diese Meldung über die Absage der Eishockey-WM in Belarus vortrug, um dann zu behaupten “aus ganz anderen Gründen” sei die Handball-WM in Ägypten umstritten (wg. Corona).
Ich muss an dieser Stelle einschieben: ich hasse es, wenn sich Politik und Medien an scheinbar “objektiven” Zahlen glauben festhalten zu müssen. Es zeigt, dass sie keinen anderen festen Halt mehr haben, dass sie komplexe Zusammenhänge und Probleme nicht mehr verstehen, dass sie ihre Autonomie irgendwo an der Garderobe abgegeben haben. Nach dem Motto “die Tabelle lügt nicht” hat sich schon lange wie eine Pandemie das “Ranking” verbreitet, das angeblich Vergleichbares vergleicht. Nun gut, dann passen Sie jetzt mal auf.
5-Minuten-Recherche
Die politische Lage in Belarus ist schlimm. Die Entscheidung des Eishockeyverbandes ist spät, aber richtig. Ich habe dann mal in meine Suchmaschine eingegeben: “politische gefangene ägypten belarus weissrussland zahl”. Und tja, meine Suchmaschine zeigt auf den ersten Seiten überhaupt kein “Ägypten” an. Das liegt sicherlich an den personalisierten Algorithmen, und würde bei Ihnen mit ihrem viel objektiveren Blick auf die digitale Welt wahrscheinlich ganz anders aussehen. Ich habe bei Belarus Einzelmeldungen gefunden, die besagten, dass bei einzelnen Grossdemonstrationen der Opposition mehrere hundert Menschen festgenommen wurden.
Ich habe dann in meiner Suchanfrage die Worte “belarus weissrussland” entfernt, um zu Ägypten vorzudringen. Nun fand ich dieses Interview aus dem Jahr 2019 von Amnesty International mit Aida Seif al-Dawla, eine der Gründerinnen des Nadeem-Zentrums für die Rehabilitierung von Opfern von Gewalt und Folter. Frau al-Dawla schätzt die Zahl der politischen Gefangenen in ihrem Land auf 40-60.000. Dass ist zwei- bis dreimal so viele, wie die Grünen in NRW Mitglieder haben – aber Ägypten ist ja auch viel grösser.
Seltsamerweise veröffentlichen Staaten keine offiziellen Statistiken über die Zahl ihrer politischen Gefangenen. Darum sind Belarus und Ägypten in dieser Hinsicht also kaum vergleichbar. Vielleicht können wir uns darauf einigen: bei beiden sieht es irgendwie schlecht aus.
Es gibt allerdings eine andere superobjektive tabellarische Aufstellung. Sie ist von unserer geliebten Bundesregierung. Die “Hauptbestimmungsländer von Genehmigungswerten” für deutsche Rüstungsexporte (s.S. 28 des verlinkten Dokuments). Dort sehen wir, dass Ägypten im 1. Halbjahr 2019 den ehrenvollen 2. Platz, die “Silbermedaille”, errang (hinter Ungarn), und diesen Platz im 1. Halbjahr 2020 souverän verteidigte (diesmal hinter Israel). Jetzt suchen Sie mal, nur so zum Vergleich, in diesem Dokument eine Erwähnung von Belarus/Weissrussland. Sehen Sie, das ist doch schon mal ein grosser Unterschied.
Dazu müssen Sie und ich wissen: sowohl Sportturniere als auch Rüstungsgüter müssen gekauft werden. Das setzt Zahlungsfähigkeit voraus. Obwohl: Weissrussland hat ein BIP/Einwohner*in von 6.300 US-$, Ägypten nur von 2.500 US-$ (Quelle Wikipedia, Zahlen von 2017) – hm, daran kanns also auch nicht liegen.
Es müssen politische Prioritäten sein. Ägypten hat im Unterschied zu Belarus einen “beeindruckenden Präsidenten”. Das wird es sein.
Jetzt warte ich gespannt, was sich die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsident*inn*en heute gegen die Coronaverbreitung durch Mannschaftssport-Veranstaltungen ausdenken. Weil die Handball-WM ja deswegen “umstritten” ist.