Beueler-Extradienst

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Per Anhalter nach Russland …

… und die Antwort auf alle Fragen ist diesmal nicht 42, sondern: 144.24.181.253.

Warnung: Dieser Text enthält Stellen, die empfindsame Menschen irritieren können! Es wird zu Selbstversuchen und konspirativen Mutproben aufgerufen.

Mit dem Internet ist es so ähnlich, wie mit einem Auto: wer die Motorhaube öffnet, sieht da rein, wie ein Schwein ins Uhrwerk. Da ist nix drin, was wir wissen müssen, um damit zu fahren. Wer nicht schalten will, der legt sich gleich einen Automatik zu und muss noch weniger wissen. Ein Automatik macht aber erst Spaß, ab 250 PS aufwärts, drunter ist es ganz praktisch eine Gangschaltung zu bedienen.

Fahren wir – weil es so einfach ist – besser den Automatik. Ähnlich wie im Straßenverkehr gibt es im Internet auch Verkehrsschilder, die mir sagen, wo ich fahren darf, abbiegen muss oder ausweichen. Auch gibt es Strassensperrungen, Schlaglöcher und getarnte Baustellen. Eine Automatik sorgt dafür, dass ich nichts falsch mache, denn sie kennt meine Ziele, kennt meine Wünsche, meine Interessen, politischen Einstellungen oder auch meinen Gesundheitszustand – kurzum, dieses Automatikgetriebe sorgt dafür, dass es mir gut geht. (hüstel…) Dieses Wissen um mich purzelt aber nicht aus einem digitalen Himmel, sondern ist das Ergebnis einer unermüdlichen weit verzweigten Sammelarbeit. Mein Dank gilt aber nicht nur Meta oder Alphabet (also Facebook und Google), sondern auch den tausenden kleinen Sammelstellen, die ihren Beitrag leisten und weiterverkaufen, um den großen Erkenntnispalast um mich herum aufzufalten.

Auch wer nichts zu verstecken hat, FKK-Liebhaber ist oder gar zum Exhibitionismus neigt wird darüber nicht gerade erfreut sein – das ist nämlich genauso bekannt. Genauso bekannt sein dürfte meine Vorliebe zum Masochismus! Wollen Sie sich sich einmal richtig quälen? Schlimmeres erleben als Water-Bondage? Dann steigen Sie mit mir in die öffentlich zugänglichen Tiefen des Internets hinab, ganz ohne Tor-Browser, VPN und andere Schutzmassnahmen. Hier die Anleitung: Rufen Sie die Datenschutzerklärung und die Cookie-Einstellungen von eBay auf, lesen Sie alles und nennen Sie mir am Schluss alle Server und Plattformen, mit denen eBay zusammenarbeitet. (Ich brauche nur die Anzahl der Kooperationspartner – ich zähle noch…) Übrigens: Danach werden Sie automatisch ebenfalls als Masochist getagt. Richtig pervers wird das Unterfangen, die Kooperationspartner alle „abzuwählen“. Geht aber noch besser: 1. Preis an den (oder diejenige) die/der es schafft binnen 24 Stunden den eigenen Facebook-Account zu löschen. Nur Mut, kann nichts passieren, einfach versuchen zu löschen, bis zum bitteren Ende! (Erfahrungsberichte erwünscht)

Was bleibt, wenn der Notarzt Urlaub hat und sonst keine Hilfe in Sicht? Einfach abtauchen, einen Tunnel durchs Internet graben, bis ich da bin, wo ich hin will. Einfacher gesagt, als gegoogelt: „Internet, Tunnel graben“ Antwort: „VPN“, steht für „Virtual Private Network“, das dazu dient verschiedene Netzwerke sicher zu verbinden. Also z.B. den heimischen PC mit dem Firmennetzwerk. Auf gleichem Weg gibt es eine andere Anwendungsmöglichkeit, denn der Tunnel vom heimischen PC muss nicht in die Firma führen, sondern in das Netzwerk eines anderen Landes. Der Tunnel ist natürlich verschlüsselt und am Ausgang steht der heimische PC so, als wäre er in Finnland, der Ukraine oder Russland aufgebaut.

