Erst kommt das Fressen – dann irgendwas mit “Werten”

Bevor ich zur Sache komme: Randy Newman wird heute 80, Ewald Lienen 70. Morgen 23 h sendet der WDR den Ewald-Lienen-Film, dessen Premiere ich beiwohnen durfte.

Zu diesem Text angetrieben hat mich mal wieder die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. Dort trauern sie bis heute einem gewissen Jürgen Klopp nach, dem idealen PR-Gesicht des Profifussballs. Der Kerl kann so gut schwätzen, dass er buchstäblich jede*n um den Finger wickelt. In den Städten seines Wirkens – Mainz, Dortmund, Liverpool – wäre er umstandslos zum Oberbürgermeister gewählt worden. Für die Fusballlehre – “Training” genannt – hatte er immer seine Leute. Er war “das Gesicht”. Das hatte auch die PR-Industrie erkannt und buchte ihn geradezu hemmungslos, Autos, Versicherungen, egal. Wer diese Spots, die in Halbzeitpausen oder nach dem Schlusspfiff meist unbeachtet bleiben, zuhörte, hörte ideologische Phrasen, die den Neoliberalismus weit besser legitimierten, als die FDP das kann. Der konservative westfälische Oligarch o.g. KGaA Hans-Joachim Watzke trauert diesem Gesicht bis heute nach. Muss er jetzt alles selbermachen – und kann es längst nicht so gut wie der.

Und nun geht es wieder um eine fette Wurst – nein nicht von Tönnies, der ist ein “Blauer”, aber in seiner Weltsicht Watzke nicht unähnlich – und Watzke ist besorgt, ob seine Firma was davon abbekommt. Die Wurst heisst “Club-WM” und ist aus dem gemeinsamen Schlachthof von Gianni Infantino (Fifa) und Mohammed Bin Salman (Clan-Chef der Sauds und im Jemen diplomierter Völkermörder). 2025, also quasi übermorgen, soll die mit 32 Teilnehmern gespielt werden. Und noch weiss keine*r, wer die 32 sind. Also geht Oligarch Watzke in die PR-Offensive. Und sein kaum bekannter Geschäftsführerkollege Cramer assistiert ihm direkt vor Infantinos Haustür in Zürich.

Die in Westfalen wissen, wie der Hase läuft. Geniessen Sie mal in gedanklicher Ruhe dieses Cramer-Zitat aus der NZZ: “Solange sich die Menschen für Fussball interessieren, sehe ich kein Ende. Wenn die Medien entscheiden, dem Fussball keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken, weil er zu wenig interessiert, müssen wir aufpassen. Wir haben nicht mehr so viele Dinge, an denen wir alles festmachen können. Wir haben ein echtes Problem mit der Religion, christliche Kirchen sind mit Austritten konfrontiert, eine andere Glaubensfrage wird radikal und kriegt die Menschen auch nicht geeint. Die Politik verliert an Zuspruch, wie es schlimmer fast nicht sein kann. Fussball ist neben der Musik vielleicht der einzige Gesellschafts-Kitt, der noch Massen zusammenbringt, egal welcher Herkunft, welchen Alters, welcher sozialen Schicht.” (Fettschrift von mir)

In Zürich tüfteln sie also jetzt an höherer Mathematik: wie lassen sich “sportliche” Kriterien so errechnen, dass am Ende die besten Entertainmentfaktoren zusammen kommen, und den wichtigsten “Playern” Planungssicherheit geboten wird?

Sportlich sieht es für die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, dem Selbstverständnis nach die “Nummer Zwei” in Deutschland, und die Fifa hierzulande da gerade bös kompliziert aus. Nummer Zwei ist nämlich die Nummereins, der Fussballkonzern aus dem süddeutschen Raum, der für die Fifa mutmasslich ein “geborenes Mitglied” sein muss. Nummereins ist gerade die Betriebsmannschaft eines Chemiekonzerns, der in Kürze vom real existierenden Kapitalismus zerlegt werden muss. Nummerdrei ist immer noch nicht Westfalens Hauptstadtverein (10 Punkte Rückstand auf die Spitze), sondern Kretschmanns Daimler-Betriebsmannschaft. Neenee, so kann der Sport am Ende noch das Geschäft ruinieren …

Also mal ganz unter uns: ich bin erstaunt, dass diese Mächtigen es immer noch für nötig halten, ihrem Wirken eine sportliche Verkleidung angedeihen zu lassen. Warum? Haben die das nötig? Sie können hunderttausende Jemenit*inn*en killen und verhungern (lassen) – und das trauen sie sich nicht?

Ein schönes Nachfolgeprojekt für #boycottqatar2022.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net