Eine Verschwörungstheorie zersetzt die CDU. Oder ist es gar keine Theorie?
Hahaha, haben Sie keine schwierigere Frage? Markus Söder kämpft immer für sich. Es kann nur Einen geben. Rechte wie er waren noch nie faire Verlierer. Das ist auf ihren Genen nicht programmiert. Nach einem Auftritt bei Anne Will, vor einigen Jahren, habe ich einen mit mir befreundeten Talkshowgast befragt. Ist dieser Söder, wenn die Kamera aus ist, und die Gäste sich mit der Gastgeberin zum Smalltalk bei gekühlten Getränken zusammensetzen, der Gleiche, den wir als TV-Zuschauer*innen gesehen haben? Oder kann er dann so nett sein wie Du und Ich? Klare Antwort: Er ist so wie gesehen.
Es ist also nicht abwegig, was die sich wie auf einer Strafgaleere fühlenden CDU-Wahlkämpfer*innen spekulieren, und seit Tagen aus den FAZ-Schlagzeilen (“So verliert die Union die Wahl”) ablesbar ist. Söder sagt die Wahrheit: die CDU müsse mehr kämpfen, und aus dem “Schlafwagen” aussteigen. Wir Leser*innen lesen darin: Söder findet den CDU-Wahlkampf Mist. Ist er ja auch. Die Wahlkämpfer*innen lesen darin: der findet uns doof und scheisse. Stimmt ja auch.
Das södersche Wahrheitsagen entwickelt also eine eigene politische Dynamik. Und der Kerl ist nicht so doof, das nicht zu wissen. Diese Dynamik ist: Scheiss-Stimmung; der Sieg ist mit den Andern. Es wird zur selffullfilling prophecy. Es wird wahr.
Warum macht der Söder das? Weil er, und viele andere, meint, dass er gegen eine Bundesregierung seine nächste Landtagswahl im Herbst 2023 gewinnen kann. Mit ihr geht es eher noch schlechter aus, als beim vorigen Mal. So weit, so logisch. Von Theorie keine Spur.
Der Kollege Sascha Lobo/Sp-on dreht diesen Spin noch eine Umdrehung weiter. Söder hat keine politische Agenda, mit der er regiert. Weder für Bayern noch für Deutschland. Seine Agenda ist er. Und so gibt es also einen Weg zu seinem Lebensziel, Bundeskanzler zu werden: eine CDU-Wahlniederlage, das Wegputschen des angeschlagenen Lasché ist noch die leichteste Übung, und dann das sich-selbst-an-die-Spitze-setzen an einer Jamaika-Koalition. Ich kenne leider sowohl die FDP (9 Jahre) als auch die Grünen (32 Jahre) aus eigener Mitgliedschaft lange genug, um bestätigen zu können, dass das eine nicht abwegige sondern realitätsnahe Spekulation ist.
Näher als diese selbstreferentielle Spekulationshektik steht mir allerdings die Wahlkampfkritik von Lobos Kolumnen-Kollegin Margarete Stokowski/Sp-on: “Ideologen, das sind immer die anderen”: “Wenn den Leuten klarer wäre, dass ihre Weltsicht nicht neutral ist, sondern aus den Verhältnissen entstanden ist, in denen sie leben, könnte man besser darüber sprechen, wie man die Verhältnisse zum Guten ändern will. Dann wäre auch der Wahlkampf vielleicht weniger peinlich.”

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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