Wirklich überrascht hat mich dieser Tage ein Buch über das Berliner Stadtschloss, dessen Nachfolgebau anstelle des im DDR-Volksmund “Palazzo Protzo” genannten Palasts der Republik erbaut worden ist. Ich muss zugeben, dass ich zunächst das Ansinnen, den ehemaligen DDR-Parlamentssitz – natürlich zeitgetreu seines Baujahrs asbestverseucht – abzureissen und stattdessen  ein Gebäude mit der alten wilhelminischen Fassade zu errichten, für als einen typisch bundesrepublikanisch-geschichtslosen Akt gehalten habe. Zudem würde damit, so mein Vorurteil, der derzeit aufkeimenden historischen Dreistigkeit der unsäglichen Hohenzollern-Nachfahren und ihrerv Ansprüche Vorschub geleistet. Christian Walthers kürzlich erschienenes Buch “Des Kaisers Nachmieter” hat mich erhellend meinen tiefen Irrtum erkennen lassen.

Denn das Berliner Stadtschloss war nach der feigen Flucht Kaiser Wilhelms II 1918 vor der Verantwortung für Imperialismus und Militarismus der Vernichtungsschlachten im 1. Weltkrieg, dem Völkermord in Südwestafrika und China nicht nur Volkseigentum geworden, sondern Sitz und blühendes Zentrum einer progressiven republikanischen Kultur und Demokratie. Dieses Zentrum wurde vor allem durch die Tätigkeit von linken, radikaldemokratischen und liberalen Frauen und ihrer Arbeit geprägt. Eugenie Schwarzwald, Pionierin der Frauenbildung, die spätere DDP-Abgeordnete Marie-Elisabeth Lüders, die mit Lise Meitner und Helene Lange ein Tagesheim für Studentinnen im Schloss einrichtete, wo die Physikprofessorin Meitner Vorlesungen über Atomwissenschaft für Frauen abhielt. Oder Anna-Gudrun Meier-Scherling, die 1965 als erste Richterin ans Bundesarbeitsgericht kam, Marguerite Wolff, Dozentin für Völkerrecht und Autorin von Lehrbüchern für den LKW-Führerschein, Ingrid Dybwad, Begründerin des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes, Elisabeth Henschel-Simon, die nach Palästina emigrierte, Eva Kemlein und letztlich Margarete Kühn, die als Verwalterin den Abriss nicht verhindern konnte. Ihrer aller Wirkungsstätte war hier vom ersten Tag der Weimarer Republik an.

Und wieder nach Kriegsende bis 1950, bis zur Sprengung des Schlosses durch die SED Walter Ulbrichts, war das Schloss Wirkungsstätte von Kunst und Kultur des Volkes. Dabei war es seit 1918 längst ein revolutionär besetztes Gebäude geworden, das Karl Liebknecht, Chef des Spartakusbundes am 9.November 1918 – zwei Stunden nach der Proklamation der Republik durch den SPD-Genossen Phillip Scheidemann – symbolisch in Besitz genommen hatte: „Liebknecht wies dann auf das Hauptportal des Schlosses und rief mit erhobener Stimme: ‚Durch dieses Tor wird die neue sozialistische Freiheit der Arbeiter und Soldaten einziehen. Wir wollen an der Stelle, wo die Kaiserstandarte wehte, die rote Fahne der freien Republik Deutschland hissen!‘ […] Die Soldaten der Schloßwache, die auf dem Dach sichtbar waren, schwenkten die Helme und grüßten zur Menge herab, die auf das Tor zudrängte.”

Anhand spannender Biografien des Wirkens starker Frauen im Stadtschloss zeichnet der Autor die Zeit der Weimarer Republik nach, in der das Gebäude eine zentrale Rolle der republikanischen und emanzipierten Kunst- und Politikszene des demokratischen Berlin spielte. In einem zweiten, kürzeren Teil die Okkupation des Ortes durch die Nazis und seine Reduzierung auf ein Museum, aus dem alle fortschrittlichen und vor allem jüdischen Intellektuellen vertrieben wurden. Das letzte Kapitel reicht vom Wiederentstehen einer progressiven Nutzung bis zum jämmerlichen Ende durch die Apparatschicks der SED.  Ein Höhepunkt des wiedererstandenen Museums waren  zweifellos die Feiern zum 100-jährigen Gedenken an die demokratische Revolution und Paulskirchenverfassung am 17./18.März 1948.

Das letzte Kapitel zeichnet die Zeit nach der Sprengung nach, die Planierung des Marx-Engels-Platzes und die Errichtung des Staatsratsgebäudes der DDR bis hin zum Ende des “Palast der Republik”. Der kommt, das finde ich schade, praktisch nur als Fußnote am Rande vor, was seiner Bedeutung auch nicht gerecht wird. Denn wann hat es schon mal ein Parlament in Deutschland gegeben, in dessen Räumlichkeiten die Abgeordneten tagten, in dessen Räumen aber auch Jugendweihe- und Hochzeitsfeiern stattfanden und das in großen Teilen für die Öffentlichkeit zugänglich war? Aber dies zu leisten, wäre eine weitere kritische Würdigung – auch der Rolle der Volkskammer, erforderlich.

Christian Walther macht uns die außergewöhnliche Geschichte eines außergewöhnlichen Ortes und des Wirkens außergewöhnlicher Frauen zugänglich, ist dabei spannend zu lesen und voller neuer Erkenntnisse. Der Erfolg der Bücher und Fernsehserie “Babylon Berlin” hat gezeigt, wie wenig wir bisher über die erste Demokratie in Deutschland, die Weimarer Republik und ihre republikanische Kultur wissen, welche kulturellen Reichtümer die Barbarei der Nazis zerschlagen hat. “Des Kaisers Nachmieter” ist ein Muss für alle, die die reichen Facetten der demokratische Geschichte Deutschlands vertiefen und über ihre Protagonist*innen mehr erfahren wollen.
Dr. Christan Walther, “Des Kaisers Nachmieter” erscheint im Verlag Berlin Brandenburg, Juni 2021, 184 S. ISBN 978-3-947215-28-7

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel, Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Er arbeitet und lebt im Rheinland.