Über die Rolle der Frauen in der Philosophiegeschichte Kolumbiens

Die Philosophie muss aus ihrem akademischen Elfenbeinturm herausgeholt werden und neuen Subjekten – insbesondere Frauen – Platz schaffen, die der männlich geprägte westliche Humanismus bisher ausgegrenzt hat. Die bestehende hierarchische Ein- und Zuordnung in der Philosophie muss dafür ausgehebelt und durcheinandergebracht werden. Aus dieser Perspektive wirft die Kolumbianerin Giovana Suárez Ortiz einen Blick auf die Rolle der Frauen in der Philosophiegeschichte ihres Landes.

Vor Beginn des 20. Jahrhunderts hatten Frauen bekanntlich in der Geschichte der Philosophie weder eine herausragende Rolle, noch waren sie zahlreich vertreten. Von ihren männlichen Kollegen wurden sie ausdrücklich nicht anerkannt. Selbstverständlich gab es Platons Diotima, Rosa Luxemburg, Simone Weil oder Simone de Beauvoir. Aber die Art und Weise, wie diese Philosophinnen generell präsentiert werden, beweist nur, dass hier die Ausnahme die Regel bestätigt. Sie gelten als singuläre Erscheinungen, umrahmt von einer Vielzahl illustrer Männer, den sogenannten „bescheidenen Zeugen“ nach Donna Haraway (1997). „Die Frage der Geschlechter bleibt der Philosophie weiterhin fremd. Gestehen wir es uns zu, dass es sich dabei um eine politische Frage handelt, um ein Thema von Ungleichheit, Diskriminierung, Unterdrückung, Gewalt“, erklärt die französische Philosophin Geneviève Fraisse 2008.

Im globalen Süden wird diese Tendenz bestätigt: Bei der Institutionalisierung der Philosophie als Disziplin und Betätigungsfeld in Lateinamerika wurden die Frauen ausgegrenzt. Dessen nicht genug: Wie uns die Argentinierin Mariana Alvarado aufzeigt, wurden bei diesem Prozess sogar die Stimmen der Frauen zum Schweigen gebracht. Über die Institutionalisierung der Philosophie in ihrem Land schreibt sie: „Im Geflecht dieser Konstruktion wurde den Frauen diskursiv und praktisch ein Ort zugewiesen, der sich nicht nur darauf bezog, dass die Philosophie im atemporären und makellosen Raum der Akademie eingerichtet wurde. Es musste auch verschwiegen werden, dass Frauen ein Netzwerk von Beziehungen und Praktiken unterhielten und dabei Artikel in Umlauf brachten, Bücher herausgaben, übersetzten und weiterreichten, neue Ideen einführten, Konzepte umsetzten und das von Frauen auf den Weg Gebrachte veröffentlichten.“ (1)

In der Philosophiegeschichte Kolumbiens ist die Geringschätzung von Frauen besonders ausgeprägt. Die Institutionalisierung der Philosophie als Disziplin verlief in Kolumbien langsamer als in anderen Ländern Lateinamerikas. Geschlechtsspezifische Faktoren spielten ebenfalls eine Rolle, denn Frauen bekamen relativ spät Zugang zur Universität. Lucía Luque Valderrama war 1954 die erste kolumbianische Frau, die ein Philosophiestudium abschließen konnte.

Lassen wir hier ein weiteres Mal Mariana Alvarado zu Wort kommen: „An die Philosophie im Singular zu denken ist an sich schon ein Denkproblem. Man könnte doch auch an Philosophien – an Philosophie in der Mehrzahl – denken, an so viele Philosophien, wie es Philosophen gibt. Das würde die Pluralität des Denkens veranschaulichen. Was ‘die’ Philosophie ist (oder sein soll) wurde uns vom Westen auferlegt und geht von einem männlichen Philosophieren aus.“(2)

Der Mann repräsentiert – auch und gerade philosophisch

In unserer Geschichte der Philosophie sollten wir uns nicht nur auf die engen und ausgrenzenden Parameter der akademischen Philosophie beschränken. Diese Parameter sind an den hegemonialen humanistischen Diskurs des Westens gebunden, und der setzt auf ein Bild des (männlichen) Menschen (Spanisch hombre – Mann/Mensch), der universell das Menschliche und die intellektuellen, diskursiven und spirituellen Werte der Aufklärung repräsentiert. Diese Figur des Humanen wird auch durch ihr Gegenteil konstituiert. „Das Andere“ vervollständigt hierbei die binäre Logik der Lesart der Welt: Körper/Geist, privat/öffentlich, Frau/Mann, Barbarei/Zivilisation und andere Gegensatzpaare mehr, die das Wissen über die Welt und unsere eigenen Identitäten einer hierarchischen Ordnung unterwerfen. So analysiert es Rosi Braidotti, Professorin für Philosophie an der Universität Utrecht und Gründungsdirektorin des „Centre for the Humanities and Gender Studies“.

