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Ausländer rein

Allmählich wächst die Einsicht, dass man beim Stichwort „Ausländer/innen in Deutschland“ nicht unbedingt an eine unüberschaubare Zahl von Asylbewerber/innen, an übergriffige junge Männer und an Clan-Kriminalität denken muss, sondern eher an die Vielzahl und Vielfalt integrierter ausländischer Mitbürger/innen, ohne deren Einsatz unser Gesell­schafts- und Wirtschaftssystem nicht funktionieren würde.

Eine einseitige Argumentationsverengung auf Flucht und Asyl verkennt, dass Deutschland ohne einen signifikanten Zuwanderung von qualifizierten Fachkräften erhebliche Wohl­standsverluste drohen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft erwartet, das sich das Wachstum in den nächsten 15 Jahren wegen der überdurchschnittlich hohen Zahl von Personen, die in den Ruhestand gehen, deutlich verlangsamen wird. Zur Stabilisierung des Wachstumspotenzials empfiehlt es daher die Zuwanderung qualifizierter ausländi­scher Arbeitskräfte. Dies macht sich auch der Bundesarbeitsminister zu eigen. Er will die Si­cherung von Fachkräften zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit machen, Hürden abbauen und das Einwanderungsgesetz entbürokratisieren. Und die NRW-Landesregierung will „mit gutem Beispiel vorangehen“ und mehr Menschen mit Migrationshintergrund im öffentlichen Dienst einstellen.

Inzwischen wird der drohende Mangel an geeigneten Arbeitskräften schon zur Forderung nach einer Verlängerung der Lebensarbeitszeit genutzt. Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, sieht die politische Planung mit einer Be­grenzung der Sozialversicherungsbeiträge und einem Mindestniveau für die Renten als nicht tragfähig an und plädiert für eine verlängerte Lebensarbeitszeit und für die Einwan­derung von Experten.

Es ist schon eine merkwürdige Situation. Einerseits wird politisch (fast) alles daran ge­setzt, asylsuchende Flüchtlinge von Deutschland fernzuhalten (obwohl diese weniger als 10 % der Zuwanderung ausmachen), andererseits wird der nötigen Anwerbung qualifizier­ter Migrant/innen kaum Aufmerksamkeit geschenkt. So wird ein Zerrbild gefördert, das Flucht und Migration gleichsetzt und das in bestimmten Bevölkerungskreisen gern aufge­griffen und verbreitet wird. Daher wäre es nötig, gerade gegenüber den fremdenfeindli­chen Kreisen zu verdeutlichen, dass auch deren Wohlstand ohne ausreichende Arbeitsmi­gration gefährdet ist.

Im aktuellen Koalitionsvertrag heißt es immerhin: „Wir vereinfachen und beschleunigen die notwendige Gewinnung von ausländischen Fachkräften und die Anerkennung von im Aus­land erworbenen Berufsabschlüssen.“ Das ist auch dringend notwendig. Immer wieder hört man, dass qualifizierte ausländische Mitbürger/innen nicht in ihrem erlernten oder stu­dierten Beruf tätig werden dürfen, weil irgendwelche Tests, Papiere oder Formalia unzu­länglich sind. Hier müssen Lösungen gefunden und Perspektiven entwickelt werden.

2019 hatten in Deutschland 26 % der Bevölkerung (21,2 Mio. Menschen) einen Migrati­onshintergrund, gut die Hälfte sind deutsche Staatsangehörige. Von ihnen besitzen 50 % seit Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie haben einen Migrationshinter­grund, weil mindestens ein Elternteil ausländisch, eingebürgert oder (Spät-)Aussiedler/in ist. Wei­tere 25 % sind eingebürgert. 1,8 Mio. Menschen – also nur 8,5 % aller Personen mit Mi­grationshintergrund – waren aus Flucht- und Asylgründen nach Deutschland gekom­men. Ende 2020 hatten 1,4 Mio. aus verschiedenen Gründen einen Schutzstatus, bei wei­teren 0,4 Mio. war der Schutzstatus (noch) offen bzw. ein Asylantrag abgelehnt.

