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Französisch-chinesische Atomgeschäfte

Der Technologietransfer und das Ende von Areva

Kürzlich ist der Film “Die Gewerkschafterin” mit Isabelle Huppert in den Kinos angelaufen. Da die meisten Rezensionen den politischen und wirtschaftlichen Hintergrund nicht verstanden haben, wird er im Folgenden ausführlich dargestellt.

Als Nicolas Sarkozy 2007 zum Präsidenten Frankreichs gewählt wurde, reiste er noch im gleichen Jahr mit einer großen Wirtschaftsdelegation nach China. Es gelang ihm, zahlreiche Verträge oder Vorverträge mit einem Gesamtvolumen von 30 Mrd US Dollar abzuschliessen. Darunter war ein Auftrag an Areva, für 8 Mrd Euro zwei Atomreaktoren für Taishan in der südchinesischen Provinz Guangdong zu liefern. Es ging um den Europäischen Druckwasserreaktor (EPR), ursprünglich eine französisch-deutsche Entwicklung, um eine technische Antwort auf den Supergau von Tschernobyl zu finden.

Die französisch-chinesische Zusammenarbeit sollte über bloße Ein- und Verkäufe hinausgehen, wechselseitige Beteiligungen und gemeinsame Entwicklungen waren ebenfalls vorgesehen. China hatte zu jenem Zeitpunkt bereits vier AP-1000 Reaktoren vom US-Konzern Westinghouse für 5,3 Mrd Dollar erworben. Die genannten Preise, die die amerikanischen ebenso wie die französischen Lieferanten akzeptiert hatten, erscheinen aus heutiger Sicht ruinös, aber sie wollten eben den boomenden chinesischen Nuklearmarkt erobern.

Die französische Atomindustrie konnte auf frühere Kooperationen mit China zurückgreifen, insbesondere beim Verkauf von vier als M310 bezeichneten Reaktoren an China, jeweils zwei für das AKW Daya Bay und das AKW Ling Ao. Dabei handelt es sich um den in Frankreich meistvertretenen Reaktortyp der 900 Megawatt Klasse, der für China leicht angepasst wurde. Diese Reaktoren wurden bereits in den achtziger/neunziger Jahren verkauft und relativ zügig errichtet.

Die Blöcke 1 und 2 des AKW Ling Ao sind von der Internationalen Atomenergie Agentur (IAEA) als Modell 310 registriert, während die etwas leistungsstärkeren Blöcke 3 und 4 unter dem Modellnamen CPR-1000 geführt werden, eine Weiterentwicklung des französischen Reaktors, bei der die Blöcke 5 und 6 des AKW Gravelines (Calais) als Referenz dienten. Der CPR-1000 wird von der China General Nuclear Power Group (CGNPG) gebaut und betrieben. Schrittweise ließ CGNPG mehr und mehr Komponenten für die Kraftwerke im eigenen Land herstellen.

China ist bekannt für seine zweifelhaften Methoden, Knowhow ins Land zu bringen. Bei der NukleARTEchnologie sah das Verfahren so aus: Man kaufte ausländische Reaktoren, gab ihnen eine neue Typenbezeichnung und baute sie Zug um Zug nach, bis man sie als eigenen Reaktortyp besaß. Der CPR-1000 stellt heute mit 18 Installationen einen beachtlichen Anteil des chinesischen Nuklearparks, was empfindliche Folgen zeitigen kann, wenn man beispielsweise an die Risseproblematik in den französischen Reaktoren denkt.

Bei den von Westinghouse erworbenen AP1000-Reaktoren das gleiche Spiel. Diese Meiler sind im AKW Haiyang und im AKW Sanmen, jeweils Blöcke 1 und 2, im Betrieb. In beiden AKWs will China zwei zusätzliche Blöcke des eigenen Typs CAP1000 errichten. Seine Leistungsmerkmale gleichen denen des AP1000: Wieder handelt es sich um die chinesische Adaption eines im Ausland erworbenen Reaktors. Das Vorgehen hat System.

Nach dieser Methode, die ihren Geschäftspartnern schon vertraut gewesen sein musste, gingen die Chinesen auch das EPR-Projekt an. Sie bestellten zwei Reaktoren bei Areva, starteten den Bau des ersten Blocks Ende 2009 und den des zweiten Blocks ein halbes Jahr später. Für Block 2 setzten sie durch, dass wesentliche Komponenten von eigenen Unternehmen geliefert wurden, etwa die Turbine und der Reaktordruckbehälter vom Staatsunternehmen Dongfang aus Chengdu, statt von Alstom und Mitsubishi Heavy Industries, die das für Block 1 bewerkstelligten (MHI hielt damals eine 19% Beteiligung an Areva). Auch der EPR erfuhr eine Umbenennung, er heißt in China “Evolutionärer Druckwasserreaktor”.

