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Indienstnahme der Vernunft

Heute morgen beschäftigte mich Isolde Charim, eine Autorin, der ich meistens zustimme. Heute weiche ich ab, geringfügig. Sie schreibt unter der Schlagzeile “Usurpation der Aufklärung” über “Proteste gegen Coronamaßnahmen … International wird weiterhin gegen Coronamaßnahmen demonstriert. Verstörend ist, wie sich dabei Vernunft mit Unvernunft paart.” Das stimmt zweifellos.
So verstörend wie dieser korrekt beobachtete Sachverhalt ist für mich Charims Schluss: “Goyas berühmtes Bild trägt den Titel: Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Nun muss man sagen: Heute gebiert sie diese, wenn sie wach ist.” Das halte ich für falsch. Goyas Bild bleibt richtig.
Um in Charims Bild zu bleiben: die Corona-Ungläubigen, ob nun rechtsextremistisch konnotiert, oder nur schmerzfrei, was bündnispolitisch gemeinsames Agieren betrifft, hat es immer gegeben. Dass sie so resonanzstark öffentlich auftreten, ist das Neue, und zwar schon seit Pegida und dem öffentlichen Auftreten der AfD. Hielten sie sich früher für eine isolierte Minderheit, sind sie es heute weiterhin. Aber sie sind mutiger und frecher als früher. Und vor allem lauter.
Das liegt daran, dass das herrschende Mediengeschäft immer mehr (demokratische) Haltung (“Vernunft”) aufgegeben hat, und die kapitalistische Dynamik der Aufmerksamkeitsökonomie quasi ein Monopol über die Reiz-Reaktions-Schemata erobert hat. Es handelt sich also ganz im Sinne Goyas um ein intellektuelles Versagen der Demokrat*inn*en und Vernünftigen.
Viele weichen davon ab, ernten nur weniger öffentlichen Wind. Weil sachliche und fachliche Differenzierungen qua definitionem fürs Windmachen nicht geeignet sind. Dabei zeigt momentan gerade ein Kanzlerkandidat, wie genüssliches Leisesein zum politischen Erfolg führen kann. Sollte er Kanzler werden, werden sich die was-mit-Medien-Leute die Haare raufen, wie es schon 16 Jahre unter Merkel tun mussten. (s. dazu das “PS” unten)
Ein Differenzierer ist z.B. der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr, hier von Michael Maier/Berliner Zeitung referiert. Kühl, sachlich, überhaupt nicht missionarisch – aber politisch brutal hart – beschreibt er den brutal harten Impfchauvismismus der Reichen. Er wird uns alle einholen, und tut es schon.
Ein Bundesligaprofi, ausgerechnet aus meiner Borussia, ist positiv getestet, obwohl er geimpft ist. Angeblich “hochprofessionelle” Hygienekonzepte und Blasenbildung haben es nicht verhindert. Das bildet sich bei uns in Bonn ähnlich ab. Hier sind heute knapp 74% komplett geimpft, aber die 7-Tage-Inzidenz steigt und steigt, auf knapp 140. In Leverkusen sind sie schon über 220, in Wuppertal über 180. Was aber noch wichtiger – und für die Pflegenden und Angehörigen schweisstreibender – ist: über 50 sind in Bonn schon wieder im Krankenhaus (auf dem letzten Höhepunkt waren es über 200), 15 auf Intensiv. Auch dieser Wert steigt seit gut einer Woche. Hauptsache es gibt keine Lockdowns mehr, nicht vor der Bundestagswahl.
Wo ist sie, die Vernunft?
PS: wohin die asoziale politische Leisetreterei führt, bildet eine ZDFneo-Serie aktuell exzellent ab: “Am Anschlag” (ein Jahr Mediathek). Hier die Besprechung von Oliver Jungen/FAZ. Wenn Sie intelligent unterhalten werden wollen, sind sie da richtig. Wenn Sie sich besser fühlen wollen, nicht.

3 Comments

  1. wilfried nissing

    Ich finde diesen Artikel von Frau Charim mehr als befremdlich für jemanden der (so vermute ich) für sich den Geist der Aufklärung in Anspruch nimmt.
    Wenn bisher Woche für Woche mehr als 350.000 Franzosen unterschiedlicher politischer wie gesellschaftlicher Kolör auf die Straße gehen um (verkürzt) für ihre Freiheit zu kämpfen und das mit “Usurpation der Aufklärung” zu betiteln scheint Sie nicht viel verstanden zu haben.
    Sie nimmt sich einzelne marginale Slogans heraus und erklärt die zum Konsens der Bewegung. Als jemand der den Medienbetrieb von innen kennt, halte ich das für demagogisch oder es ist ein Armutszeugnis für ihre journalistische Arbeit.
    Das es in diesen Manifs natürlich die absurdesten Slogans und Plakate gibt, sollte einen aufgeklärten Journalisten nicht verwundern, sich diese aber dergestalt raus zu picken und zu verallgemeinern ist nicht gerade Edelfeder.
    Geschwurbel der absurdesten Art finde ich auf allen Seite des Diskurses.

    • Martin Böttger

      Lieber Herr Nissing, danke für Ihren Einwurf, den ich ebenfalls zur Markierung einer Differenz nutzen möchte. Dabei beziehe ich mich auf deutsche Verhältnisse, die sich von den französischen, die ich weniger kenne, unterscheiden dürften.
      Ich habe selbst in den 80er Jahren Demonstrationen der Friedensbewegung mit mehreren hunderttausend Teilnehmer*inne*n organisiert. Daher weiss ich, dass Medien sich immer Bilder herauspicken. Das ist mir allemal lieber, als wenn es ihnen jemand diktiert.
      Von einem verantwortungsvollen Veranstalter erwarte ich, dass in seinem Bündnis politische Absprachen getroffen werden, wer dazu gehören soll, und wer die beabsichtigte politische Botschaft schädigt und ferngehalten werden muss. Letzteres gilt für mich für alle faschistisch/rassistisch/misogyn (= frauenhassend) orientierten Kräfte. Wer gegenüber diesen keine allergische Reaktion zeigt, ist für mich politisch nicht satisfaktionsfähig.
      Verschiedene Meinungen zur richtigen Bekämpfung von Pandemien bin ich gerne bereit mit jederfrau und jedermann kontrovers und liberal auszutragen, wenn das geklärt ist.

  2. w.nissing

    Für den geneigten und des französisch mächtigen Lesers möchte ich hier noch 2 Links einstellen. Es geht zwar hier im speziellen um die Situation in Montpellier, sie dürfte aber eine gewisse Beispielhaftigkeit für ganz Frankreich haben. Wichtig im FB-Post wären auch die Kommentare.
    https://www.lamuledupape.com/2021/08/25/mouvement-anti-passe-lextreme-droite-comme-un-poison-dans-leau/
    https://www.facebook.com/gj34mtp/posts/1733959010132880

    PS: Das Phänomen Gilet Jaune wird leider hier in Deutschland nur sehr verkürzt dargestellt . Wer da auf die “traditionellen” Kanäle angewiesen ist, ist arm (in Sinne von Information) dran.

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