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Kommunikationskompetenz

Was kann Gerhart Baum, was alle andern nicht können?

“Politik ist die Kunst der Kommunikation.” Diesen intellektuell wahrlich nicht überambitionierten Satz prägte eine Freundin von mir, die eine PR-Agentur für Politik und NGOs betreibt. So einfach dieser Satz ist, so selten ist seine Feststellung in der Praxis zu entdecken. Und nun der Vergleich zwischen 1972 und heute. Die deutschen Medien sind heute voll mit Erinnerungen an das Olympiaattentat 1972 in München. Ich war 15, und habe darum nicht viel Erhellendes dazu beizutragen. Dennoch: die bis heute anhaltende deutsche Peinlichkeit hatte Wurzeln in der damaligen Politik. Das grosse Rätsel ist geblieben, warum niemand ausser einem 89-jährigen Fähigkeit und Kompetenz zeigte, das adäquat zu bearbeiten.

Ich war 15, aber schon politisch wach. Alle waren es. Im Frühjahr hatte die SPD/FDP-Regierung von Willy Brandt und Walter Scheel sensationell das Misstrauensvotum der CDU/CSU, angetrieben von der Springerpresse und vom nationalistischen deutschen Grosskapital, überstanden. Es ging um die Verteidigung der Entspannungspolitik gegenüber dem kommunistisch beherrschten Osteuropa – gegen die Angriffe von Rechts, inkl. neonazistischer Fusstruppen (“Aktion Widerstand”). Noch 1969 war die NPD nur knapp am Einzug in den Bundestag gescheitert.

Die Olympischen Spiele in München, angeführt von dem seinerzeit populären Münchner OB Hans-Jochen Vogel, sollten ein strategischer Stimmungsaufheller für die Bundestagsneuwahl im November werden. “Deutsche, wir können stolz sein auf unser Land.” Aus heutiger Sicht ist festzuhalten: das hat funktioniert. Die Wahl wurde zum höchsten Wahlsieg der SPD-Parteigeschichte.

Das mörderische Attentat auf das Olympische Dorf brachte diese längst vorbereitete Strategie in Gefahr. Noch schlimmer die stümperhafte Reaktion des damaligen deutschen Sicherheitsapparates. Das ist der eigentliche Grund für die Heimlichtuerei und Zurückhaltung damaliger Verwaltungsakten und -protokolle. Transparenz hätte zu international spektakulärer Blamage – und dem Gegenteil von “Stolz” – geführt. Dass der zwar nicht administrativ – Polizei ist Ländersache – aber sehr wohl politisch “zuständige” Bundesinnenminister Genscher, der 1973 beim Sturz des Bundeskanzlers als Assistent der SPD-Führung erneut eine zweifelhafte Rolle spielte, sich als Austauschgeisel angeboten haben will, wie es heute im DLF-Kalenderblatt zu hören war, … wenn er es wirklich getan hat, war es ein Verzweiflungsakt angesichts des Desasters seiner untergebenen Behörden – auf jeden Fall sah es für ihn persönlich spitzenmässig mutig aus.

Das Desaster war zu katastrophal, um es offenzulegen. Genscher ist jetzt sechs Jahre tot. Administrativ zuständig war er nicht. Warum reagierten nachfolgende Bundesregierungen, egal welcher Koalition, so verschlossen? Ich weiss es nicht. An Peinlichkeit war es kaum zu übertreffen. Warum gab es keinen diplomatischen Dienst, keine Botschaft, kein Aussenministerium, niemanden in dem mittlerweile recht ausgeuferten Beauftragten-Wesen der deutsche Regierung, der in diesen fünf Jahrzehnten die Sache politisch, moralisch, diplomatisch und human aufgeräumt hat? Warum musste erst der 89-jährige Gerhart Baum kommen, ein kluger und lebenslang engagierter Mann, aber kein Zauberer. Was kann der, was all die andern nicht können?

