Die alten und zahlreichen neuen Bundestagsabgeordneten sind heute alle in der Blase an der Ostperipherie der Republik verschwunden. Das Bevölkerungszentrum des Landes ist dagegen hier: ein Fünftel der BRD-Bevölkerung lebt in einem einzigen der 16 Bundesländer, hier im Westen. Der grösste Ballungsraum des Landes ist das Ruhrgebiet, allein doppelt so gross wie Berlin. Hinzu kommt der Wirtschaftsmotor, der ist hier im Rheinland. Von hier kommt mann und frau doppelt so schnell ins globale Finanzzentrum London und die Weltstadt Paris. Die EU-Hauptstadt Brüssel gehört schon fast zum Nahverkehr (ein Vorort von Köln, meinen zumindest die in der Regel selbstbesoffenen Kölner*innen, darin Berlin ähnelnd).
Wer hier keine Wahl besteht, kann sich bundesweit abmelden. Das erfährt in diesen Tagen Armin Laschet, der, auch wenn derzeit nicht bemerkbar, immer noch Ministerpräsident dieses Landes ist. Nun soll sich der CDU-Landesvorstand angeblich auf einen Nachfolger namens Wüst geeinigt haben. Wenn Sie den nicht kennen: das ist der Landesminister, der in NRW für die “Mobilität”, Bauruinen, kaputte Brücken und Menschen erschlagende umfallende Lärmschutzwände verantwortlich ist. Wer den wählt, weiss, was er*sie tut.
Wenig beachtet in der von Berlin aus gelenkten veröffentlichten Debatte bleibt das NRW-Ergebnis der Bundestagswahl. Es hat kleine aber relevante Unterschiede zum Bundesergebnis. Der Wichtigste: die Rechtsparteien CDU, FDP und AfD verlieren alle gleichzeitig, in der Summe deutlich über 10%. Wenn das keine bemerkenswerte Verschiebung ist! Im Unterschied zum Bundestrend hat die NRW-FDP keine Gewinne, sondern Verluste. Und während die Grünen-Gewinne bundesweit schmaler als erwartet ausfielen, haben sich die NRW-Grünen mehr als verdoppelt (von 12 auf 28 Abgeordnete), und zwar in fast allen Wahlkreisen, nicht nur in den Grossstädten.
In NRW ist ferner auffällig, dass es keine Hochburgen mehr gibt. Nur noch ganz wenige Wahlkreise zeigen ein Parteiergebnis mit einer “4” am Anfang. In meinem alten Heimatwahlkreis in Essen-Nord, den Peter Reuschenbach in den 70ern mit knapp 70% holte, jubelt der 60-jährige Dirk Heidenblut jetzt über 37,8% – wow! Die Herren Spahn (CDU-Borken: – 11,3%) und Merz (CDU-Hochsauerland: -7,6%) haben im flachen wie im bergigen Westfalenland satte Minusraten eingefahren, und schicken jetzt einen von ihresgleichen ins Ministerpräsidentenrennen. Ein Opfer?
Am 15. Mai 2022 ist es so weit.