Entertainment-Politik (Politisches Prekariat XIII)

Von , am Dienstag, 9. Januar 2018, in Beuel & Umland, Medien, Politik.

Oprah Winfrey? Angesichts von Trump eine echte Alternative. Wirklich? Eine schwarze Frau, aber das Geschäftsmodell wäre dasselbe: ein Star des Entertainment, Milliardärin, schwere Kindheit, muss jetzt den Laden übernehmen.
Der Laden: das ist eine extrem vielfältige und polarisierte Demokratie. Demokratie lebt von Mehrheitsentscheidungen, und, was viele nicht mehr ertragen wollen, vom Aushandeln von Mehrheiten, vom Kompromisse-schliessen, um diese Mehrheiten zu erreichen, von Toleranz und Lebenlassen unterlegener Minderheiten, vom Respekt und der Achtung der Grundrechte Unterlegener; vom Miteinanderreden können aller, vom Aushalten radikaler Verschiedenheiten, so lange sie Rechte anderer nicht verletzen. Ein kompliziertes Geschäft.

Jürgen Klopp z.B. ist ein so genialer Entertainer, obwohl er im Hauptberuf doch Fussballlehrer ist, dass er während seiner Berufstätigkeit in Dortmund jederzeit, wenn er das gewünscht hätte, zum Oberbürgermeister von Dortmund gewählt worden wäre. Jogi Löw, sollte er den WM-Titelgewinn 2014 dieses Jahr in Russland wiederholen können, hätte in einer Direktwahl beste Chancen, die Nachfolge von Angela Merkel anzutreten.
Ist das die Lösung? Wollen wir das?

Hinter solchen Personen arbeitet eine komplexe Konzernarchitektur. Strippenzieher*innen und Hilfskräfte, Regisseur*inn*e*n, Spin-Doktor*inn*en, Makeup-Fachkräfte und Friseusen, nicht wenige Arsch-hinterher-Träger*innen, ein System. Diese Systeme arbeiten unsichtbar und diskret, intransparent und damit durch und durch nicht demokratisch, sondern: hierarchisch.
Das gilt für Trump und Winfrey, Merkel und Löw, Klopp und Sierau. Wollen wir das?

Als Regulativ hat die deutsche Demokratie und ihr Grundgesetz die Parteien vorgesehen. Sie sollen an der Willensbildung des Volkes mitwirken. Sie bieten Programme an und nominieren ein Personalangebot. Beides können sie ändern und aktualisieren, wenn sie es – Achtung Spannungsfeld! – für angebracht halten und es eine neue Zeit von ihnen verlangt. Wie wir aus der jüngeren Vergangenheit diverser Parteien wissen, passieren dabei bisweilen mittelschwere Unfälle. In der Demokratie gibt es keine Garantie, dass immer alles gutgeht – es sind die Menschen und ihre Fehler.

Fusion von Entertainment, Medien und Politik

Unverkennbar ist in der Öffentlichkeit zahlreicher Länder eine immer stärkere Fusion von Entertainment, Medienbranche und Politik. Diese Branchen sind gekennzeichnet von einer Drogenabhängigkeit der Akteur*innen: breiter Publikumszuspruch, das Zujubeln anonymer Massen, Klickzahlen, Wahlsiege, verursachen eine Hormonausschüttung, die abhängig machen kann. Ich habe von der Droge auch probiert, bei Studentenparlamentswahlen, vor einer Student*inn*en-Vollversammlung an der Uni München und vor 90.000 Demonstrant*innen im Bonner Hofgarten. War schön, tat gut. Braucht aber nicht jede*r täglich, ein anderes Leben ist möglich.
Meine eigene Erfahrung, auch z.B. beim Bekochen einer grossen, begeisterten und dankbaren Gästeschar (mein persönlicher Rekord waren 26, es war 1998), macht nachvollziehbar, warum Show- und TV-Stars, Kabarettist*inn*en und Schauspieler*innen ihren Beruf lieben. Es sind schöne Erlebnisse. Schwierig wirds individuell nur, wenn jemand das “braucht”. Denn nichts davon ist ewig. Alle werden älter. Oder verlieren aus anderen Gründen, nachlassende Schaffenskraft, Meinungsverschiedenheiten etc. an Zuneigung. Es kann ein Element demokratischer Politik sein. Ein Fundament ist es nicht.