Das bedeutet: Die große Mehrheit der Menschen, die als Geflüchtete zu uns gekommen sind, hat legitime, durch den Rechtsstaat bestätigte Schutzansprüche. Sie müssen auf je­den Fall integriert werden, am besten mit beruflichen Perspektiven. Immerhin hat jeder zweite Flüchtling spätestens fünf Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland einen Arbeits­platz, gut achtzig Prozent davon sozialversicherungspflichtig. Allerdings haben Geflüchtete auf dem Arbeitsmarkt schlechtere Chancen als andere Migrant/innen. Sie kommen „unvor­bereitet“; Bildung und Ausbildung passen schlechter zu unseren Arbeitsmarktanforderun­gen; sie bringen in der Regel keine deutschen Sprachkenntnisse mit; und sie stehen vor zahlreichen institutionellen Hürden. Das gestiegene Angebot von Sprach- und Integrati­onsprogrammen hat die Lage offenbar spürbar verbessert.

Nicht nur die Männer, auch 30 % der Frauen haben nach fünf Jahren einen Arbeitsplatz, obwohl 70 % Kinder haben. Bemerkenswert ist, dass 90 % der Geflüchteten dafür sind, Frauen gleichberechtigt am Erwerbsleben teilhaben zu lassen. Erstaunlich ist, dass 57 Prozent der erwerbstätigen Geflüchteten eine qualifizierte Tätigkeit als Fachkraft oder eine noch anspruchsvollere Tätigkeit ausüben, obwohl nur 25 Prozent über eine Hochschul- oder Berufsausbildung und nur 16 Prozent über entsprechende Abschlüsse verfügen. 3)

Trotz dieser positiven Entwicklung können Flüchtlinge nicht wirksam zur Minderung des Fachkräftemangels beitragen. Erstens quantitativ, weil sie nur rund 5 % der ausländischen Erwerbstätigen in Deutschland stellen. Zweitens aber auch qualitativ, weil sie eine große Zahl von Berufsfeldern nicht abdecken können. Daher brauchen wir eine offene Gesell­schaft, die Erleichterung der Zuwanderung, die Verbesserung der Anerkennung von Be­rufsabschlüssen und gezielte Aus- und Fortbildungsmaßnahmen. Vor allem müssen wir das Zerrbild korrigieren, wonach eine große Zahl von Ausländer/innen in Deutschland Flüchtlinge sind.

Laut Bundesanstalt für Arbeit besteht in Deutschlands Wirtschaft Personalmangel, die Ver­bände for­dern daher ein gezielte Einwanderung. Insbesondere bei Fachkräften herrsche eine drama­tische Knappheit. “Insgesamt werden derzeit etwa 1,2 Millionen Arbeitskräfte, davon zwei Drittel Fachkräfte, gesucht”, heißt es dort. In etwa 70 Berufen gibt es bereits Personaleng­pässe, bei Sozialpädagog/innen, Altenpfleger/innen und Krankenpfleger/in­nen seien diese besonders groß. Unter akutem Mangel leiden zudem die MINT-Branchen (Mathematik, In­formatik, Naturwissenschaft und Technik) und das Handwerk. Ähnlich ist es bei den Aus­zubildenden. So konnten zum Start des Ausbildungsjahres 2020 fast 60.000 Ausbildungs­stellen nicht besetzt werden.

Welche Rolle Ausländer/innen für das Fachkräfteangebot haben, kann man in Großbritan­nien nach dem Brexit sehen. Obwohl der Zugang zum Arbeitsmarkt nur für diejenigen ein­geschränkt ist, die keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung haben, mangelt es vielerorts an Personal. Wer aus der EU kommt, benötigt ein Visum, und bei der Einwanderung wird eine harte Linie gefahren. Ziel von Boris Johnson war, Jobs für Brit*inn*en zu schaffen. Doch viele Menschen sind für die Arbeiten, für die nun keine EU-Bürger zur Verfügung ste­hen, nicht ausreichend geschult – oder sie wollen die gering bezahlten Tätigkeiten nicht ausüben. Der zuständige Minister hat daher kürzlich angeregt, dass Asylbewerber die Lü­cken schließen, auch wenn ihr Verfahren noch nicht abgeschlossen ist.