Baum war zu jener Zeit FDP-Landespolitiker, im NRW-Landesvorstand, und in Köln eine kleine (weil FDP) politische Grösse. Erst mit der erwähnten Bundestagswahl 1972 gelang ihm der Sprung in den Bundestag, der seinerzeit z.B. einer Ingrid Matthäus durch ihre NRW-Parteitags-Niederlage gegen den antisemitischen Rivalen Jürgen Möllemann verwehrt wurde. “Die braune Last der FDP”. Und erst nach dieser Wahl wurde Baum Genschers Staatssekretär. Er war nicht dabei, aber die Akten könnte er gesehen haben und kennen. 1978 stieg er dann zum Bundesinnenminister auf, als Nachfolger des menschlich-integren aber glücklosen Werner Maihofer. Verdienste erwarb er sich im Amt und danach schon in Bekämpfung und politischer Aufarbeitung des RAF-Terrorismus.

Reich an Erfahrung ist der Mann. Und als alter Mann, kaum jünger als mein Vater, hält er sich fit durch sein fortgesetztes Engagement. Ich weiss aus Teilnehmer*innen*kreisen, dass er als Kulturlobbyist im WDR-Rundfunkrat z.B. zu der Minderheit der engagierten Gremiumsmitglieder zählte, die nicht alles widerspruchslos fressen, was ihnen die Hausleitung so hinwirft. Mandat absitzen – das kann der nicht. Alles in allem also ein toller Typ.

Aber es muss doch mehr als diesen Einen geben. Insbesondere unter denen, die das Rentenalter noch nicht erreicht haben, und die wir für solche Aufgaben anspruchsvoll bezahlen. In welche Mauselöcher sind die verschwunden?

Meine steile These: dass es wieder einen Krieg in Europa gibt, hat damit zu tun. Empathie, Diplomatie, Verhandlungsgeschick, Prozessdenken (“vom Ende her” Merkel; “entscheidend ist, was unten raus kommt” Kohl). In den asozialen Medien, die heute den öffentlichen Diskurs bestimmen, kommt das nicht vor, und wird also nicht erlernt. Die entsprechende Technik verrechnet alles, was sie aufnimmt (KI, Künstliche Idiotie) in unendlich wechselnde Kombinationen von 1 und 0. Daraus lässt sich eine menschliche und gesellschaftliche Regression ableiten: es gibt nur Schwarz oder Weiss, nur Gut oder Böse. Rechner sind – manche glauben es kaum – doof, und können nur lernen, womit sie gefüttert werden. Das macht wer? Die menschliche Intelligenz würde sich wieder zurückbilden, verkümmern, wenn die Menschen sich aus Faulheit und Bequemlichkeit dieser Kommunikationstechnik und den sie betreibenden Oligarchen ausliefern und unterwerfen.

Gerhart Baum beweist: noch ist die Intelligenz da, die den Widerstand gegen solche Verheerungen tragen und stützen kann. Noch weitere 50 Jahre Zeit bleiben dafür nicht.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Als ich davon hörte, dass die Angehörigen der Opfer nicht nach München kommen würden, weil wie in anderen Fällen – man erinnere die absurden Debatten um die Entschädigung der NS-Opfer Roma und Sinti, Schwule und Lesben, sogenannte “Asoziale”, Kommunisten etc. – die deutschen Behörden peinlich geblockt haben, war ich empört. Was hat dieses Land 77 Jahre nach dem Holocaust und 50 Jahre nach dem vertuschten Polizeiskandal gemeint, sich an Ignorenz leisten zu können? Und was stimmt nicht in diesem Regierungssystem, dass ein 89 jähriger Rentner und Bürgerrechtler kommen muss, um eine Lösung zu finden, die zu suchen hochbezahlte Beamtinnen und Beamten der Regierungsapparate nicht in der Lage sind, herbeizuführen? Ich bin stolz auf Gerhart Rudolf Baum und ich weiss, ich bin damit nicht allein!

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