Der von mir sehr geschätzte Albrecht v. Lucke, verantwortlicher Redakteur der Blätter, gab dem DLF gestern ein längeres (9 min.) Interview, das sich zu hören lohnt, statt nur die verkürzte Zusammenfassung des Senders zu lesen. Lucke meint, Markus Söder stehe derzeit entschieden besser da, als Laschet, und die Beste sei sowieso die Kanzlerin. Das ist jedoch nur eine Momentaufnahme, und zudem nur die Oberfläche.
Ich habe hier selbst schon Söder als Kanzlerkandidaten empfohlen. Sein absolut berechenbarer Opportunismus würde fast allen den Umgang mit ihm erleichtern. Eine Führungsqualität ist Opportunismus allerdings keineswegs. Er bedient eben nur die Oberfläche, und lässt nur ahnen, wie fürchterlich es hinter dem Vorhang, beim echten Regieren aussehen muss. Söder ist, weit hinter der Kanzlerin, ein Sieger der Umfragen, Wahlen hat er aber noch keine gewonnen, aber schon eine gewaltig verloren: die bayrische Landtagswahl 2018, bei der er einen satten Verlust von mehr als 10% eingefahren hat. Ob sein danach einsetzender Lernprozess (Bäume umarmen etc.) von Erfolg gekrönt ist, dafür sind die jüngst abgehaltenen Kommunalwahlen nur wenig beweisfähig. Die Tatsache, dass seine CSU in München seit langem nur ein isolierte Sekte ist, macht es ihm leicht, als harter Corona-Durchgreifer aufzuspielen. Die in beengten Wohnungen kinderreich darunter leiden, haben ihn sowieso nie gewählt, sofern sie überhaupt wählen gehen.
Bei Laschet ist die Lage komplizierter. Wobei Lucke in seinem Interview am Ende einen wichtigen Punkt hervorhebt, der im Zusammenfassungstext fehlt: die Opposition ist verschwunden. Weil die CDU/CSU-Ministerpräsidenten die Oppositionsrolle gleich mitspielen. Die echte wird gar nicht mehr gebraucht und unsichtbar (wozu sie auch immer selbst beitragen muss). Das ist der Clou, und eine von Laschets Stärken. Er hat immerhin schon eine Wahl gewonnen, 2017 in NRW mit einem Plus von knapp 7%. Das muss Söder erstmal nachmachen. NRW ist für die CDU schon immer weit schwieriger zu erobern als Bayern für die CSU. Und wer NRW gewinnen kann, kann definitiv auch im Bund gewinnen.
Dass Laschets Medienauftritte so unvollkommen und wenig gestylt sind, stimmt. Er repräsentiert damit die Heterogenität und Unprofessionalität des Apparates, der ihn auf die Bühne schiebt. Dieser Schwäche ist er sich so bewusst, dass er sie nicht verbergen kann. Laschet muss Kräfte zusammenbinden und -halten, die gegeneinander streben. In dieser Hinsicht ist Merkel sein unerreichtes Vorbild. Ihr Berliner Herrschaftssystem ist langjährig eingespielt, davon ist Laschet weit entfernt. Sein Klotz am Bein ist der reaktionäre Flügel des Katholizismus, dessen Welthauptstadt seit Jahrhunderten das reichste Erzbistum der Welt Köln ist. Gesellschaftlich ist dieser Katholizismus weitgehend bedeutungslos geworden, vor allem bringt er keine Wähler*innen*stimmen; aber er ist noch schlau und mächtig, durch zahllose Kriege und Konflikte gestählt. Die CDU in NRW glaubt nicht, darauf verzichten zu können. Gleichzeitig ist kein Bundesland – ausgenommen die Stadtstaaten – so urbanisiert wie NRW. Laschet kann auf die NRW-Städte nicht so verzichten, wie Söder auf München. Dieser Spagat schwächt seine Talkshowperformance, aber es stärkt seine Analyse- und Strategiefähigkeit.
Voraussagen sind in der heutigen Krise kaum noch möglich. Werden Massenevents wie Fussball oder Wahlen trotz Virus durchgezogen? Oder verschoben? Die NRW-Kommunalwahl am 13.9., wie im März die in Bayern, durchzuziehen, ist für die CDU von unwiderstehlichem Reiz, demokratisch wäre es nicht. Das wird eine ähnliche Gretchenfrage wie der Bundesliganeustart: Virus hin? Oder Virus her? Klar dürfte sein: eine Massenarbeitslosigkeit wie in den USA würde die deutsche Demokratie nicht verkraften; ob den USA das gelingt, bleibt ebenso abzuwarten. Das ist brandgefährlich, und dass Laschet zeigt, dass er das fürchtet, schwächt ihn heute, aber stärkt ihn in den nächsten Monaten.
Die andere Option könnte sein, dass die Krise sich so dramatisch weiterentwickelt, dass eine Mehrheit der Deutschen sich wieder nach “starker” Führung sehnt. Die deutsche Geschichte lehrt, dass dadurch Gefahren nicht gebannt werden, sondern wachsen.