Die EPR sollten Grundlage für zukünftige Reaktoren dieser Baulinie in China werden. Der zeitnahe Nachbau an Ort und Stelle schafft selbstredend optimale Bedingungen für einen Technologietransfer. Der französische Energieriese EDF, zu 30% an der Betreiberfirma des AKWs, Taishan Nuclear Power Joint Venture Company, beteiligt, war mit diesem Verfahren einverstanden. Areva als Lieferant musste wohl oder übel in die Reduzierung seines Auftragsvolumens einwilligen. Die beiden französischen Firmen fingen an, sich gegenseitig Konkurrenz zu machen.

Die ehrgeizige damalige Areva-Chefin Anne Lauvergeon, genannt Atomic Anne, ging davon aus, eine Vielzahl weiterer EPR-Aufträge zu bekommen und begann damit, hochfliegende Pläne umzusetzen, eine Schwäche, die sich nahezu bei allen kurzfristig erfolgreichen Nuklearisten beobachten lässt. Areva sollte durch Akquisitionen weiterer Firmen zu einem Unternehmen ausgebaut werden, das alle Stationen der NukleARTEchnik von der Uranförderung bis zur Entsorgung mit eigenen Produkten und Dienstleistungen bedienen könnte. Doch Atomic Anne überhob sich: Viele der Zukäufe mussten auf verlustreiche Weise wieder veräußert werden. Schlimmer noch: von den EPR Baustellen in Finnland (Olkiluoto), Frankreich (Flamanville) und China (Taishan) wurden immer neue und kostspieligere Probleme gemeldet. Budgets und Fristen wurden weit überschritten. Am 11. März 2011 setzte der Supergau von Fukushima Arevas Zukunftsträumen ein jähes Ende. Ein weiterer Sargnagel für Lauvergeons Karriere, die ein Vierteljahr später von Sarkozy entlassen und durch ihren Vize, Luc Oursel, ersetzt wurde. Es war auch eine Unterordnung unter die große EDF: Oursel galt als “Vasall” von EDF.

Schon vorher hatten die Chefs des Stromkonzerns die Weichen gegen seinen Reaktorbauer gestellt. Während sich Areva angesichts der überbordenden Kosten beim EPR mit Mitsubishi zusammentat, um einen kleineren und billigeren Reaktortyp, den ATMEA, zu entwickeln, verabredete EDF in aller Stille ein Konkurrenzvorhaben mit seinen Partnern von der China General Nuclear Power Corporation. In einer Vereinbarung vom April 2010 wurde CGNPC in Aussicht gestellt, an neuen Atomprojekten in Frankreich als Investor und Lieferant teilzunehmen. Weitere Verhandlungen folgten. Unter Ausschluss von Areva. Im Jahr 2011 äußerte der Vorstandsvorsitzende von EDF, Henri Proglio, eine Art Pate der Atomgemeinde und Vertrauter von Sarkozy, er könne sich auch andere Zulieferer von NukleARTEchnik als Areva vorstellen. Namentlich nannte er die britische Rolls-Royce, die russische Rosatom oder “chinesische Firmen”.

Im Januar 2012, pünktlich zum Präsidentschaftswahlkampf in Frankreich, enthüllte der Nouvel Observateur den Text der Vereinbarung. Trotz der Unruhe, die diese Nachricht auslöste, verhandelte EDF unmittelbar nach der Veröffentlichung des Nachrichtenmagazins und hinter dem Rücken von Areva ein weiteres, noch radikaleres Geheimabkommen mit den Chinesen. Darin erklärte sich EDF bereit, für einen zukünftigen französisch-chinesischen Reaktor der EPR-Klasse strategische Großkomponenten aus China zu beziehen, das geistige Eigentum am Reaktorkern des EPR aufzugeben und bei der Entwicklung von klassifizierter, d.h. streng geschützter Software zusammenzuarbeiten. Doch die (noch) von den Konservativen gestellte Pariser Regierung befürchtete einen neuen Skandal und wies das Ansinnen intern zurück. Allerdings ist kaum vorstellbar, dass EDF-Chef Proglio ohne das Einverständnis von Sarkozy gehandelt hätte.

Sarkozy verlor die Wahl im Mai 2012, zum Präsidenten wurde der Sozialist François Hollande gewählt. Er veranlasste alsbald eine harsche Zurechtweisung Proglios (ersetzte ihn aber erst zweieinhalb Jahre später durch Jean-Bernard Lévy an der Spitze von EDF). In dieser Situation des Jahres 2012 führt die sozialistische Gewerkschaft CFDT eine Kampagne gegen die französisch-chinesische Kooperation auf dem Nuklearsektor, weil sie eine Zerschlagung von Areva und den Verlust tausender Arbeitsplätze befürchtet. Dabei spielt Maureen Kearney, Generalsekretärin des europäischen Konzernbetriebsrats von Areva, eine zentrale Rolle, weil sie der Presse Insider-Informationen zuspielt, die die Befürchtungen der Gewerkschaft bestätigen.

Ungeachtet dessen unterzeichnen die Vorstandsvorsitzenden von EDF und Areva, jetzt wieder mit am Tisch, am 19. Oktober 2012 ein dreiseitiges Dokument mit ihren Partnern von CGNPC zur gemeinsamen Entwicklung eines zukünftigen Atomreaktors. Den genauen Inhalt wollen weder Proglio noch Oursel noch der neue sozialistische Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg preisgeben. Doch die Gewerkschafterin Maureen Kearney deckt das Stattfinden des geheimen Treffens auf und präsentiert ein Foto von der Unterzeichungszeremonie.

