Frauen kommen gewaltig, aber nicht alle merken es
Was für ein Phänomen Alexandria Ocasio-Cortez ist, habe ich hier schon mehrmals erörtert. Für die Massendemos gegen das texanische Abtreibungsverbot hat sie im US-Kongress erneut eine von weltweiter Medienbeachtung begleitete politische Rolle gespielt. Die stellv. taz-Chefin Katrin Gottschalk hat nun der neugewählten SPD-Bundestagsabgeordneten Rasha Nasr einen roten PR-Teppich ausgerollt, gleichzeitig mit dem von Nasr selbst hervorgehobenen AOC-Vergleich die Latte für die junge Frau sehr hoch gelegt. Ob das spannend wird? Schön wärs.
Es wird nicht leicht. Ein Grund dafür könnte die sog. “Stutenbissigkeit” werden. Die Frauen müssen nicht übermässig nervös deswegen werden. Denn genauso gibt es Hengstbissigkeit, die wird nur besser getarnt. Und manche sind nur Wallache. (Un-)Schön zu sehen in der Katholischen Kirche, deren Führungsgremien jetzt schon an der Beschlussfähigkeit scheitern. Keine Frauen in Führungspositionen, keine Demokratie geübt, keine bürgerlichen und Arbeits-Rechte sondern “Kirchenrecht” – sowas kommt von sowas.
“Es kann nur eine geben” hat Carolin Kebekus ein Buch (Co-Autorin: Mariella Tripke) betitelt, brav nacherzählt von dpa-Autor Christoph Driessen – Frau Tripke zu erwähnen, muss er vergessen haben; oder wars der Verlag? Frau Kebekus, erst 92, lässt nichts aus. Mir fallen noch einige andere, zum Teil noch jünger als sie, auf, die nichts auslassen, auf einer Welle reiten müssen, in Panik, dass sie jederzeit wieder (beruflich) zusammenbrechen kann. Und dann ist frau plötzlich vergessen von der was-mit-Medien-Industrie. Das ist einerseits realistisch kalkuliert, wird aber kein gutes Ende finden. Real existierende Aufmerksamkeitsökonomie. Doch sich den Mechanismen ihres Geschäfts anzupassen, ist kein guter Rat. Frauen mögen mir entgegenhalten: du hast ja auch keine “Bioklippe”. Ist es das?
Senta Berger bekam eben einen Filmpreis für ihr “Lebenswerk”. Die spielt bis heute alte Frauen, exzellent, bravourös, und mit viel politischem Verstand im Kopf. Am Ende muss es darum gehen, dass die Frauen mehr Macht über die Produktionsverhältnisse der Branche bekommen. Sie sind auf dem Weg. Aber er ist weit und beschwerlich.
Mein Gewerkschaftsboss weiss davon. Er ist sowohl für Medienbranchen zuständig, als auch für die, “die den Laden am Laufen halten” (Pflege, Einzelhandel etc.). Und sein was-mit-Medien-Interviewer Stephan Detjen, der innerhalb des DLF nicht zu den Rechten gehört, hält ihm allen Ernstes vor, eine Tarifforderung von 5% bei aktuell 4% Preissteigerungen würde die Inflation anheizen. So wie ich manchen Fussballkommentator, der bei einem Tor meint, der Torwart hätte den halten müssen, gerne persönlich in so ein Tor stellen würde, so sollte so mancher Interviewer sich mal vor streikende Krankenpfleger*innen stellen, und noch mal den gleichen Unsinn reden.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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