Nein, mit der billigen Lokalpolemik befasse ich mich hier nicht. Die CDU hat erkannt, was alle sehen konnten: sowohl bei Grünen als auch im ADFC gibt es verschiedene Meinungen zu den Radschnellwegplanungen an beiden Rheinufern. Also feste druff, den Spaltpilz schön feuchthalten und vor keiner persönlichen Diffamierung zurückschrecken. Das bringt Klicks und zieht weitere Erregung von Aufmerksamkeit nach sich. “Radschnellwege” sind genormt. Der*die Deutsche braucht das zum festhalten. Das ist das Problem.
Ich wurde 1969 zum Radfahrer. Unsere Familie zog von Gladbeck-Butendorf ins nahe Essen-Karnap um. Ich war schon ins Gymnasium befördert und wollte die Schule nicht wechseln. Versuche, die Schule mit ÖPNV-Mitteln zu erreichen, scheiterten fürchterlich. Wintersnachts um 7 an der Haltestelle stehen, überfüllte Bahnen, zweimal umsteigen – 50 Minuten einfache Strecke. So war das 1970 im grössten Ballungsraum der BRD, der nicht nur von unsichtbaren Stadtgrenzen, sondern zusätzlich von drei (!) Regierungsbezirken (und zwei Landschaftsverbänden) durchschnitten wird. Mehr als 30 Jahre später testete ich den ÖPNV auf der gleichen Strecke; inzwischen gab es den “Verkehrsverbund”. Haben wir gelacht. Keine Minute schneller.
Also stieg ich mit 12, 13 aufs Fahrrad um, zeitweise das alte “Vaterland”-Modell meiner Mutter, 28er Räder ohne Gangschaltung. Ich habe es später an meine Lieblingsschulfreundin weiterverschenkt. Das Ding hat 40 Jahre gehalten.
Mit dem Rad fuhr ich die grade Strecke von zuhause zur Schule in der halben Zeit, 25 Minuten. Immer an der B 224 entlang, mit breitestem Betonplatten-Radweg neben der 4-spurigen Bundestrasse. Es war der flacheste Anstieg zur Gladbecker Innenstadt, nach dem Gladbecker Freibad einmal links ab, die “City” nur westlich gestreift, gelangte ich direkt neben dem Bhf. Gladbeck-West zu meiner Schule. Für den Rückweg wählte ich bergab eine steilere Strecke durch Butendorfer und Braucker Wohngebiete, bei der ich regelmässig die Geschwindigkeit der “Graf-Moltke”-Zechenbahn nach Brauck und Gelsenkirchen-Horst übertraf. Trotz intensiver werdenden Bierkonsums habe ich so meine Fitness gehalten.
Nach dem Abi bekam ich nicht nur den Führerschein (13 Fahrstunden, 650 Mark), sondern auch einen VW-Käfer geschenkt. Den schaffte ich 1978 wieder ab. Zuviel Ärger, zu teuer im Unterhalt. Heute besitze ich eine abbezahlte Wohnung. Die ist mehr wert, und verliert ihn auch nicht.
Fahrradautobahnplanung
Heute, knapp 50 Jahre später, der ÖPNV immer noch im gleichen Zustand (statt Strassenbahnen jetzt Busse), lese ich (die WAZ hat alles eingemauert) von Radschnellwegplanungen zwischen Gladbeck und Essen. Boah ey, ist das nicht ein bisschen hastig?
Es soll auf alten Zechenbahngleisen von Gladbeck südwestlich nach Bottrop, und von da nach Essen gehen. Der gleiche Umweg, den heute S-Bahnen machen, weit westlich von meinem alten Wohnort Karnap. Weit westlich auch von der B 224, die auf der geografisch kürzesten Route verläuft.
Meine alte Fahrradroute ist nicht mehr befahrbar. An ihr wurde seit 1969 nie was erneuert. Zwischen den Betonplatten konnten kleine Grünstreifen wachsen. Entscheidend war aber der Ausbau des Gladbecker Autobahnkreuzes, dem der Radweg zum Opfer fiel, wie zuvor schon in Essen-Nord, wo mein Grossvater noch mit dem Fahrrad bis Altenessen durchkam.
Die Planung aus dem alten, dem Autozeitalter, sah vor, die B 224, die Gladbeck komplett von Südwest nach Nordost durchschneidet, als A 52 auszubauen, also viel breiter – und so der Traum – mit weniger Staus. Bis heute lernt der Mensch nicht aus der Erfahrung, dass mehr Autobahnen noch mehr Autoverkehr anziehen. Immer aufs Neue erschrecken die Betonbauer und -bäuerinnen, wenn es dann doch wieder passiert. Die Gladbecker Bürger*innen waren nicht doof genug dafür. 2012 lehnten sie mit 56% in einem Bürgerentscheid, der das erforderliche Beteiligungsquorum um weit mehr als das Doppelte übertraf, ab, dass die Stadt sich an solchen Bundesautobahnkosten beteiligt.
Jetzt, im Zeitalter der Verkehrswende wäre es so weit. Statt des hässlichen stinkenden Staus, der zusammengewachsene Städte trennt, könnte doch statt alter Bahntrassenumwege die Bundesstrasse zum Radschnellweg umgebaut werden. Es wäre sogar noch Platz für neue Baumreihen, oder eine Strassenbahntrasse.
RRX
Wenn ich 73 bin, und meine mutmasslich letzte Darmspiegelung hinter mir habe, soll dann sogar der RRX alle 15 Minuten zwischen Köln und Dortmund verkehren. Bonn soll auch einen Ast abkriegen. Beuel nicht. Übersetzen Sie das mal einer*m Chines*in*en.
NRW – macht jemand Verkehrspolitik?
Am 15. Mai ist Landtagswahl. Ein gewisser Hendrik Wüst will danach bleiben, was er seit kurzem ist: Ministerpräsident. Darum lässt er derzeit keinen Kameratermin aus. Wenn Sie ihn zufällig irgendwo treffen, fragen Sie ihn bitte mal, was er 2017-21 so den ganzen Tag gemacht hat.
Beuel – unbeschleunigte “Verkehrswende”
Sich über die Bäume in der Rheinaue aufregen mag ja Spass machen, weil dabei so schön die Zeit verrinnt, und alle sich so herrlich gestaute Wut auf das Schlechte in der Welt ablassen können. Rudi Carrell sang auf Arlo Guhries Komposition “und schuld daran ist nur die SPD” – heute also: die Grünen. Mehr Menschen als Bäume befinden sich allerdings am Adenauerplatz. Heute sprang die Fussgängerampel wie immer kurz vor meiner Ankunft auf Rot. Leider hatte ich nichts zum Lesen mit. Doch dann ging im Westen zwar nicht endlich die Sonne auf, aber die 66 erschien am Horizont der Kennedybrücke. Da wusste ich: wenn die hier ist, wird Grün. Und so geschah es.
Der Fussgängerüberweg zwischen von-Sandt-Strasse und Bistro El Horizonte / Bücher Bartz ist jetzt 2 1/2 Jahre mit Baken versperrt, die Fussgängerampeln tragen Plastiktüren. Die Hälfte dieser Zeit regiert eine sog. “Linkskoalition”. Schön wärs.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net