Das ist so praktisch, wie gruselig, denn wenn mein Rechner virtuell in Russland steht, dann kann ich natürlich rt.com aufrufen, aber meine dringend benötigte Facebookseite wahrscheinlich leider nicht mehr. Könnte ich sie aufrufen, dann könnte Facebook trotz VPN ausloten, wo ich bin. Wenn ich diesen Weg gehen will, dann gilt es einen passenden VPN-Anbieter zu finden, dem ich vertrauen kann (er weiß schließlich alles, was ich über ihn ansteuere) und zu einem sinnvollen Tarif.

Ohne eine Empfehlung auszusprechen lohnt ein Blick auf das Angebot über den Firefox-Browser

https://www.mozilla.org/de/products/vpn/#pricing

oder über den Brave-Browser

https://brave.com/firewall-vpn/

Firefox dürfte allen bekannt sein, Brave ist ähnlich aufgestellt, nur etwas schneller, weil er Werbung gar nicht erst nachlädt, deshalb die Seiten schneller erscheinen und Bandbreite spart.

Beide sind groß genug, um keine Fehler bei der Datensicherheit zu machen. Wer einigermaßen anonym surfen will, ist gut damit bedient.

Wer aus dem Ausland nur seine Mediathek von ARD/ZDF oder auch Netflix aufrufen will, braucht keine VPN-Anbieter – sofern er in seinem heimischen Gerätezoo eine FritzBox beherbergt. Die Anleitung dazu: „System“ -> „FRITZ!Box-Benutzer“ -> „Benutzer hinzufügen“ -> ausfüllen, letzten Punkt anklicken -> „VPN“, danach „VPN-Einstellungen anzeigen“ und die Informationen in sein Endgerät eintragen, fertig.

Und zum Schluss wieder einen Blick auf das DNS (Domain Name System), da gab es schon einen kleinen Artikel:
https://extradienst.net/2022/03/21/hilfe-zur-selbsthilfe/

Größte Freiheit genießt, wer sein DNS selbst wählen kann.

Wer Firefox oder Brave einsetzt (Chrome, Edge etc. habe ich gerade nicht zur Hand) und diesen Eintrag nicht systemweit benutzen will, der kann es im Browser probieren.

In Brave findet es sich unter „Einstellungen“ -> „Datenschutz und Sicherheit“ -> „Sicherheit“ ->„Sicheres DNS verwenden“ -> „Mit Benutzerdefiniert“ anklicken und einen anderen DNS-Dienst auswählen. Empfehlung: OpenDNS.

In Firefox führt der Weg ebenfalls über ->„Einstellungen“ , dann aber über -> „Allgemein“, letzter Punkt
-> „Verbindungs-Einstellungen“, nach unten srcollen und „DNS über HTTPS aktivieren“, dort können wir wieder auf -> „Anbieter verwenden“ klicken und „Benutzerdefiniert“ auswählen. Es stehen nur zwei DNS-Dienste zur Auswahl, Cloudflare (das ist 1.1.1.1) lassen wir weg, NextDNS gibt uns seinen Schutz – aber wir wollen uns ja frei bewegen.

Dann sehen wir uns hier nach anderen DNS-Diensten um:

https://www.opennic.org

zielen in der Mitte bei „Your closest servers:“ auf „(view all)“ und auf „Tier 2“

Fein geordnet erkennen wir nach Länderkürzeln auch ein RU, den nehmen wir natürlich in unserem konspirativen Eifer. Es findet sich die Zahlenkombination: „144.24.181.253“ – und jetzt sind wir wieder ganz am Anfang.

Diese Zahl tragen wir im Firefox ein – und sofort können wir auch alle gesperrten russischen Seiten sehen.

Aber: Dies ist nur ein DNS-Dienst, zur Erkundung und zum Test, um sich frei zu bewegen und auch ohne VPN-Tunnel andere Seiten zu erreichen. Nach dem Ausflug zu einem russischen DNS legen wir wieder bei uns an:
https://digitalcourage.de/support/zensurfreier-dns-server

Fazit:
VPN braucht, wer Angebote im Ausland über Gebietsgrenzen hinweg nutzen möchte, wer aus dem Ausland das heimische Angebot nutzen will und eine FritzBox zur Hand hat, kommt kostenlos davon,

Wenn es darum geht Seiten unzensiert aufzurufen hilft die Änderung des DNS-Eintrages.

Wer anonym surfen will, der braucht keinen eigenen Tor-Browser, sondern installiert Brave und nimmt ihn als Alltagsbrowser. „Anonym“ bietet Brave unter „Neues privates Fenster mit Tor“.

