Eine Leserin klagte mir kürzlich, dass sie im privaten Freundeskreis als Verschwörungstheoretikerin angesehen wurde, weil sie an den am weitesten verbreiteten Versionen zu den Fällen Nawalny und Amri (Breitscheidplatz Berlin, 2016) Zweifel äusserte. Darum mein Warnhinweis: die folgenden Ausführungen können dieses Problem verschlimmern. Es gibt eine Diskursverschiebung im öffentlichen Raum, aufgrund der ich hier schon zur Verteidigung von Skepsis angehoben hatte. Es geht immer weniger um Fakten und Beweise, sondern wie bei Religionen um glauben oder nicht glauben. Die Gläubigen bekennen sogar offensiv, dass sie mit “den Details … gar keine Lust” hätten sich zu beschäftigen. Weil die von ihnen genutzten Medien alle und so vielfach übereinstimmten, müsse es doch im Grossen und Ganzen stimmen. Ja, ich glaube, das ist der aktuelle Stand der Medienkompetenz. Darum mache ich ja diesen Blog. Niemand soll gezwungen sein, doof zu bleiben. Aber er*sie behält natürlich das individuelle Recht dazu.
Die Legende vom Söder Markus
Der Bayer sagt “‘a Hund is’scho'” – und meint exakt solche Typen, wie der Söder Markus einen performt. Er ist der harte Hund, der Laschet ist das Weichei. In Wirklichkeit, Sie werdens mir wieder nicht glauben, sagen die Arbeitszeugnisse der beiden das Gegenteil. Das wichtigste Arbeitszeugnis von Politiker*inne*n sind Wahlergebnisse. Die hatte ich hier schon erläutert. Eine Art Corona-Arbeitszeugnis sind die Infektionszahlen, so zweifelhaft sie auch in meinen Augen sein mögen. Bedenken Sie, dass Bayern 13 Mio. Einwohner*innen hat und NRW knapp 18 Mio. Und dann schauen Sie sich diese Tabelle, des nicht von mir, aber den meisten hochgeschätzten Robert-Koch-Institutes, an. Gähn, bloss sachliche Zahlen. Es gibt Medien, die übersetzen das in farblich schockierende Schaubilder, aus denen klar hervorgeht: Bayern ist spitze, beim Krankwerden an Covid-19! Darum auch das Gewese um angebliche individuelle “Super-Spreader” – da kann der arme Söder Markus doch nichts dafür, für so doofe, böse Menschen. Er ist doch bei den Guten, gegen das Böse.
Nawalny
Herrjeh, auch für mich gehört Putin zu den Bösen. Allerdings viele inländische Figuren auch, manche genauso. Bei den Kollegen von den nachdenkseiten schätze ich es schädlich ein, dass sie auch die Lektüre staatlich initiierter russischer Medien offensiv durch fleissiges Verlinken propagieren. Mein Misstrauen dagegen ist zu gross. Ich teile auch die aktuelle Kritik an heute-show und extra3, habe selbst überlegt dazu zu schreiben, aber herrjeh, warum die Aufmerksamkeit für schwache Leistungen noch erhöhen? In meiner Jugend übte Kabarett giftige Kritik an der eigenen Regierung; auf Flankenschutz für ihre Weltsicht wurde verzichtet, weil nicht lustig, nicht zum lachen, nur billig. Was aber dort der Richter-Rentner Peter Vonnahme schreibt, ist ziemlich nah an meiner eigenen Denke. Mein Problem ist, wie der Schritt von Räsonieren zum Politisieren aussehen kann. Da werden die Räume immer enger. Das ist kein Risiko für Putin, sondern für unsere Demokratie.
Amri
Hier ist die Reaktion auf die engen Diskursräume weit einfacher. Was könnte der Grund sein, dass sich so zahlreiche Parlamentarische Untersuchungsausschüsse mit dem Treiben der Ermittlungsbehörden und Geheimdienste beschäftigen? Antwort: weil sie “es” auch nicht glauben. Und die Wahrheit mühselig herauszufinden versuchen. Dass sie von den Behörden dabei nicht unterstützt, ihnen nicht im Sinne der Auftrags einer öffentlichen Verwaltung gedient wird, sondern sie behindert werden, dient nicht der Wahrheitsfindung, sondern schafft erst den Raum für all die bösen “Verschwörungstheorien”. Und bedroht jedes Partyvergnügen, das solche schmutzigen Sachen nicht umschifft.