Beueler-Extradienst

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Die mit der Angst regieren

… sind die tatsächlichen Schwächlinge
Der sich Marxist dünkende Autor Ernst Lohoff/Jungle World liefert eine astreine angenehm kompakte und weitestgehend zutreffende Analyse der aktuellen geostrategischen Machtkämpfe. Nach seiner Meinung gehöre ich zu den “Überflüssigen”, die sich in einer “grossen Koalition einreihen”. Auch damit könnte er richtig liegen, was das Denken und Meinen in der Bevölkerung betrifft. Im Hauptstadtberlin und noch weniger in den vermachteten Massenmedien kann ich diese “Koalition” dagegen nicht wirklich erkennen.
Entsprechend “ratlos” zeigen sich Blog-Kollegen, die bei der Übernahme staatlicher russischer Nachrichtenquellen schmerzfrei agieren. Bittere Enttäuschung? Leider keine wichtige Frage mehr. Denn mit blindwütiger Parteilichkeit ist Deeskalation – Entspannung wird da schon zu seinem schönen Traum – nicht zu machen. Realpolitische Deeskalation scheint dem Genossen Lohoff zuwider zu sein. Denn eine Antwort auf die Frage, wie eine kriegerische Eskalation und Explosion zu verhindern ist, bleibt er absichtlich schuldig. Er will ja auch gar nicht erst als politikfähig in der realen Welt erscheinen. Schade eigentlich. Soviel Verstand verschenkt.
Mit den gestrigen Beschlüssen der russischen Regierung wurden Frankreich sowie die deutsche Bundesregierung als eigenständige Akteurinnen der aktuellen Krise abgemeldet. In der Konkurrenz der wer-hat-den-Längsten-Milieus ist das die grösstmögliche Beleidigung. Krieg verhindern ist jetzt der Job der USA und Russlands. Aber wollen sie das? Oder haben sie nicht sogar Interesse an einem begrenzten Konflikt? Ist er begrenzbar? Auch China hat diese Sorge.
Entscheidend geschwächt werden Deutschland, Frankreich, die EU, Russland, die Ukraine – und zwar in dieser Reihenfolge. China gewinnt Russland, was sich als ambivalent – Rohstofflieferant, aber auch dysfunktionale Belastung als Krisenherd – erweisen dürfte. Die USA setzen ihre Kommandokompetenz in der Nato und gegen die EU durch. Die Mehrheit der Welt schaut entgeistert zu und zieht ihre Schlüsse. (A propos “Rest der Welt”: meine Texte zum EU-Afrika-Gipfel – hier und hier – wurden auch von Extradienst-Leser*inne*n kaum bemerkt.)
Wie ich darauf komme?
Eric Bonse/taz: Von Putin kalt erwischt – Die Hoffnung Deutschlands und Frankreichs, weiter im Normandieformat verhandeln zu können, ist dahin. Jetzt muss sich die EU neu einigen.”
Bernhard Gulka/telepolis: Warum Putins Donbass-Coup auch in Russland umstritten ist – In Russland herrscht angesichts der Anerkennung der Donbass-Republiken nur in patriotischen Kreisen Jubel. Fachleute haben davor gewarnt und sind nun pessimistisch”
Wolfgang Pomrehn/telepolis: Widerspruch aus Beijing – Chinas Regierung ist nicht begeistert angesichts der Zuspitzung des Konflikts in der Ukraine – auch nicht vom russischen Anteil daran”
Harald Neuber/telepolis: “Moskau marschiert (ein)”
Ich gestehe, das wiederum in Übereinstimmung mit dem oben kritisierten “ratlosen” Albrecht Müller: meine Bewertung der herrschenden inländischen Berichterstattung ist mit “Entsetzen” völlig unzureichend beschrieben. Welche Medien ich täglich nutze, können Sie hier mitlesen. Radio und TV betreffend nutze ich ausschliesslich öffentliche Medien. Wenn ich mich deren aktuellen Politikprogrammen mit Überdosis aussetze, bekomme ich depressive Stimmungen. Ist das Absicht der fiesen Herrschenden? Nein, ich fürchte, es ist schlimmer: die sind so dumm. Das ist immerhin eine Perspektive, den Dummen eines Tages die Medienmacht abzunehmen. Wären die intelligent, würde es schwieriger.
Eine Hausaufgabe für Sie: egal wie übereinstimmend oder unterschiedlich Sie und ich die Sache bewerten: wer von all diesen Akteur*inn*en schützt gerade das Klima? Sie und ich wissen ja, die Zeit ist knapp. Wer tut es? Wie? Wer fängt an? Der schlaue Herr Lohoff scheidet hier aus – zu “realpolitisch”.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. w. nissing

    wen et wüngsche helefe dät…..
    es waren fast 8 Jahre Zeit, Minsk2 mit allseits akzeptiertem Inhalt auszuverhandeln…. Puhhh, och schaunmermal wat da kommt, war wohl eher die Devise….
    Tja , jetzt hammer Minsk2 nur ohne allseits akzeptiertem Inhalt und ich bin mir fast sicher, das das für den “Bodycount” vorerst wirklich besser ist…. oder frei nach Gorbi: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.
    Die Rede von Putin bzw die Übersetzung auf Anti-Sturmgewehr sollte man sich mal ruhig durchlesen. Bei mir persönlich sind da an ein paar Stellen so deja Vu aufgeblitzt, die ich seinerzeit (70/80/90er) nicht so richtig unterbringen konnte.
    Wenn mir das Statement des RU-Unovertreters richtig transskribiert wurde ist Minsk2 ja auch noch nicht mausetot, nur müssten zur Reaktivierung hier im Westen wohl einige richtig Kröten fressen oder besser mit “Engels Zungen” reden können.

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