Die Sonnenseite der Stadt kann in wenigen Jahrzehnten zum Asi-Viertel werden
Das Märchen sagte, dass die Beuelerinnen die Scheisse und Sperma der Bonner aus deren Bettwäsche gewaschen haben. Während beim kurfürstlichen Bischof drüben am andern Ufer Orgien gefeiert wurden, wurde in Beuel immer die Drecksarbeit gemacht. “Und wenn sie nicht gestorben sind …” – sind sie aber.
Es ist irgendwie typisch bönnsch-naiv, wenn sich jetzt Anwohner*innen bei mir um die Ecke in der Rheindorfer Strasse um Fassaden sorgen. An dieser Stelle Beuels wohne ich jetzt seit 20 Jahren. Auch mir ist nicht verborgen geblieben, dass die ästhetisch dörflich wirkende Anmutung der Strasse sich mit jeder Baumassnahme ins städtische verwandelte. Herrjeh, es wollen halt immer mehr in diesem schönen Stadtteil wohnen. Finden aber nichts. Nichts, was bezahlbar ist, Und das ist das Problem.
Das Beueler Boot ist nicht voll. Es ist nur zu teuer. Die Bootsplätze sind nicht mehr finanzierbar, für die Mehrheit. Es gibt eine immer weiter wachsende unermessliche Menge an Kapital in der Verfügungsgewalt immer weniger Superreicher. Es sucht nach renditeträchtigen Anlagemöglichkeiten. Das sind Grund und Boden. Und keine sozialen Wohnungen, sondern Luxuswohnungen zu Luxuspreisen.
Das ist auch das Problem bei den privaten Montana-Bauvorhaben. Auf der Homepage der Firma wird ein mittelständisches Familienmärchen erzählt. Tatsächlich baut sie Wohnungen, die für weniger als 10% der Menschen überhaupt noch finanzierbar sind. Dieser wahrlich nicht schön anzusehende Block an der Kennedybrücke – wieviele Pfleger*innen und Kurier*inn*e*n oder wenigstens Handwerker*innen mögen da wohl eingezogen sein? In der Rheinaustrasse streicheln Wohnungen mit einem familiengemässen Zuschnitt mittlerweile die Millionengrenze. Wohlgemerkt: auf der Landseite ohne direkten Rheinblick, dafür aber mit direktem Auspuffanschluss für den Balkon.
Es gibt nur eine Wohnungsgesellschaft, die in Bonn überhaupt noch Sozialwohnungen baut. Sie gehört uns, die städtische Vebowag. Die Rheindorfer Strasse ist für sie aber nicht mehr bebaubar, weil die Grundstückspreise schon zu hoch sind. Sozialer Wohnungsbau, wie hier noch 1999 geschehen, ist nicht mehr möglich.
Mann nennt es Kapitalismus. Solange der noch herrscht, ist die Bodenwertzuwachssteuer, die Hans-Jochen Vogel als Bauminister gegen die FDP in den 70ern nicht durchsetzen konnte, und die die neue SPD-Spitze wieder in die Diskussion gebracht hat, mal eine gute sozialdemokratische Idee. Ich dachte auch immer “gut” und “sozialdemokratisch” – das passt nicht zusammen. Ein Vorurteil.