Den Rest erzählt eindrucksvoll der Film La Syndicaliste von Jean-Paul Salomé, der mit einer Pressekonferenz Kearnys nach ihrer jahrelangen, quälenden Auseinandersetzung mit der französischen Justiz endet. Dort sagt sie, die Entlassungen bei Areva hätten wie befürchtet stattgefunden. Sie sei die Letzte, die noch darüber berichten könne, weil so viele andere Kolleginnen und Kollegen von der Bildfläche verschwunden seien.

Das trifft zu: Die französische Wikipedia gibt die Beschäftigtenzahlen von Areva für 2010 mit 76 000 an, für 2014 mit 42 000 und für 2020 mit 19 000. Das alte Unternehmen wurde radikal umstrukturiert, seine KraftwerksspARTE existiert unter dem Namen Framatome noch als Tochtergesellschaft von EDF. Die Täter und ihre Auftraggeber, die Maureen Kearney so übel zugerichtet haben, wurden nicht identifiziert, die Ermittlungen eingestellt.

Die avisierte französisch-chinesische Kooperation beim Bau neuer Reaktoren realisiert sich vorerst im südwest-englischen Atomkraftwerk Hinkley Point C. Dort werden zwei EPRs von einem Konsortium aus EDF (66,5%) und CGNPC (33,5%) installiert. Das chinesische Unternehmen tritt dabei nur als Investor auf. Für das nächste britische Projekt, zwei Reaktoren im AKW Sizewell C, hatten sich die Partner ebenfalls schon 2015 verständigt. Das fiel noch in die Amtszeiten von François Hollande und David Cameron. In einer Pressemitteilung vom Oktober 2015 berichtete das chinesische Unternehmen stolz von seinem Vormarsch in das United Kingdom und der Aussicht, den chinesischen Hualong Reaktor dort platzieren zu können. Im November 2015 reiste Hollande zu einem Staatsbesuch nach Peking, um eine chinesische Minderheitenbeteiligung an Areva auf den Weg zu bringen. “Da China ein Partner ist und wir gemeinsam Atomkraftwerke bauen”, rechtfertigte sich Hollande anschließend, sei es legitim, “sie an der Umstrukturierung zu beteiligen”. Gedacht war dabei an das Unternehmen China National Nuclear Corporation (CNNC).

Zu diesem Zeitpunkt war der heutige Präsident Emmanuel Macron Wirtschaftsminister. Das zeigt, dass die ursprünglich von Sarkozy eingeschlagene Strategie auch von seinen Nachfolgern befolgt wurde. Entsprechend gering war das Interesse, den Überfall auf Maureen Kearney aufzuklären und der Gewerkschafterin Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Doch im August 2019 setzte das US-Handelsministerium die inzwischen in China Nuclear Power Group umbenannte CGNPC wegen Industriespionage auf die Sanktionsliste. Es folgte damit der Forderung des damaligen Präsidenten Donald Trump, Exporte ziviler NukleARTEchnik nach China zu unterbinden, da sie dort für militärische Zwecke verwendet werden könnten. Ein Jahr später wurde auch CNNC sanktioniert. Trumps Nachfolger Joe Biden hält an dieser Linie fest, was den französischen und britischen Partnern von CGNPC erhebliche Kalamitäten bereitet. Das britische Department for Business, Energy and Industrial Strategy überlegt daher, als Partner an der Seite von EDF in das Sizewell-Projekt einzusteigen, ohne dass ein Ausscheiden von CGNPC bereits bekannt geworden wäre.

Im AKW Taishan läuft es derweil keineswegs wie geplant. Dort hat man mit diversen Schwierigkeiten zu kämpfen, die zu langen Ausfallzeiten geführt haben. Eine Beteiligung französischer Spezialisten an der Behebung der Mängel verstößt jedoch gegen die US-Sanktionen.

In Hinkley-C freilich wird weitergebaut, als sei nichts geschehen, obwohl die Hersteller und Betreiber unter dem dringenden Verdacht stehen, eine Allianz gebildet zu haben, die mit Foltermethoden gegen eine Betriebsrätin geschmiedet wurde.

Über Detlef zum Winkel / Gastautor:

Dipl.phys. Geb. 1949. 1967-1975 Studium der Physik, Diplomarbeit am Deutschen Elektronen-Synchroton (DESY); Lehrer an Hamburger Schulen; freier Autor; Arbeit in Bürgerinitiativen gegen Atomkraftwerke und gegen die Startbahn 18 West des Frankfurter Flughafens. Antifa. Seit 1991 Informatiker.

Ein Kommentar

  1. Juri Hertel

    Toller Artikel!
    Danke an den Autor und den Extradienst.Der Film ist sehr empfehlenswert, man sollte etwas Vorwissen um die Atommafia der 0-er Jahre bis nach Fukushima haben.

    Oder einfach den Beuler-Extradienst 🙂

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