“Wir” sind im Krieg gegen Kurdistan

Von , am Montag, 22. Januar 2018, in Lesebefehle, Politik.

Ich war nie ein Freund der PKK, und habe sie in meinem politischen Leben nie als Bündnispartner*in angefasst, auch mit spitzen Fingern nicht. Intransparente Geheimorganisationen können, auch wenn Untergrundarbeit aufgrund faschistischer gesellschaftlicher Bedingungen angebracht sein kann, nicht demokratisch organisieren. Es entstehen immer militarisierte Kommandostrukturen. In der Not des Widerstandes eine erzwungene Option, kann es niemals eine strategische Option für gesellschaftliche Konflikte in Friedenszeiten sein. Wohl aber für die Aufrechterhaltung mafiöser Geschäfts- und Herrschaftsmodelle.

Die PKK war darum vermutlich eine grausame Sackgasse für die Mehrheit der Kurdinnen und Kurden. Die politische und gesellschaftliche Öffnung der HDP in der Türkei dagegen wurde schnurstracks zur grössten Gefahr für die Herrschaft Erdogans. Folgerichtig – aus seiner Sicht – sitzen die wichtigsten Abgeordneten und Funktionäre dieser Partei heute in Haft, wie hunderte Journalist*inn*en und Kulturschaffende und eine sechsstellige Zahl weiterer türkischer Bürger*innen. Die Gefahr der HDP war ihr Demokratieansatz, ihre friedlichen, diskursiven politischen Mittel. Von Militarisierung und Zuspitzung in Gewaltaktionen profitieren dagegen immer die Hetzer und Scharfmacher, die Männer, die Milizenbesitzer, Waffen- und Drogendealer etc. – sie nähren sich gegenseitig, und zermahlen die demokratischen Kräfte friedlicher Verständigung.

Das ist keine Besonderheit der Türkei. Es lässt sich in vielen Konfliktherden der Welt studieren. Die Besonderheit der Türkei sind die Millionen ihrer Bürger*innen, mit denen wir heute friedlich und befreundet in Deutschland zusammenleben. Sie haben ihre Traumata mitgebracht, wie wir sie aus der deutschen Geschichte mit uns schleppen. Gehen Sie am 17.2., nach Karneval, ins Schauspielhaus Köln, Depot2 in Mülheim, wo zum letzten Mal “Istanbul“, das Stück über und mit Dogan Akhanli gegeben wird. Sie werden sich nicht langweilen und zwei Stunden ohne Pause denken.

Unter diesen Vorzeichen kann es nur Übelkeit verursachen, wenn wir einen Blick auf die Aussenpolitik unserer geschäftsführenden und zukünftigen Bundesregierung werfen. Es macht den Eindruck, als wenn sie mit der deutschen Rüstungslobby im Rücken, bei keinem Völkermord fehlen will. Statt Beiseitestehen und Zuschauen, das hierzulande immer wieder wortreich diffamiert wird, ist die Alternative: dann lieber nach Kräften mitmachen, mitmorden, mitverdienen.

Wir können nicht behaupten, nichts gewusst zu haben. Auch “unsere” Medien sind voll. Ich empfehle telepolis
hier (Konicz)
hier (Pany) und
hier (Wustmann)
sowie German Foreign Policy (verschwindet in einigen Tagen hinter einer Paywall.
Von meinen Hauptstadtquellen werden mir diese Darstellungen, abzüglich der allzu romantischen Verklärung der kurdischen Selbstverwaltung unter (Nach-)Kriegsbedingungen bestätigt.
Aber was machen wir nun mit unserer Regierung? Beiseitestehen? Zuschauen? Hauptsache Flüchtlinge bleiben eingesperrt?

Ein Kommentar zu ““Wir” sind im Krieg gegen Kurdistan

  1. Roland Appel

    Erdogan gehört vor das Haager Kriegsverbrechertribunal gestellt! Ohne irgendwelche Sympathie für die PKK ist es ein Skandal, dass man die YPG die Menschenrechte vertidigen lässt, um sie anschließend als Kanonenfutter umbringen zu lassen.

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