Keine*r kann alles – auch bei den Grünen nicht

Das Problem bei der Auswahl politischen Personals ist nun, dass eine Kombination von Fähigkeiten erforderlich ist, die kein einzelner Mensch mitbringen kann. Das Dilemma wird in jeder nordrhein-westfälischen Stadt spürbar, seit das Kommunalwahlgesetz die Direktwahl von Oberbürgermeister*inne*n vorsieht (1998, mit besonderem Dank an Michael Vesper, der damals noch gerne Oberbürgermeister von Köln geworden wäre). Die Einen können eine Verwaltung von mehreren tausend Beschäftigten effizient motivieren und führen; die Anderen können eine Direktwahl gewinnen. Innen und Aussen gleichzeitig können die meisten nicht.

Warum sollte ausgerechnet den Grünen dieses Leiden erspart bleiben? Die Medien und die breite Öffentlichkeit lieben Cem Özdemir, quasi die Symbolfigur des ersten deutschen Türken. Er liebt die Rolle sichtbar selbst, und darum spielt er sie auch so gut. Ich bin damit einverstanden, es ist politisch nützlich. Gleichzeitig wissen alle informierten Parteimitglieder, dass er Verwalten, Führen-nach-innen nicht kann. Es muss ja auch nicht jeder alles können. Es kann durch Andere kompensiert werden. Wenn die dafür zur Verfügung stehen. Es geht also in der Führung einer Partei (oder Fraktion) um ein komplexes Sozialsystem. Es braucht ein funktionierendes Mannschaftsspiel, Teamplay. Klopp und Löw wissen, was ich meine.
Die meisten Entscheidungen, die dazu zu treffen sind, sind Abwägungen, selten ein eindeutiges Pro und Contra. Das Parteiengesetz hat dafür Minimalanforderungen an innerparteiliche Demokratie vorgesehen. Parteitage sind – unter Fremddruck gesetzt – dabei bisweilen imstande, sich unter Autosuggestion zu setzen, sich Einzuigeln, Trotzentscheidungen zu treffen. Nicht immer ist das falsch – auch eine Frage von Abwägungen. Wer Ich-Stärke zeigt ist attraktiver, als wer bei jedem Windstoss die Neigung verändert.

Verantwortung – wer hat noch Lust drauf?

Das Problem ist das Angebot. Wer hat überhaupt noch Lust, in einer Gesellschaft desolidarisierender Individualisierung demokratische Verantwortung zu übernehmen? Die Besten machen lieber was Anderes, in der Regel auch besser Bezahltes. Winfrey und Trump dagegen finden Geldzählen mittlerweile langweilig und wollen am Lebensabend noch mal was Aussergewöhnliches machen. Politik als exotisches Spielzeug. Wollen wir das?
Die Alternative ist, dass wir unser System des Zusammenlebens selbst organisieren, statt alles zu delegieren. Im Bildungsbürger-Bonn gibt es viele Ansätze dazu. Unmöglich ist es nicht. Wenn wir uns sozial aber weiter auseinandertreiben lassen, wie durch den aktuellen Kapitalismus und die aktuell herrschende Politik, dann wird es unmöglich.

Ein Kommentar zu “Entertainment-Politik (Politisches Prekariat XIII)

  1. Roland Appel

    Als ich den Tageschau-Kommentator sagen hörte, das könnte ja die neue Präsidentschaftskandidatin werden, hat mich fast der Schlag getroffen. Nicht wegen der Dummheit dieses Vorschlages, sondern der Selbstverständlichkeit, mit der er von einem deutschen, öffentlich-rechtlichen Medium vorgetragen wurde. Winfrey ist etwa 900 Mio. Dollar schwer, eine Oligarchin wie Trump, ein Medienschwergewicht wie Berlusconi, zugegeben die liberalere Variante, aber eine Talkshow-Entertainerin, aber keine Politikerin. Wenn sowas von der Yellowpress kommt, kein Wunder, aber in der Tagesschau? Bah! Ich schrecke schon vor dem Gedanken zurück, Michelle Obama könnte auf dieselbe Idee wie Hillary kommen, obwohl die sicher qualifizierter wäre, sogar als ihr Mann es war, zumal ihre politische Karriere zurückgestellt hat. Aber auch das hätte ein G’mäckle, Familienclan, Kennedys, Clintons etc.

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