Der Fall Amnesty International

Von , am Samstag, 8. Juni 2019, in Politik.

Mobbing-Vorwürfe, Suizide, Etat-Probleme und nun auch noch Entlassungen: Amnesty International ist in einer Krise. Schlimm, aber keineswegs ein Anlass zur Genugtuung oder gar zu Häme

Viel schlimmer kann es für Amnesty International eigentlich nicht mehr kommen. Allein am Hauptsitz London sollen fast 100 Arbeitsplätze wegfallen, weltweit noch deutlich mehr, um ein dramatisches Loch im Etat zu stopfen. Immerhin fehlen der Menschenrechtsorganisation bis Ende 2020 knapp 20 Millionen Euro. „Unverantwortliche Verschwendungssucht“ der Führungsebene ist laut Alan Scott von der größten britischen Gewerkschaft Unite einer der Hauptgründe für die Misere.

Zyniker könnten sagen, dieses Problem erledige sich ja demnächst von selbst. Fast das gesamte obere Management muss die Organisation nämlich in den nächsten Monaten verlassen, nachdem im Februar ein externer Untersuchungsbericht zu dem Ergebnis gekommen ist, bei Amnesty herrsche ein vergiftetes Arbeitsklima. Mobbing sei an der Tagesordnung, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter blieben mit ihren Problemen allein.

Anlass für den Bericht waren zwei Suizide im letzten Jahr. Ob der Freitod einer Praktikantin in London mit den Arbeitsbedingungen zusammenhing, konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden. Aber Gaëtan Mootoo, der 30 Jahre bei Amnesty gearbeitet hatte, nahm sich im Pariser Büro der französischen Sektion das Leben und begründete seinen Schritt in einem Abschiedsbrief dem Vernehmen nach mit unerträglichem Arbeitsdruck.

Schikane, Rassismus und Sexismus

Wer den Bericht liest, ahnt, was er gemeint haben könnte. „Hau ab hier“ sei einem Mitarbeiter in einer Konferenz gesagt worden. „Wenn du bleibst, wirst du deines Lebens nicht mehr froh.“ Die Zahl der Fälle von Schikane, Rassismus und Sexismus, die der Kommission erzählt worden seien, sei „alarmierend“. Offenbar wurden Angestellte auch dazu gezwungen, hohe Risiken einzugehen: „,Wenn du die Aufgabe nicht erfüllst, bist du hier am falschen Platz’, sagte mein Manager, als ich ernste Gründe hatte, eine Reise wegen politischer Instabilität nicht antreten zu wollen.“

Die Reaktion in sozialen Netzwerken auf die Verhältnisse bei Amnesty ist häufig – na, was wohl? Erraten. Häme. Da sei doch wieder einmal der Beweis erbracht, dass Gutmenschen auch nicht besser seien als alle anderen Leute. Und: So ernst könne es der Organisation mit den Menschenrechten ja wohl nicht sein.

Warum es ein Anlass zur Genugtuung ist, wenn ausgerechnet Leute leiden, die sich für Schwache einsetzen, erschließt sich mir nicht. Aber da ja sogar ein ungeklärter Mord im Netz einen Begeisterungssturm hervorrufen kann, sollte ich mich vermutlich nicht wundern.

Interessant scheint mir an den Zuständen bei Amnesty etwas anderes zu sein. Folgt man nämlich dem Bericht, dann scheint es in der Tat kein Zufall zu sein, dass sich ein derartiges Regime ausgerechnet bei einer Menschenrechtsorganisation etablieren konnte. Ja, sie wünschten sich Gerechtigkeit, erklärten zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Aber unter gar keinen Umständen wollten sie dem Ruf von Amnesty schaden und die Arbeit untergraben. Es gebe da einen schweren inneren Konflikt: „Viele engagierte Leute haben wegen dieser inneren Spannung geschwiegen und sich schlechte Behandlung gefallen lassen.“

Enthüllungen rufen Trauer hervor

Möglich, dass selbstsüchtige, rücksichtslose Manager es gerade dort besonders leicht haben, wo es den meisten Leuten tatsächlich um die Sache geht – und nicht in erster Linie um Geld und um das eigene Fortkommen. Und wo Enthüllungen nicht Schadenfreude, sondern oft einfach Trauer hervorrufen. Wer meint, dass ich bei diesen Sätzen nicht nur an Menschenrechtler, sondern auch an manche politischen Organisationen denke, liegt richtig.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.

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