von Luiz Ramalho
Widerstand gegen den sich verschärfenden Rassismus in der Ära Bolsonaro

„Ich fürchte den Rassismus mehr als die Pandemie“, erklärte ein Demonstrant einem Journalisten am 8. Juni in Sao Paulo. Trotz der weiter steigenden Infektonszahlen sind nach dem Tod von George Floyd in den USA Zehntausende Brasilianer*innen auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus zu protestieren, der in Brasilien ebenso wie in den USA eine lange Geschichte hat, aber unter dem Regime Bolsonaros immer aggressiver und gewalttätiger wird.

Es war sein letzter Akt als Minister, die Abschaffung der Quoten für Schwarze, Indigene und Menschen mit Behinderung für die Postgraduierten- und Promotionsstudiengänge an Brasiliens Unis. Bildungsminister Abraham Weintraub verkörpert einen typischen und besonders radikalen Vertreter des ideologischen Flügels der rechtsextremen Regierung Bolsonaros. Inzwischen hat er sich in die USA abgesetzt, wo Bolsonaro ihn zum Exekutivdirektor der Weltbank machen will.
Bemerkenswert dabei ist, dass just in diesem Jahr erstmalig in der Geschichte Brasiliens die Mehrheit der Universitätsstudenten schwarz ist, dank der Förderpolitik der Arbeiterpartei PT, die dies vor allem durch die Einführung von Quoten und durch die massive Vergabe von Stipendien an Arme (Programm ProUni) ermöglichte.
Weintraub passt in das Grundmuster Bolsonaros, dessen erstes Ziel und Priorität darin besteht, Politiken, Programme und Beteiligungsstrukturen der vorherigen Reformregierungen zu demontieren. Ein noch krasseres Beispiel hierfür ist Sergio Camargo, Präsident der Palmares-Stiftung, die von den vorherigen Regierungen für die Förderung der schwarzen Kultur eingerichtet wurde. Camargo, der sich selbst als rechtskonservativer Schwarzer versteht, vertritt unter anderem die These, dass die Sklaverei gut für die Schwarzen gewesen sei, und bezeichnet die Militanten der Schwarzen Bewegung als escoria maldita, verfluchte Lumpen.
Es verwundert daher nicht, dass die ersten Demonstrationen für Demokratie in Brasilien in der Pandemiezeit Anfang Juni im Kontext der weltweiten Proteste gegen die Ermordung von George Floyd durch einen US-Polizisten zugleich mit einem deutlichen antirassistischen Ansatz stattgefunden haben.
Demonstrant*innen werden mit folgenden Aussagen in der Presse zitiert: „Selbstverständlich tötet das Coronavirus, aber der Rassismus ist viel grausamer.“ „Rassismus tötet seit Jahren, wir können jetzt nicht ängstlich zögern. Wenn wir nicht auf die Straße gehen, wer wird das denn für uns tun?“ „Ich fühle mich mein ganzes Leben als Schwarzer unsicher in Brasilien, aber mit diesem Präsidenten ist es schlimmer. Ich muss auf die Straße gehen und für Demokratie und gegen Rassismus demonstrieren.“ (alle Zitate: El Pais, 8.6.2020)
Seit 2019 hat Brasilien eine Reihe von emblematischen Fällen rassistischer Gewalt erlebt:
– Der Musiker Evaldo Santos war mit seiner Familie im Auto unterwegs und wurde aufgrund einer „Verwechslung“ mit 80 Kugeln durch eine Armeepatrouille ermordet (April 2019 in Rio).
– Die achtjährige Agatha starb in Rio in ihrer Schuluniform, von Streuschüssen in den Rücken getroffen (September 2019).
– Der 14-jährige Joao Pedro wurde im Hof seines Elternhauses in Sao Goncalo/Rio de Janeiro beim Spiel anlässlich einer Razzia der Polizei von 60 Gewehrschüssen durchbohrt.
– Der kleine Miguel wurde Anfang Juni dieses Jahres in Recife von der ungeduldigen Hausherrin in den Aufzug gesteckt, während seine Mutter, die Hausangestellte Mirtes Renata de Souza, den Hund von Madame Gassi führen musste. Ein Video zeigt die Arbeitgeberin, wie sie den Aufzug mit Miguel allein zum obersten Stockwerk schickt, wo der kleine Junge auf der Suche nach der Mutter vom 9. Stock stürzt.

