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#metoo: es rummst in Milliardärsverlagen

mit Update abends
Verlagsinterne Zensur sorgt für grössere Öffentlichkeit – mit Paywalls als Stolperdraht
Die Aufmerksamkeit für die Belästigung von Frauen durch den Springer-Chef-Milizionär Julian Reichelt wurde durch den Verlegermilliardär Dirk Ippen reanimiert. Er untersagte seiner Rechercheredaktion eine Berichterstattung darüber, und hat dadurch für umso grössere öffentliche Empörung gesorgt. Wunderbar! So gehen die Dinge voran.
Gestern Abend machte mich mein Bruder auf einen New-Xork-Times-Bericht über den Springerkonzern aufmerksam. Er kommentierte noch gelassen: “Nicht (viel) neues, aber bemerkenswert lang & detailiert recherchiert und zusammen getragen.” Wenn jedoch ähnliches von deutschen Journalist*inn*en zusammen getragen wird, im Falle des Verlagshauses Ippen unter der Leitung meines ehemaligen ruhrbarone-Kollegen Daniel Drepper, dann ist die Aufregung ungleich grösser. In erster Linie unter den Sektenmitgliedern des BDZV, dessen Vorsitzender Springerchef Döpfner, und dessen Angehöriger der Herr Ippen ist, der dem Kollegen Drepper und seinen Kolleg*inn*en den Lebensunterhalt bezahlt. Und der ist nicht amüsiert.

Das wiederum spricht sich schneller rum, als wenn er seine angestellten Journalist*inn*en ihre Arbeit hätte machen lassen. Der Spiegel berichtet voller Freude grosszügigerweise ohne Paywall, während Stefan Niggemeier/uebermedien seinen Text einmauern liess (erst in einer Woche zugänglich). Suchen Sie stattdessen Lesetrost bei Alexander Krei/dwdl. Danach wissen Sie das meiste. Auch wenn es natürlich im Hause Springer mit seinem Chefdarsteller Reichelt wahrlich keine Überraschung ist.

Die Kolleginnen von @mediasres/DLF werden das Thema ebenfalls gleich aufnehmen.

Klar ist die Aufregung der Medienjournalist*inn*en wie so oft in erster Linie sebstreferentiell. Aber die #metoo-Bewegung hat die inneren Kräfteverhältnisse verschoben. Normalerweise kräht kein einziger Hahn mehr, wenn ein Konzerneigentümer eine Berichterstattung, eine kritische gar, unterbindet. Der Startschuss durch die New York Times erfolgte nicht aus Zufall aus dem journalistischen Geburtsort von #metoo und befruchtet auf diese Weise den schwergängigen deutschen Mediendiskurs. Es gibt Netzwerke über Verlagshausgrenzen hinaus, über die sich schnell aufmerksame Solidarität mobilisieren lässt. Es muss nur auch Köpfe geben, die es tun. Da hat sich der Herr Ippen in dem Herrn Drepper verrechnet. Gut.

Update abends: wo nur wenige was zu sagen haben, fallen Entscheidungen schneller. Der Springerkonzern hat den Kriegsberichterstatter Reichelt von seinen Aufgaben als Chef des hauseigenen “Lügenblatts” (zit. Dietrich Kittner) entbunden. Wovon kommt das? Bei Springer ist ein grosser US-Investmentfond Grossaktionär. Und der Konzern investiert vermehrt in digitale US-Medien. Da kann das Festhalten an einem Reichelt zu teuer werden. Dank #metoo.

2 Comments

  1. Klaus Böttger

    Was die “Aufregung” um Reichelt (nichts neues) und den “Skandal” der Verlegerzensur des Herrn Ippen angeht (nicht schlau) – da dreht die deutsche Medienmaschine hohl und kann es “rummsen” lassen. Interessanter finde ich aber, dass der Impuls für die Entscheidung Döpfners mutmaßlich eben jener Bericht der New York Times über Dreppers (Team) Recherche gewesen ist. Wirklich clever über die interkontinentale Bande gespielt, Herr Drepper! Nur wenige Journalist:innen sind international besser vernetzt… das hat Ippen vergessen.

    Den Wellenschlag bis an die Ostküste kann Döpfner ganz und gar nicht brauchen. Diese Art von Öffentlichkeit auf dem womöglich zukünftig wichtigsten Markt des Springer-Konzerns ist eine furchtbare Visitenkarte. Schon das Axios Fiasko hängt ihm übelst nach. KKR war schon deshalb gar nicht glücklich. Und eben deshalb musste der Kriegsberichterstatter auch erst jetzt gehen.

    Deutschland, Europa, das ist inzwischen zu klein für den Global Player aus der Rudi-Dutschke-Strasse. Döpfner hat eine Marktlücke im Blick, die er hinter dem Rückzug und den Erben Rupert Murdochs vermutet. Mindestens. Mit allem. Ihm kann es egal sein, wer unter ihm Kanzler:in ist, wenn er in Washington die Präsidentschaftswahl entscheiden kann.

    Das ist dann ja auch irgendwie “Atlantikbrücke” – mit letzter Konsequenz! ;-)

    Hier geht es weiter: “This is a developing story. Check back for updates.”
    https://www.nytimes.com/2021/10/18/business/media/julian-reichelt-axel-springer.html

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    • Martin Böttger

      Danke für die informative Ergänzung.

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