In Deutschland gibt es (nach unterschiedlichen Schätzungen) zwischen 1,2 und 1,6 Mio. Ingenieur/innen. 100.000 bis 150.000 davon sind ausländischer Nationalität. Drei Viertel kommen aus der EU, viele aus Osteuropa und aus China, Indien und dem Iran. 40.000 In­genieurstellen in Deutschland sind unbesetzt, und die deutschen Ingenieur/innen haben innerhalb der EU den höchsten Altersdurchschnitt.

Die Zahl der in Deutschland gemeldeten ausländischen Ärzt/innen ist im Jahre 2018 um rund 3.500 auf annähernd 55.000 gestiegen. Die größte Zahl kommt aus Rumänien (4312), Syrien (3907) Griechenland (2776) und Österreich (2309). Jede/r siebte Medi­ziner/in stammt aus dem Ausland. Von einem allgemeinen Ärztemangel kann in Deutsch­land nicht die Rede sein, doch in strukturell eher schwach aufgestellten Regionen wie Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen ist die hausärztliche Versorgung oft unzurei­chend.

375.000 Erwerbstätige, darunter 74 Prozent Frauen, üben einen Beruf in der Sozialar­beit, Sozialpädagogik oder Sozialberatung aus oder nehmen in diesem Feld Leitungsaufg­aben wahr (2018). Laut Institut der deutschen Wirtschaft  beträgt die soge­nannte Fachkräftelü­cke (Differenz aus Stellen­ausschreibungen und Arbeitssuchenden) bei Sozial­pädagog/innen 18.300. Ähnlich groß ist sie bei Krankenpfleger/innen und Altenpfle­ger/in­nen.

150 bis 200 Tage dauert es derzeit, bis eine Krankenpflegestelle besetzt werden kann. Krankenhäuser und Altenpflegeeinrichtungen stellen daher zunehmend ausländische Pfle­gekräfte ein. Während der Corona-Pandemie ist dieser Engpass besonders deutlich ge­worden. 2017 haben rund 10.000 Personen einen Antrag auf Anerkennung ihres ausländi­schen Pflege-Abschlusses gestellt.

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, setzt man in Altenpflegeeinrichtungen seit längerem auf Kräfte aus dem Ausland. Ende März 2019 waren dort knapp 80.000 Auslän­der/innen beschäftigt: 50.000 als Helfer/innen und knapp 30.000 als Fachkräfte und Spezia­listen. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Arbeitnehmer/innen lag bei rund 15 %.

Wenn alte Menschen zuhause betreut werden sollen, so kann dies durch Angehörige, durch einen ambulanten Pflegedienst oder durch eine im Haushalt wohnende Pflegekraft erfolgen. Für letztgenannte Lösung werden bevorzugt Frauen aus Osteuropa engagiert, vor allem aus Polen, weil diese selbst dann, wenn sie mit einem legalem Vertrag beschäf­tigt und nicht unter der Hand bezahlt werden, deutlich billiger sind als deutsche Kräfte. Of­fizielle Angaben sprechen von 300.000 solcher Haushaltspflegerinnen, ungeachtet einer Dunkelziffer.

Eine Sonderrolle spielen die Erntehelfer/innen, weil sie nur befristet in Deutschland wei­len. Jedes Jahr kommen bis zu 300.000 Saisonarbeitskräfte, fast ausnahmslos aus Osteu­ropa, vor allem aus Rumänien. Die deutsche Landwirtschaft ist dringend auf diese Unter­stützung angewiesen.

Dies war nur eine Auswahl der relevanten Berufe. Aktuell könnten auch Chemiker/innen in­teressant sein. Bei kurzem Nachdenken fallen einem sofort weitere Berufsfelder ein, wo Ausländer/innen einen hohen Anteil an den Beschäftigten stellen: Taxichauffeure, Lkw-Fahrer (133.000 haben einen ausländischen Pass), Hoch- und Tiefbau, Abfallentsor­gung und Putzdienste, Gastronomie und Lieferdienste, Musik und Sport. In der 1. Fußball-Bun­desliga sind die Spieler mit deutscher Staatsangehörigkeit in der Minderheit.