Rassismus und Gewalt sind für viele Afrobrasilianer*innen schon lange der Alltag. Daran hat sich auch wenig geändert, als in die neue, demokratische Verfassung von 1988, nach dem Ende der Militärdiktatur, ein klares Bekenntnis gegen jede Form von Rassismus aufgenommen wurde. Als Folge wurden robuste juristische Mechanismen gegen Diskriminierung eingeführt, insbesondere das Antirassimusgesetz von 1989. Dies definiert Rassismus als Straftatbestand, der nicht verjährt, nicht kautionsfähig ist und von Amts wegen verfolgt wird. Die Anzahl der Klagen haben sich besonders in den letzten Jahren vermehrt.
Aber auch mit diesem rigorosen Gesetz lässt sich Rassismus in Brasilien nicht bremsen, denn er ist das zentrale strukturierende Prinzip der brasilianischen Gesellschaft. Die Dualität von „Herrenhaus und Sklavenhütte“ (so der Klassiker des brasilianischen Anthropologen Gilberto Freire) ist nach wie vor aktuell. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Brasilien ist hinter Nigeria das zweitgrößte Land der Welt mit einer schwarzen beziehungsweise afrostämmigen Bevölkerung, ca. 115 Millionen Menschen (56% der Bevölkerung) haben afrikanische Wurzeln.
Aber die Indikatoren sind eindeutig. Die Analphabetenrate bei Schwarzen beträgt 9,1 Prozent und ist damit dreimal höher als bei Weißen, Afrobrasilianer*innen stellen 64 Prozent der Arbeitslosen und 66 Prozent der unterbeschäftigten Bevölkerung. Das wirtschaftsnahe Institut Ethos stellte 2017 fest, dass bei den 500 größten Unternehmen Brasiliens lediglich 6,3 Prozent der Führungspositionen von Schwarzen eingenommen werden. Laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut IPEA verdienen Weiße durchschnittlich fast doppelt so viel wie Schwarze.

Polizei tötet zu 75% Schwarze

Besonders die Gewalt gegen Schwarze ist schockierend. 99 Prozent der Menschen, die von der brasilianischen Polizei getötet werden sind Männer, davon 75 Prozent Schwarze, 78 Prozent Jugendliche. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein schwarzer Jugendlicher ermordet wird, ist 2,7 mal höher als bei einem weißen. Alle 26 Minuten stirbt ein schwarzer Jugendlicher in Brasilien durch Polizeigewalt. Während die Mordrate gegenüber Weißen in den letzte fünf Jahren um 25,5 Prozent zurückgegangen ist, erhöhte sie sich gegenüber der schwarzen Bevölkerung um 29,8 Prozent. 61 Prozemt der Opfer von Femiziden sind schwarze Frauen.
Auch die Intoleranz und Gewalt gegenüber afrobrasilianischen Religionen wächst. Physische und verbale Aggression gegen deren Anhänger*innen, Zerstörung von Tempeln, Verbrennung von heiligen Gegenständen vermehren sich, auch aufgrund der wachsenden Präsenz der Evangelikalen, die die Hauptstütze der Bolsonaro-Regierung darstellen
Die Proteste und Demonstrationen im Juni waren erst der Anfang. Antirassistische Kämpfe werden sich intensivieren. Sie betreffen nicht nur die afrobrasilianische Bevölkerung, es sind auch grundlegende Kämpfe für die Verteidigung und Vertiefung der Demokratie in Brasilien.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 437 Juli/Aug. 2020, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung von der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.