Pandemie-Drahtseilakte überall: u.a. in Frankreich und Berlin
“Enteignet Springer!” hatten die 68er gefordert. Wäre besser gewesen für diese Republik. Ich war 11, und hatte andere Interessen: Borussia Mönchengladbach war erstmals Dritter geworden, hinter Nürnberg und Bremen, vor dem FC und dem Konzern aus dem süddeutschen Raum. Im Müngersdorfer Stadion war der FC 5:2 abgeledert worden, durch Tore von Wimmer (2), Meyer (2) und Netzer; im Kölner Tor: Toni Schumacher aus Bonn, der echte. So dauerte es bis zum 4. Quartal 2021 zum vorentscheidenden Auflagen-KO der Dreckschleuder aus dem Springerkonzern.
Im Zeitungsgeschäft gibt es nur eine harte Währung: die ivw-kontrollierte verkaufte Auflage. Die kennt bei gedruckten Zeitungen seit drei Jahrzehnten in Deutschland nur eine Richtung: abwärts, bei denen einen steil, bei den andern noch steiler (Ausnahme: Die Zeit). Wenn Sie wissen wollen wie es dem Bonner General-Anzeiger dabei geht, gucken Sie bei ivw selbst nach; mich interessiert es nicht mehr. Die sog. Zeitung Bild gehört zur letzten Gruppe – wo es ganz steil läuft. Sie ist im letzten Quartal 2021 bei gerade noch 971.000 gelandet. Das bedeutet, zugunsten von “Bild” gerundet: 98,8% aller Einwohner*innen lassen die Finger davon, jedenfalls wenn es Geld kosten soll.
Lassen Sie sich von den Meldungen, die die betroffenen Medien verbreiten, nicht in die Irre führen. Wie im Krieg melden sie ausschliesslich gewonnene Schlachten und verschweigen alle Niederlagen. Die objektiven Zahlenwerke werden in den Medienfachdiensten luft- und blickdicht in Bezahlmauern versteckt. Gert Hautsch/Junge Welt hat reingeguckt. Daraus ergibt sich klar, dass die breit vermeldeten digitalen Erfolge im Aboverkauf nicht im geringsten die Verluste im Printbereich aufwiegen. Das Geplärre der nur noch ganz wenige Milliarden besitzenden Verlegerfamilien (“Familienunternehmen”) nach Staatssubventionen wird laut anschwellen – da können Sie die Uhr nach stellen.
Die Junge Welt ist nur wenig besser: die Meldung über die Preisverdoppelung für den Fussball-Streamingdienst Dazn hat sie ihrerseits eingemauert.
Frankreich
Politik ähnelt dem Pokerspiel. Die meisten innenpolitisch schwachen Regierungen (JohnsonBoris, Niederlande, Dänemark) setzen auf den nahtlosen Übergang von Pandemie auf Endemie. Wenn erst die Kinder alle infiziert und danach genesen sind, sind alle gegen das fiese Virus geschützt. Ein bisschen Schwund, bei Alten und Kranken, ist immer, und entlastet die Sozialkassen. Sie machen jetzt das, was Trump schon die ganze Zeit wollte. Und glauben, dass das gut für ihre Wiederwahl ist. So auch Emmanuel Macron in Frankreich. Die Linke hat sich zur Verzweiflung ihrer Wähler*innen in immer mehr Zellen zerlegt (Bernhard Schmid/Jungle World und Christiane Kaes/DLF, Audio 6 min), dass Macron als kleineres antifaschistisches Übel obsiegen will. Ob diese Rechnung aufgeht? Ich zweifle.
Berlin-Neukölln
Kirsten Achtelik/Jungle World berichtet, was das gegenwärtige pandemiepolitische Irrlichtern für ihren Neuköllner Alltag als Krebskranke bedeutet. Ich gestehe: in vergleichbarer Lage wäre von mir nur noch ein verzweifelter Jammerlappen übrig. Aber schreiben hilft. Wie viele vergleichbar Betroffene mag es geben? 4,65 Millionen? Wow, sind die aber leise.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net