mit Update 26.1.
Gestern erst klagte mir ein belesener Leser völlig berechtigt, dass die in Berlin, egal welcher Partei, dem Drecksblatt aus dem Springerkonzern immer noch Exklusivinterviews bieten, obwohl es kaum noch jemand kauft (von 5 auf 1 Mio. in weniger als 30 Jahren). Durch die ganze Geschichte dieses Mediums zieht sich eine Spur aus Dreck, Blut und Scheisse. Besonders betroffen davon war schon in den 80er Jahren der deutsche Nobelpreisträger und Namensgeber einer Parteistiftung Heinrich Böll. Hier erinnert sich ein Genosse, der beruflich selbst als Pressesprecher eines Bundesministeriums tätig war. Bei der grünnahen Parteistiftung seines Namens habe ich keine entsprechende Erinnerung an diesen für die West-BRD so bedeutsamen Medienskandal gefunden, peinlich.
Diese sogenannte Zeitung hat keine gesellschaftliche Relevanz mehr. Das stört die im Berliner Hauptstadtkarussell, 70 km vor Polen, nicht im geringsten. Da sie sich weit weg vom “Volk” aufhalten und beschäftigen, halten sie diesen Schund immer noch für eine “Stimme des Volkes”. Was für ein Quatsch! Aber wer sagts ihnen?
Schönes Beispiel heute, zu dem ich zufällig Persönliches beitragen kann. Spiegel-online war zugegeben als Internetmedium in den 90ern so früh am Start, dass es sich den Titel “Bildzeitung des Internet” verdiente. Und so kreisen beide über Stasi-Akten, in denen der Name Olaf Scholz vorkommt. Boah ey, was für Enthüllungen. Extradienst-Leser*innen kennen das schon.
“Unter Beobachtung des DDR-Geheimdienstes” waren, das wusste ich schon mit 16, und Olaf mit Sicherheit auch, alle Bundesbürger*innen, die die DDR bereisten; und politische Funktionäre erst recht. Wir sind in diesem Bewusstsein dorthin gereist, konnten schon deswegen keine Staatsgeheimnisse ausplaudern, weil wir keine kannten, haben aber abends beim Bier viel über die Realität des “real existierenden Sozialismus” gelernt. Ich z.B. über die dortigen Allergien gegen Kriegsdienstverweigerung, über schlechte Versorgungslagen, Gärtnereien arbeiteten für die “Frauentagsversorgung”, umgekehrt wurde sexualisierte Gewalt öffentlich lautstark verschwiegen, Räucheraal bekamen nur Westgäste, weil er den DDR-Bürger*inne*n “nicht schmecken” würde. Wenn wir uns als FDP-nahe Jungdemokraten über den MSB Spartakus beschwerten, war das Problem eine Woche später wie von Geisterhand gelöst. Unser Stasi-Überwacher war der Fahrer.
Mein Freund Georg Hundt wiederholte bei solchen Gelegenheiten laut und deutlich, dass es unsere Gastgeber*innen nicht überhören konnten: “Die DDR ist doch, nach der Schweiz, das reaktionärste Land in Europa.” Wiederholten Einreisen stand das nicht im Wege.
Mit der FDJ trafen sich alle BRD-Jugendverbände. Mit wem denn sonst? Und als Egon Krenz dort Boss war, war es das mindeste, mit ihm persönlich zu sprechen. Dort wurde das offene Wort gepflegt, jedenfalls von uns Jungdemokraten. Von anderen (auch den Jusos), allerdings nicht von allen, hörte ich Ähnliches.
“Erteilung Visa für Berlin, gebührenfrei, Befreiung vom Mindestumtausch, höfliche Abfertigung, ohne Zollkontrolle” hatte ich auch, und zwar für “mehrmaligen Grenzübertritt”. Das war bei einer Konferenz für ein atomwaffenfreies Europa im Palast der Republik 1988; zur Freizeitgestaltung wechselte ich abends immer rüber ins interessantere Westberlin. Ich hatte ein Zimmer im – heute abgerissenen – “Palasthotel”, selbstverständlich mit Abhörtechnik. Bei meiner späteren Stasi-Akteneinsicht erfuhr ich von meiner Überwachung durch einen damaligen Arbeitskollegen; eine Überraschung war es nicht.
Einschub: Als das “Palasthotel” noch nicht, aber die DDR schon abgerissen war, wohnte dort eine Delegation des WDR, die die Internationale Funkausstellung im Westteil besuchte. Es war die Amtszeit von Intendant Fritz Pleitgen, der beim abendlichen Dinner an jedem Tisch die Rundfunkratsmitglieder einzeln mit seinem Charme einwickelte. Es war wie beim DFB-Pokal: mit jeder Getränkerunde schieden Gäste aus. Und wer war im Finale gegen Pleitgen? Ich kenne ihn, er ist Extradienst-Autor. Im Finale allerdings unterlag er Pleitgen klar durch KO. Einschub Ende.
Dass mann bei all diesen Gelegenheiten Informationen abzuschöpfen versuchte, war ja der eigentliche Sinn jedes Besuches und Delegationsaustausches. Das hat funktioniert, wie die Geschichte längst gelehrt hat. War alles auch eine Frage guter Ausbildung und Vorbereitung. In meiner Zeit als Jungdemokraten-Bundesgeschäftsführer (1985-87) lud mich ein Sekretär der sowjetischen Botschaft in Bad Godesberg zweimal sehr freundlich zum Essen ein. Wir führten angeregte Gespräche über die politische Weltlage. Beim dritten Mal nahm ich meine fachlich zuständige stellv. Bundesvorsitzende Susanne Willems als Zeugin mit. Danach folgten keine weiteren Einladungen.
Auch Olaf Scholz wusste damals schon, wie diese Dinge funktionieren. Der ist ja nicht blöd. Update 26.1.: Der Herr Hubertus Knabe/FAZ meint, der Olaf habe seinerzeit als Teil eines “ultralinken” Juso-Flügels den “Schulterschluss mit Moskau” (kein Link, Paywall) gesucht. Den Vorwurf kenne ich von der Bundesregierung Ende der 70er Jahre gegen die westdeutsche Anti-Apartheid-Bewegung (der ich aktiv angehörte). Wer solche Feinde hat …