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Erinnerung

Bedrohter als die Grünen sind die Frauen
Albrecht Lucke/Blätter analysiert die Startphase des Bundestagswahlkampfes: “Alle gegen Annalena: die Angst der Grünen und vor den Grünen”. Wie immer lesenswert, aber mit Lücken. Spätestens seit dem fulminanten Bundestagswahlkampf 1972 war es, dachte ich, Allgemeinwissen, dass die rechten, reaktionärsten Kreise des deutschen Politikspektrums (und Grosskapitals) keine ehrlich-sportlichen Verlierer (sehr wenige Frauen mitgemeint) sind. Und es fundamentaler gesellschaftlicher Bewegungen bedarf, um gegen sie eine Wahl, die immer in einem vermachteten Umfeld stattfindet, gewinnen zu können.
Ich weiss heute, dass es kein Allgemeinwissen (mehr) ist, und zwar weniger in der Klasse der politisch Handelnden, als in der älter werdenden Wahlbevölkerung. Dazu ist das Thema der Russland-Beziehungen ein prägnantes Beispiel, wie es mein Freund Rudolf Schwinn aktuell und lokal bezogen verdichtet hat. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland hat im Kopf, dass Russland Atommacht ist, und dass es besser wäre, mit ihm gute statt schlechte Beziehungen zu haben. 1972 war das wahlentscheidend. Und für die Auflösung der DDR und ihren Beitritt in die BRD 1990 übrigens auch. Heute wäre es das nicht mehr. EU und Nato sind so scharf auf die ökonomische Eroberung der Ukraine und Belorusslands, dass sie sich sogar ein spektakuläres aber wenig berichtetes Militärmanöver im Schwarzen Meer trauen (weitere Manöver zeigt Ihnen hier Friedrich Küppersbusch im Überblick, er möchte mit Deutschlandfahne winkend “gerne in der Vorrunde vom Dritten Weltkrieg ausscheiden”; der Unterschied zum Kalten Krieg und heute sei, dass damals noch miteinander gesprochen wurde). In den 80ern hatten fast alle, Herrschende und Beherrschte, noch (berechtigte) Angst vor einem Atomkrieg “aus Versehen”.
Eine Bonner Oberbürgermeisterin, geboren, als ich Rudolf Schwinn kennenlernte, hat andere Prioritäten. Sie hat so viel alltagspraktischen Ärger, dass sie überregionale auf mentalem Russlandfeldzug befindliche Medien nicht auch noch gegen sich aufbringen will (und kann). Auch wenn Aufmerksamkeit an sich eine Währung ist: der Aufwand wäre grösser, als sie sich den als Kommunalpolitikerin zutraut. Der Kollege Palmer aus Tübingen liefert dazu das spektakulärste Beispiel, kein Gutes.
Sie schwimmt damit im gleichen Wasser wie ihre Partei auf Bundesebene: zuviele Feinde (Frauen kaum mitgemeint) könnten zu einem endgültigen Döppen führen, zu riskant. Ob das immer weise ist, bezweifle ich. Der Beweis könnte im September folgen. Die Grünen hätten – potenziell – eine gesellschaftliche Bewegung hinter sich: Fridays For Future hat sich längst von Kindern und Jugendlichen auf Eltern, Grosseltern, Wissenschaft, Gewerkschaften u.v.a. ausgeweitet. Die Bewegung fährt damit eine weit klügere und offensivere Bündnisstrategie als die Grünen selbst. Letztere versäumen, ihre Sozial- und Steuerpolitik nach vorne zu stellen, weil sie sich – angeblich – an dieser Herdplatte schon mal die Finger verbrannt haben. Das meint ja auch Lucke. Aber wer darauf konfliktallergisch reagiert, zeigt damit den Gegner*inne*n seine verwundbare Stelle, weckt deren Jagdinstinkt (Gauland!), und macht damit nichts besser.
Am Ende wollen alle Wähler*innen berechtigterweise wissen, wer die Rechnung bezahlt. Dass eine Mehrheit das für sich ablehnt, ist zwar nicht hilfreich, aber auch nicht komplett abwegig. Da bedarf es konfliktfreudigen Streitens. Wer sich das nicht zutraut, hat schon verloren.
Was dringender ist
Femizid ist kein schönes Wort, hat darum keine Chance populär zu werden. Es ist ein Name für etwas besonders hässliches. Keine schönen Bilder, keine repräsentativen Gesichter. Die Bilder, die es davon gibt, will niemand sehen. Darum hat auch niemand Lust darüber zu reden oder zu schreiben. Die es dennoch tun, weil sie es meinen tun zu müssen, werden als Nervensägen wahrgenommen. Spiegel-Kolumnistin Margarete Stokowski wird von vielen (Männern) so geframed (oder geframet?), lässt sich davon zum Glück nicht bremsen. Meine Lieblingsstelle: “Menschen, die Konflikte mit Messern lösen wollen, brauchen eine Therapie. Auch, wenn sie keine Krankenversicherung haben.” Gute Arbeit, weitermachen.

2 Comments

  1. Peter Kramer

    Das Genöle wegen des Lebenslaufs von Annalena Baerbock und die Plagiatsvorwürfe empfinde ich als unpolitisch. Von führenden Politikerinnen erwarte ich nicht, dass sie das Rad neu erfinden, sondern mir ihre Positionen (und die ihrer Parteien) verständlich erklären. Dafür ein Buch kaufen zu sollen, halte ich für eine Zumutung, das geht mir auch bei Sarah Wagenknecht so. Was ich allerdings nicht verstehe, wieso buchen die Grünen zur Abwehr der Plagiatsvorwürfe einen berüchtigten Anwalt wie Christian Schertz, der u.a. für den Tönnies-Konzern kritische Berichterstattung verhindern soll?

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  2. Helmut Lorscheid

    Warum beauftragen sie diesen Anwalt? Weil die Grünen – jedenfalls die meisten von ihnen – schon länger nichts mehr merken und völlig im eigenen Kosmos schweben. Annalena B. umgibt sich ja auch lieber mit Ex-Siemens-Vorständen, als etwa mit Gewerkschaftern und einfachem Volk. Ich denke mal, die werden gehörig auf die Schnauze fallen bei dieser Wahl – und es wäre unredlich, wenn ich sagen würde, es täte mir leid. Meine Konsequenz daraus – Die Linke wählen. Die waren auch schon mal besser – aber ich sehe sonst nichts besseres.

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