Eine Sache konnte mir meine Partei bisher nicht richtig erklären. Wieso verteidigen die meisten Grünen industrielle Ackerflächen gegen Wohnbebauung? Längst ist nachgewiesen, dass Städte eine grössere Artenvielfalt vorweisen können, als agrarindustrielle Monokulturwüsten. Nicht Städte, sondern die grossindustrielle Landwirtschaft hinterlässt die übelste Bilanz in Sachen Artensterben und Klimawandel. In meiner Kindheit war das noch anders.
Ich habe in Essen-Karnap vom Taubenschlag meines Opas aus rauchende Schornsteine gesehen. Und die Weisswäsche, die Oma und Mutter nicht draussen aufhängen konnten. Es war dann nicht Willy Brandt (“Der Himmel über dem Ruhrgebiet muss wieder blau werden”), sondern die Arbeitsplatzvernichtung in Bergbau und Stahlindustrie, die den ausgestossenen Dreck radikal verringerte, und riesige Flächen wieder freigab – da wo heute begrünte Halden stehen. Die Einheimischen können es schon nicht mehr hören, wenn auswärtiger Besuch staunt: “Hier ist es aber grün geworden.”
In meiner Kindheit gab es einen Karnaper Wald, der für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war. Jahrzehntelang war er wie ein Industrieerwartungsland eingezäunt und abgesperrt. Die Bevölkerung musste zum Besuch von Grünanlagen kleine innerstädtische Reisen antreten, in Essen zur Gruga. Ihr Image wurde in meinem biografischen Langzeitgedächtnis schwer geschädigt. Erst Bundesgartenschau, grosse Angeberei von Kommunal- und Landespolitiker*innen, teure Eintrittsgelder. Attraktion: die Grugabahn, eine Kleinbahn auf Schienen einmal rund um den Park. Aber: teure Fahrkarten. Dann Hunger und Durst und “ich will ‘n Eis!”. Nochmal: teuer, teuer, extrateuer. Den grossen Blumenhof, bis 2013 mit Restaurant, haben wir nach meiner Erinnerung nie aufgesucht, wg. überhöhter Preise. In meiner Kindheitserinnerung war der ganze Park, die ganze Grünanlage als “zu teuer” kontaminiert, verbotenes Gelände für “normale” Leute – allenfalls als teures Geburtstagsgeschenk geeignet.
Vor wenigen Tagen erzählte mir ein gleichaltriger Freund von einem frischen Besuch des Essener Grugageländes. Er ist ein wissenschaftlicher Experte für Design- und Architekturen. Er wusste sogar den Architekten der stillgelegten katholischen Kirche in Essen-Karnap auswendig. Das Grugagelände, so erzählte er mir, habe auf ihn eine morbide Anmutung gehabt, mehrmals schwer verletzt durch die beständig aggressiv-flächenintensive benachbarte Messe. In der Essener Kommunalpolitik war das stets ein Konfliktthema, inkl. Bürgerbegehren dagegen.

Planten un Blomen in Hamburg

Diese Erinnerungen wurden in mir wachgerufen, als der NDR gestern ein wahnsinnig hübsches PR-kompatibles Filmchen über den Hamburger Park Planten un Blomen absendete. Hieran habe ich exakt identische Kindheitserinnerungen. Meine dortige Oma war noch weit ärmer, als meine Essener Verwandtschaft. Ihre Rente lag weit unter 1.000 Mark/Monat. Ein Ausflug mit mir zu Planten un Blomen mit einem bescheidenen Mittagsimbiss und einem Getränk machte sie seinerzeit um 50 Mark ärmer, zum Entsetzen ihres Sohnes und meines Vaters. 1973, so lese ich, hat Hamburg den Park geöffnet, Eintrittsgeld nicht mehr erforderlich.
Hamburg hat es in vielerlei Hinsicht besser als Essen. Der Strukturwandel mit dem schlecht platzierten Hafen steht noch bevor. Die Stahlkrise betraf die Werften; die Container-Erfindung vernichtete massenhaft Arbeitsplätze, aber nicht die kapitalistische Wertschöpfung (im Gegenteil). Und Hamburg ist nicht nur (mehr als doppelt so grosse) Stadt, sondern auch Bundesland, mit grösserer politischer und finanzieller Autonomie.
So haben Hamburgs Grünanlagen-Ingenieure augenscheinlich ein menschengemachtes Paradies in der Mitte der Stadt geschaffen und erhalten es mit beachtenswertem Aufwand.
Der Landessender NDR erlaubt sich immer wieder derartige Tourismuswerbungsfilmchen. Im WDR suche ich sowas vergeblich. Schade, NRW ist auch schön. Nur ein bisschen mehr (konstruktive) Kritik müsste schon möglich sein. Wir bezahlen diese Sender nicht für PR-Arbeit, sondern für Journalismus. Für die jüngeren Leser*innen: wenn Sie nicht wissen, was das ist, lesen Sie sich bitte in diesem Blog ein bisschen in der Rubrik “Medien” um – da wird daran erinnert.

Aus Scheisse Artenvielfalt

Ein kleines positives Beispiel hier aus dem 3sat-Wissenschaftsmagazin nano. In 5 Minuten wird gezeigt, wie mit Kuhscheisse Artenvielfalt generiert wird. Nun haben wir in Bonn keine Kühe mehr. Immerhin wird weniger Rasen gemäht, zumindest auf städtischen Grünflächen. In meiner Nahumgebung am Schwarzrheindorfer Rheindeich nehme ich das wohlwollend wahr. Es könnte noch weniger sein. Unsere Rheinaue ist so wenig ursprüngliche Natur, wie die Gruga oder Planten un Blomen. Auch sie ist aus einer Bundesgartenschau hervorgegangen und durch und durch menschengemacht. Und sie ist als Gesamtwerk gut geworden, wie wohl die allermeisten Bonner*innen (auch ich) meinen. Aber dort darf das Rasenmähen noch weit gründlicher unterlassen werden. Ob wir dann noch Kühe ansiedeln, können wir nach der Kommunalwahl diskutieren.