Profifussball als politische Avantgarde
An der Frage, wann die DFL ihren Kapitalzirkulationsbetrieb wieder aufnehmen kann, entscheidet sich, wer politisch – von Wissenschaft soll hier nicht die Rede sein – bestimmt, wie die Koexistenz der Gesellschaft mit dem Covid-19-Virus weitergehen wird. Es häufen sich Veröffentlichungen, die auf die löchrige Datenbasis der bisherigen, global dominanten Strategie hinweisen (hier mit Stephan Schleim/telepolis, einer der seriöseren Autor*inn*en). Die Bundesregierung verzichtet erfreulicherweise auf die Datensammel-Bazooka, weil kluge Leute ihr rechtzeitig ein Stoppschild gezeigt haben.
Bei der Durchsetzung einer Extrawurst für den Millionärsfussball spielt der BVB, in Invstorenkreisen besser bekannt als Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA eine Schlüsselrolle. Während der dauerdominante Fußballkonzern aus dem süddeutschen Raum sich schon in den 70er Jahren ein CSU-Label zugelegt hat, ist der mittelständische Konzern in Dortmund breiter aufgestellt: in seinen Firmengremien ist die ganz grosse Koalition der alten westdeutschen BRD (CDU, SPD, FDP) namentlich vertreten. Die Beziehung zur CDU kann der Boss Hans-Joachim Watzke als Parteimitglied seit 1975 gleich selbst pflegen; die SPD ist mit einem ausrangierten Kanzlerkandidaten, der öffentlich behauptet Gladbach-Fan zu sein, sowie zahlreichen ehemaligen (inkl. selbstverständlich dem amtierenden) Dortmunder OBs vertreten; und die FDP hat ihren Vorsitzenden persönlich geschickt, die braucht das. Das ist eigentlich alles, was mann braucht, wenn mann Politik in der BRD durchsetzen will.
Sicher, es gibt noch abweichende Meinungen. Das relativ vereinsnahe Bündnis Unsere Kurve kann sich zwar nicht gegen Geisterspiele durchringen, sondern will nur jetzt mal grundsätzlich über alles reden. Und es gibt BVB-Fans, wie taz-Redakteurin Hanna Voss, die eine vernünftige klare Kante vertreten, wie es 70 Ultragruppen schon seit Tagen tun.
“Unsere” TV-Sender, die die uns gehören, sind da schon weiter. Sie wollen unser Haushaltsabgabegeld, statt es in Journalismus zu investieren, veruntreuen, um die Fußballmillionäre unter quarantäneähnlichen Bedingungen wie Gladiatoren wieder laufen zu lassen. Die Verlierer holt sich dann nicht der Löwe, sonder das Virus. Den Fußball- und Medienkapitalismus in seinem Lauf, hält weder Ochs noch Virus auf!

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net