Die heute online freigeschalteten Texte der Jungle World erscheinen mir alle lesenswert. Prüfen Sie selbst:
Jana Borchers interviewt die italienische Arbeitsmarktforscherin Stefania Animento: es geht um Prekarität, migrantische Arbeitskräfte und gewerkschaftliche Versäumnisse.
Doerte Letzmann interviewt den torynahen Andrew Foxall, Forschungsdirektor des Studienzentrums für Russland und Eurasien bei der Henry Jackson Society, und erhält neben erwartbaren auch differenzierende Antworten, die zum Weiterdenken einladen, zur Frage der russischen Einflussnahme.
Florian Opitz, dessen Film “System Error” ich hier kürzlich gewürdigt habe, spricht im Interview mit Carl Melchers über die deutschen Superreichen.
Und Rainer Trampert hat eine gründliche Würdigung des letzten EU-Gipfels abgeliefert: “Über die Krise, die deutsche Wandlung vom Zuchtmeister der EU zum Onkel mit dem Geldkoffer und die Moral.” Die andere, wenn Sie so wollen strategisch-konstruktivere, Sicht finden Sie hier von Volker Perthes im Tagesspiegel-Interview.

Öcalan

Es gab Zeiten, da wäre das eine publizistische Sensation gewesen. Abdullah Öcalan schreibt bei Jacobin. Seine Analysefähigkeit scheint im Knast gereift zu sein. Das Erdogan-Regime hat die Gelegenheit verstreichen lassen, ihn, in dieser Hinsicht vielleicht mit Nelson Mandela vergleichbar, als relevanten Gesprächs- und Verhandlungspartner mit der Aussenwelt agieren zu lassen, und vorgezogen, ihn durch Vergessenlassen zu marginalisieren. In Bezug auf die Kurd*inn*en ist das gewiss misslungen, in Bezug auf die internationale und partiell ignorante EU- und deutsche Öffentlichkeit aber sehr wohl.
Kritisierbar an Öcalans aktuellem Text ist aus meiner Sicht das Fehlen selbstkritischer Elemente. Oder können Sie welche entdecken? Sicher, gegenüber einem Erdogan gibt es dafür auch keinen Anlass. Aber liest der Jacobin?