mit Update 4.11.: Subversion des ZDF

Buhrow? Oder der WDR? Oder beide?

Das Schmerzlichste an meinem Verlust des WDR war seine fast vollständige Aufgabe publizistischen Ehrgeizes, seine Angst Ärger zu provozieren, vor einer Imagination von Publikum. Denn er kennt es nicht wirklich. Am wenigsten sein Intendant, der – das Sein bestimmt das Bewusstsein – in der Welt der Tycoons und der Schönen verkehrt und von ihnen ernstgenommen werden will, was aber zuverlässig misslingt.

In diesem beständigen Bemühen hat sich Tom Buhrow schon seit längerem publizistisch mit der FAZ verbunden, die er für so eine Art Gegenüber hält. In dieser Verbindung erhofft er sich Frieden. Denn repräsentiert sie nicht die konservativen Reichen des ganz grossen Kapitals? Hören Sie mal hier, wo die Rede war (Überseeclub Hamburg, Jungfernstieg) und wie es zu ihr kam (Buhrows Reederfreundschaft; Audio 6 min). Den Relevanzverlust dieser altkonservativen Superreichen, wie seinen eigenen, konnte er noch nicht hinreichend zur Kenntnis nehmen. S.o. andere Welt. Das ganze Ausmass der Fortschrittlichkeit der Verbindung von Buhrow und FAZ bestand heute darin, dass der FAZ seine Rede so gut gefiel, dass sie sie dieses eine Mal lieber nicht digital eingemauert hat. Verleger-Kreuzzügler Hanfeld sieht sich kurz vor dem Ziel: “Tom Buhrow ruft die Revolution aus”.

Buhrow hält sich gewiss nach diesem Auftritt vor den Hamburger “Pfeffersäcken” für einen strategisch gewieften Agendasetter. In Wirklichkeit, da bin ich mit Gerhart Baum (“Ist das sein Abschied?”, FAZ-Paywall) einer Meinung (er drückt sich da gewählter aus), hat er sich von echten Strategen auf den Pott setzen lassen. Und jetzt finden die ihr Baby süss.

Vielleicht wäre es besser, der 90-jährige Baum, weit mehr up-to-date und politischer Strategien kundig, ersetzt den 64-jährigen Buhrow.  Ich weiss allerdings, dass Baums Gattin Renate Liesmann-Baum mich für diesen Satz erschlagen könnte. Der junge Buhrow dagegen sollte sich an den Pseudo-Therapeuten “Kranitz” wenden. Was den Bald-Rentner erkennbar nervt, ist nicht sein üppiges Gehalt, sondern die vielen Gremien und Sitzungen, und dass dort immer jemand was zu meckern hat. Er will jedoch nicht Teil von Streiterei sein, sondern über ihr schweben, und mit seinem süsslichen TV-Lächeln vor der Kamera darüber berichten und räsonieren. Kurz: seine Rolle als Intendant hat er nie verstanden.

Bei den MPs Haseloff (rechts) und Ramelow (links) dagegen stimmen die Reflexe noch. Was sie mutmasslich nur proklamieren, hätten die öffentlichen Sender schon mit dem Betriebsstart dieses gefährlichen Internets starten müssen: das Bündnis mit ihrem (verbliebenen und fortlaufend dahinschmilzenden) Publikum. Denn das sind ihre Besitzer*innen und Finanziers. Und in diesem Publikum sind – potenziell – weit kämpferischere Verteidiger*innen als in den Sendern selbst.

Ich habe mal dazugehört und mittlerweile aufgegeben. Was macht mir den WDR noch wertvoll? Monitor? Ja sicher, 30 Minuten im Monat (wenn nicht Fussball ist). Samstags Kabarett im WDR5. Ja puuh, mit Fritz Eckenga gehts, Schmickler klar, Pispers ist schon lange weg. Der um sich greifende Comedy-Scheiss ist dagegen eher zum Mittagschlafhalten. Lieblos vergammeln lässt er “Die Story”, nie gefördert hat er Sport inside.

Das aktuelle und zentrale publizistische Problem der öffentlichen Sender bringt Florian Rötzer / overton heute unschön auf den Punkt: In Deutschland finden ‘prorussische Verschwörungserzählungen’ mehr Resonanz – Nach einer Umfrage des Center für Monitoring, Analyse und Strategie (CeMAS) fallen mehr Deutsche auf russische und rechtsextreme Propaganda herein. Das scheint teilweise zu stimmen, aber CeMAS ist selbst mit seiner Schwarz-weiß-Ideologie Teil des Problems.” CeMAS als öffentlich geförderter Denkpanzer steht hier nur stellvertretend. Die was-mit-Medien-Blase beharrt bis heute auf ihrer eigenen “Verschwörungserzählung”: wenn das Publikum die Darreichung meiner Weltsicht, legitimiert durch meine Regierung und all die andern Medien, nicht teilt, kann es nur zu doof und/oder von böswilligen Anderen verführt sein.

Rötzer räsoniert absolut zutreffend: “… weil jede Kritik an der Regierungspolitik, wie schon in Corona-Zeiten, als moralisch verwerflich und als Putin-versteherisch abgetan wird. Das verhindert eine offene Diskussion und Grauzonen, vor allem aber einen gesunden Skeptizismus, der zur Aufklärung und für eine demokratische Öffentlichkeit essentiell ist, was dann extreme Bewegungen und Medien für sich nutzen können. Aber Selbstreflexion ist derzeit weniger denn je gefragt, wo viele meinen, die Wahrheit auf der einen oder der anderen Seite gepachtet zu haben.”

Eine schlimme Leerstelle. Und Führungskräfte wie Tom Buhrow sind die Verantwortlichen. Das erklärt vieles. Die Zeiten werden rauer.  Was in den USA sichtbar ist, am nächsten Dienstag/Mittwoch mutmasslich unübersehbar, verlangt von öffentlichen Medien kämpferischen Mut. Wer lieber im Überseeclub, bei der FAZ u. ähnl. unter eine wärmende Decke schlüpfen will, wird in Bälde feststellen, dass es dort sehr heiss werden kann.

Update 4.11.: heute erklärt sich die Buhrow-Rede vor dem Hamburger Überseeclub. Sie war nicht echt. Er musste improvisieren, und trug notgedrungen ein paar Notizen aus der FAZ-Medienredaktion vor. So ein hochprofessioneller Moderator kann halt jeden Text vortragen, als sei er von ihm selbst. Das echte Redemanuskript hat jemand aus Ehrenfeld aus dem nahegelegenen WDR geklaut, und mit der U-Bahn-Linie 4 vom Appellhofplatz zur Venloer Str./Gürtel zur Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld GmbH geschmuggelt. Die Übergabe fand mutmasslich in einer überfüllten Dönerbude an der Venloer Strasse gegenüber dem Ehrenfelder Bahnhof und der Ehrenfelder Polizeiwache statt. Der stressgeplagte Jan Böhmermann, dem wieder nichts eingefallen war, und dem seine unterbezahlten freien Mitarbeiter*innen wieder nichts aufgeschrieben hatten, trug sie kurzerhand selbst im ZDF vor.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net