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Enissa Amani macht sie ganz alleine nass – Volkssport “WDR einschüchtern”: leichtes Opfer, grosse Resonanz, und dieses Mal nicht von Rechts
“Mach’ ihn nass! Mach’ ihn nass!” lauteten die Anfeuerungsrufe von Mannschaftskameraden auf den Fussballplätzen meiner Kindheit. Nun muss ich voller Bewunderung feststellen: eine einzelne Instagramerin hat den ganzen grossen WDR so nass gemacht, wie ich es gerne getan hätte. Aber ich war schon zu zynisch abgebrüht, um es noch zu wollen und zu können.
Derzeit geht ein Wind der Aufregung durch die alten Medien Radio und TV über eine “Talkshow”, die ich noch kein einziges Mal geguckt habe, weil ich zu wissen glaubte, dass sie unwichtiger Programmtrash ist. Sie läuft im Dritten des WDR, wenn in der ARD Anne Will schwätzt, und ich im ZDF den Krimi gucke, bis endlich Arnd Zeigler senden darf. Sie wird dem WDR von Frank Plasbergs Firma Ansager und Schnipselmann angedreht – ich will gar nicht wissen, für wie viel Geld, auf jeden Fall Wiederholungstäter. Aber diesem Scheiss war ich nicht mehr bereit mich auszusetzen. Darum habe ich von der ganzen Aufregung nichts mitbekommen. Und die breite Öffentlichkeit auch nicht.
Der Scheissesturm ging erst drei Monate später los. Denn schon nach drei Monaten sendete das WDR-Dritte eine Wiederholung von dem Trash (wie ich schon schrieb: “Wiederholungstäter”) – so gross ist die Ideen-Not beim Sender. Da bekomme ich fast schon wieder Mitleid. Und über diese Wiederholung hat sich Enissa Amani aufgeregt, die mir verschiedentlich schon positiv aufgefallen war. Sie tat es hier bei Instagram , wo ich schon deswegen nie hingehe, weil ich mich nicht datenausrauben lassen will (und meine Medienzeit begrenzt ist). Ein Fehler, wie ich hiermit gestehe. Denn Enissa hat mit dieser dreimonatigen Verspätung den Scheissesturm erst losgetreten, hier von René Martens/MDR-Altpapier näher ausgeführt (“Die Talk-Variante einer Dieter-Nuhr-Sendung”; mehr inhaltliche Kritik dazu z.B. hier und hier beim DLF), der jetzt seit mehreren Tagen geschätzt ein halbes Dutzend anständig bezahlter Mitarbeiter*innen in der WDR-Kommunikationsabteilung, -Programmdirektion und -Intendanz, und vielleicht noch beauftragte PR-Agenturen, mit Arbeit auslastet. Das wär’ doch mal ‘ne schöne Nummer für eine der nächsten “Anstalten”.
Besonders beeindruckt hat mich ein Zitat, das der geschätzte Kollege Martens bei epd Medien (nach seiner Angabe nicht online) ausgegraben hat. Ich möchte es zum krönenden Abschluss hier multiplizieren. Es ist vom ersten hessischen Ministerpräsidenten nach dem Krieg, Martin Stock, zur Gründung des Hessischen Rundfunks 1948:
“Hüten Sie (…) den Äther, eines der heiligsten Güter eines Volkes; vor allem die Freiheit, unter der Sie selbst arbeiten können! Schenken Sie dem Geist der Freiheit und Demokratie Gehör. Wenn Sie einem Geist Gehör schenken, der Freiheit und Demokratie töten will, müssen Sie wissen, dass Sie sich und Ihrem Volke damit den Untergang bereiten. Sie dienen keiner Partei, Sie dienen keiner Sekte, Sie dienen keiner Gruppe von Parteien, Sie dienen dem ganzen Volke. Ihr schärfster Kampf muss daher denen gelten, die die demokratische Freiheit und den Frieden der Welt zu stören versuchen.”
Ob so einer heute noch eingeladen würde?
Spezieller Dank an Diemut Roether und René Martens, ohne die ich doof gestorben wäre ;-)

Update mittags
Empowerment Revolution
Vorbemerkung: Wenn Sie hier schon länger mitlesen, wissen Sie, dass ich Turnen hasse. Und mir die Skandalverbrechen im US-Turnen nicht entgangen sind.
Um zu begreifen, wie sich die globalen kulturellen Machtverhältnisse verschieben, wofür der oben beschriebene Streit um den WDR-Trash ein lächerlich winziges Symptom ist, erfahren Sie mal wieder am meisten aus der FAZ. Paradigmatisch für das alte Kolonialeuropa wird in Frankreich die alte männliche Kulturschickeria von oben nach unten gegraben – dorthin, wo sie gehört. Nach Meinung von Autorin Annabelle Hirsch betrifft das Inzestproblem, die sexualisierte Gewalt in den Familien, jedoch keine bestimmten Szenen oder Schichten, sondern das ganze Land. Wenn sie damit Recht hat, wird das nicht nur Frankreich betreffen. Die Katholische Kirche wird das schon wissen.
Gegen diese tiefsitzende jahrhundertelang gewachsene Gewaltkultur entsteht an immer mehr Stellen Widerstand, Gegenwehr, Opfer stehen auf, beginnen öffentlich zu sprechen. Und immer mehr hören ihnen zu. Es ist der zarte Beginn ihrer Aneignung der Welt, die sie den Gewalttätern beginnen streitig zu machen. Das ist revolutionär.
Wenn Sie zu denen gehören, die von Texten nicht überzeugt werden, sondern Bilder brauchen, dann lesen Sie mal, dieses eine Mal noch, was FAS-Sportredakteur Michael Wittershagen über die Turnerin Nia Dennis schreibt. Und dann gucken Sie mal hier (die FAS hat es leider nicht verlinkt). Wer will sie aufhalten?