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Thielismus

mit Update 7.10.
Und: warum Linke nicht dümmer schreiben sollten, als sie sind
Zuerst das Positive. Milliardäre (Frauen eher nicht mitgemeint) haben es schwer. Sie sind so viel schlauer als die andern, dass sie immer mehr selbermachen müssen. Sogar die Ideologieproduktion. Peter Thiel kann davon ein Lied singen. Oder ist es eher so, dass das “nur” für deutsche Wichtigtuer, wie er einer ist/war, gilt? Dann wäre es für uns kleine Ameisen auf dieser Welt noch ein übersichtliches Problem. Deutschland ist zwar klimapolitisch ein Dreckschwein, aber an Fläche und Einwohner*inne*n ein Zwergstaat.
Alexander Fanta/netzpolitik.org erinnert an Thiels Buch “From Zero To One”. Ich dachte: häh? So ein IT-Milliardär schreibt noch Bücher? Aber geschenkt. Aus Fantas Sicht gewinnt Thiels dort niedergelegte Weltsicht Anhang unter seinesgleichen. Und das sind nun mal die Mächtigen im Netz, die längst die meisten unserer persönlichen Daten gestohlen haben, mit ihnen jetzt Handel treiben und dabei ungebremst immer reicher werden. Wofür eigentlich? Auf jeden Fall für eine fette Lobbyindustrie, die sie von ihren Milliarden gut ernähren. Ich bin, wie Sie wissen, näher bei Sibylle Berg. Aber wer seine Gegner schlagen will, muss sie kennen. netzpolitik.org arbeitet übrigens komplett paywallfrei. Die ganze Welt kann sich, Sprachkenntnisse vorausgesetzt, dort schlauer machen. Die Kolleg*inn*en feiern nächstes Jahr 20. Geburtstag.
Update 7.10.: heute wurde bekannt, dass Peter Thiel des “Frank-Schirrmacher-Preis” erhalten soll. Dass sich Schirrmachers Nachfolger im FAZ-Herausgeber-Amt – aufregender ist das FAZ-Feuilleton unter seiner Herrschaft jedenfalls nicht geworden – dafür auch noch in den publizistischen Regen stellt, demonstriert auf spektakuläre Weise, was die CDU politisch repräsentiert: die Abmeldung der deutschen Konservativen vom seriösen intellektuellen Zukunfts-Diskurs auf diesem Planeten. Die Raumfahrt der Superreichen ist sowas von 1969 … Das würde selbst den rechten Schirrmacher grämen. Der war wenigstens satisfaktionsfähig.
telepolis
Beim Heise-Unternehmen telepolis werde ich langsam grüblerisch. Der Anteil des selbstreferenziellen Besserwissens steigt, und parallel verringern sich interessante, unbeleuchtete Themen und Analysen. Ich will meine Kritik an einem noch vergleichsweise besseren, lesbaren Beispiel verdeutlichen. Sabine Schiffer kritisiert die Nichtpositionierung der deutschen Medienmehrheit zum Abschalten des russischen Mediums RT bei Youtube (Google/Alphabet). Ihre Kritik ist berechtigt, zumal sie auf eine Identifikation mit RT wohltuend verzichtet. Eine schwere Analyseschwäche ist jedoch ihr Verständnis von ARD und ZDF als einheitliche konsistent handelnde Subjekte. Das ist ein Fehler, der auch bei der kritischen Betrachtung von Parteien gerne “genommen” wird, um die “Story” nicht zu verderben.
Inhaltlich ist das jedoch Unsinn. Jede öffentliche Medienanstalt (und auch jede Partei) ist von zahlreichen Widersprüchen durchzogen. Ein existenzielles Problem für jede von ihnen wäre es, wenn das nicht mehr so wäre. Linke Intelligenz besteht darin, diese Widersprüche zu erkennen, zu analysieren und zu nutzen.
Zum Schluss ein gutes Beispiel
Heises Missing-Link-Kolumne von Christiane Schulzki-Haddouti Der Traum von der grünen Cloud – Wie wirken Cloud-Dienste auf Klima und Umwelt? Darüber ist wenig bekannt, doch Gerichtsurteile, und politische Vorgaben erhöhen den Druck auf die IT-Branche.” ist mal wieder die Lesezeit wert und voll auf der Höhe heute nötiger politischer Diskurse. In der Sache hart und konstruktiv. Eine bekannt starke Autorin, von 2005-7 übrigens Dozentin in Bonn.

Ein Kommentar

  1. joha

    Eine intellektuell (und zeitlich) anspruchsvolle Rezension der Thiel-Biografie findet sich hier, da werden die Widersprüche zwischen “libertär” und “…aber nahe an den Staatsbudgets” sehr deutlich.

    “What Thiel demonstrates is that unregulated, free-market capitalism is in fact closely aligned to state capitalism. Deregulation means that nothing constrains the monopoly power of the security state and nothing gets in the way of people selling it their bogus and corrupting wares.”

    https://www.lrb.co.uk/the-paper/v43/n18/david-runciman/competition-is-for-losers

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