Zur Vervollständigung des Überblicks sollen auch die vielen ausländischen Mitbürger/in­nen erwähnt werden, die in den Jahren 1955 bis 1973 im Rahmen von Anwerbeabkom­men nach Deutschland gekommen waren. Anlass war der hiesige Bedarf an Arbeitskräften im Bergbau und bei anderen schweren körperlichen Arbeiten, für die es zu wenig deutsche Bewerber/innen gab. Solche Abkommen bestanden mit der Türkei, Italien, Spanien, Por­tugal, Griechenland, Marokko, Tunesien, Südkorea und Jugoslawien. Insgesamt sind schätzungsweise 6 bis 6,5 Mio. Arbeitskräfte gekommen. Etliche dieser sogenannten „Gastarbeiter“ sind nach einigen Jahren wieder in ihre Heimat zurückgekehrt, wie es vor­gesehen war. Viele sind jedoch geblieben, haben ihre Familie nachkommen lassen und sind Deutsche geworden – mit oder ohne Pass.

Sodann gibt es noch zwei andere Gruppen von ausländischen Gästen, die in Deutschland aus anderen Gründen gern gesehen sind: Studierende und Tourist/innen. Ausländische Studierende sind zumindest aus drei Gründen willkommen: sie bilden eine kulturelle und ökonomische Bereicherung und fördern den internationalen Wissenstransfer, sie verbrei­ten in ihrem Heimatland ihre Kenntnisse über die deutsche Wirtschaft und deren Produkte, und sie bleiben häufig nach einem erfolgreichen Studium als qualifizierte Arbeitskräfte in Deutschland. Im Wintersemester 2020/2021 waren 925.000 ausländische Studierende in Deutschland immatrikuliert. darunter 43.500 aus China, 33.000 aus der Türkei, 29.000 aus Indien, 20.000 aus Syrien, 16.000 aus Österreich, 16.000 aus Russland und 14.000 aus Italien.

Tourist/innen sind selbstverständlich besonders willkommen und werden sogar mit ge­zielten Werbeaktionen angesprochen. 2020 kamen von den insgesamt über 300 Millionen Übernachtungsgästen in deutschen Hotels 32 Millionen aus dem Ausland. Rund 10,5 Millio­nen waren Besucher aus europäischen Ländern, gefolgt von Gästen aus Asien und Nordamerika. Die meisten Übernachtungen wurden von Niederländern, Schweizern und Polen gebucht.

Über den/die Autor*in: Heiner Jüttner (Gastautor)

Der Autor war war 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Lieber Heiner, Dank dafür, dass Du nochmal vor Auge führst, wie notwendig Einwanderung für die Gesellschaft ist. Erschreckend ist: Claudia Roth und ich haben das schon 1993 in “Die Asyl-Lüge” (Kölner Volksblatt Verlag: ) beschrieben und es hat sich seitdem nichts geändert – nur der Rassismus ist krasser geworden. Deshalb ein Plädoyer für eine humane, gleichberechtigte Einwanderung. Denn die EU-Rumän*innen, Buldgarier*innen usw. die bei mir im Vorgebirge in Spargel- und Erdbeerzeiten schuften, sind nicht gleichberechtigt, sondern Mietsklaven. Das muss sich ändern. Wir alle sind Migranten Die Familie meiner Mutter kam Anfang des 20. Jahrhunderts aus Oberschlesien – Polacken also. Ich bin in Köln geboren und als 13 jähriger nach Esslingen ausgewandert – ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft – Kölsch und schwäbisch – spreche beide Sprachen und kann mich nicht entscheiden. Ich bin sicher, Marina Weißband geht das mit der Ukraine und Deutschland genauso und Cem Özdemir geht es mit Tübingen und der Türkei ebenenso. Es ist überreife Zeit, dass sich was ändert.

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