Es ist alles ganz einfach, auch wenn manchmal die Gangschaltung gebraucht wird – wo die Gänge liegen habe ich angedeutet.

Über den/die Autor*in: Christian Wolf

Christian Wolf ist Autor, Filmschaffender, Medienberater, ext. Datenschutzbeauftragter. Geisteswissenschaftliches Studium (Publizistik, Kulturanthropologie, Geographie), freie Tätigkeiten Fernsehen (RTL, WDR etc.) mit Abstechern in Krisengebiete, Bundestag Bonn und Berlin, Dozent DW Berlin (FS), Industriefilme (Würth, Aral u.v.m), wissenschaftliche und künstlerische Filmprojekte, Projekte zur Netzwerksicherheit, Cloudlösungen. Keine Internetpräsenz, ein Bug? Nein, Feature. (Digtalpurist)

4 Kommentare

  1. Roland Appel

    Das schlimme ist, dass das alles nicht in der Schule gelehrt wird, obwohl es wie erst nach links, dann nach rechts zu schauen, bevor man die Straße überquert, zu den Überlebensregeln – in diesem Fall nicht im Straßenverkehr, sondern im Internet gehört…

  2. Christian Wolf

    Ich bin kein Pädagoge, aber Schule könnte wirklich mehr tun. Leider führt der Weg dort oft nur bis zum Fotokopierer.

    Von meine Seite möchte ich ein paar praktische Denkanstöße liefern. Vielleicht gelingt das ja.

    Sollte ein Thema unter den Fingernägeln brennen, dann bietet die Kommentarfunktion mir Inspiration.

    Bis demnächst auf diesem Bildschirm….

    Christian Wolf

    PS:
    Und Fragen sind auf diesem Weg ebenfalls hochwillkommen.

  3. Der Maschinist

    Mein Lieblingsthema an ganz vielen anderen Stellen war und ist was ich “Medienkompetenz” nenne. Dazu gehört nicht nur die Fähigkeit zur Rezeption und Reflektion der Inhalte, sondern auch des Einfluß und der Macht der Technik darauf – und den Einfluß und die Macht derer, die diese Technik kontrollieren. Es stimmt, es reicht nicht aus, die Technik nur bedienen zu können, mensch sollte auch rudimentär begreifen wie sie funktioniert.
    Nur mal aus meiner Erfahrung: Als ich Abitur im Leistungskurs Physik gemacht habe, gab es noch kein Internet. Aber es gab schon Privatfernsehen und Satellitentechnik. Ich hatte Glück und einen Lehrer, der selbst genug Interesse daran hatte – und vor allem auch uns daran teilhaben ließ. Im Physikraum stand bereits der erste Intel 386 DX. Und damit ging es bei mir los… andere hatten nicht soviel Glück und haben statt dessen Matheaufgaben noch mit ihrem Rechner von Casio gebimst.
    Doch viele (die meisten?) Probleme im Umgang mit Technik liegen im mangelnden Verständnis der sozialen und politischen Folgen derselben. Nicht in der Unfähigkeit sie zu bedienen, da macht mir heute sicher jede:r (zweite?) Teenager was vor. Ein Internet-Führerschein (da nehme ich den Gedanken von Roland auf), wäre sicher hilfreich – aber nur wenn er über die Technologie hinausgeht. Nun stellt sich die Frage, wieviele Lehrer:innen haben wir, die in der Lage sind Physik & Sozialwissenschaft oder Technik & Politik zu verknüpfen?
    Der Ansatz von Christian – die Fähigkeit zur Selbstermächtigung über die Technologie – ist hervorragend. Aber mensch muss eben auch erst erkennen, dass es notwendig ist… Für die Menschen in Russland, Saudi-Arabien, Iran oder der Türkei, die heute noch in der Lage sind, oppositionelle und ausländische Medien zu verfolgen stellt sich die Frage nicht. Die wissen das inzwischen genau. Nur sind das eben auch nur sehr wenige. Doch es werden – gezwungenermaßen – gewiss jeden Tag mehr.

  4. MarS

    Guter Text, in der Quintessenz sogar für mich verständlich außer DNS und „Tier 2“ – da bin ich dann irgendwann ausgestiegen. Aber sonst hab ich’s verstanden. Werde in Zukunft mal Brave benutzen und FRITZ!Box VPN

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