Aufrütteln und zum Vibrieren bringen

Die Hierarchie dieser binären Logik aufzumischen, würde uns dazu einladen, eine Geschichte der Philosophie zu konstruieren, die sich von akademischen Titeln unabhängig macht. Wir sollten auf eine Philosophiegeschichte setzen, die nicht nach den großen Helden sucht, die einsam und allein das philosophische Denken der Welt verändern. Diese andere Geschichte der Philosophie sollte sich nicht auf den hegemonialen Kanon der Disziplin beschränken. Sie sollte sich von fachsprachlichen Zwängen und der Art, wie philosophische Fragestellungen formuliert werden, befreien.

Die kolumbianische Frauenzeitschrift Agitación femenina (Weibliche Agitation/Aufrütteln) aus den 1940er-Jahren ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Beispiel. Sie erschien mit insgesamt 19 Nummern in der Zeit von 1944 bis 1946 in der Stadt Tunja im ländlichen Departement Boyacá. Direktorin der ersten Ausgaben war , eine Oberschullehrerin, die nie einen universitären Titel erworben hat. In ihrem ersten Editorial von 1944 schreibt Agitación Femenina: „Dieses Frauenorgan (…) hat vor, eine ernsthafte Kampagne zu starten, die die öffentliche Meinung im Hinblick auf die Anerkennung der Rechte der kolumbianischen Frauen als Bürgerinnen aufrüttelt und zum Vibrieren bringt.“ Die Zeitschrift pflegte in Bezug auf die individuelle und politische Situation von Frauen eine direkte Sprache und versuchte, in einen Dialog mit anderen Autorinnen und selbstverständlich mit ihren Leserinnen zu treten.

Ein noch früheres Beispiel sind die Beiträge des IV. Internationalen Frauen-Kongresses im Dezember 1930 in Bogotá. Dieser Kongress versammelte Frauen aus ganz Iberoamerika, die sich mit unterschiedlichsten Themen befassten: Bildung und Hygiene, Aktivitäten im Haushalt, die Frauen in der Kunst und in der Geschichte, Gesetzgebung, was Haushalt und Frauen betrifft, oder die Rolle von Frauen bei den Beziehungen zwischen hispanoamerikanischen Völker. Andere Unterthemen entsprachen Betätigungsfeldern, in denen sich die Frauen wiederfinden konnten. Die Ereignisse des Kongresses und die Konjunktur damaliger politischer und sozialer Diskurse (das Thema Frauen war hier weit verbreitet), all dies trug dazu bei, dass sich eine Identität der Frau im öffentlichen Raum herausbilden konnte. Meine Forschung zeigt, dass die Teilnehmerinnen dieses Kongresses 1930 zwar weit entfernt von der Tradition der westlichen Philosophie waren: Sie diskutierten Themen wie die Frauenkampagne gegen Analphabetismus, Hygieneeinrichtungen in den Städten, Frauen und Wohltätigkeit, das weibliche Rote Kreuz oder die Frau in der Literatur und den Geschichtswissenschaften, allerdings können diese Themen in ihrem zeitlichen Kontext durchaus als philosophische Anliegen verstanden werden.

Für das Recht, Schuhe tragen zu dürfen

Wenn wir unseren Blickwinkel noch schärfer wählen, dann finden sich diese philosophischen Anliegen bezüglich des Frauenalltags in Kolumbien bereits in den 1920er-Jahren: in der Literatur, bei Protesten im Parlament und auf der Straße oder in den Erzählungen von Frauen, die über Lieblosigkeit, Betrug und Enttäuschung im Eheleben schreiben. Frauen reklamierten schon damals ihr Recht auf Bildung, setzten sich für ihr Wahlrecht ein oder forderten die eigene Verwaltung ihrer persönlichen Güter. Arbeiterinnen kämpften für bessere Löhne und für den Schutz vor Missbrauch von Seiten der Vorarbeiter in den Fabriken. Frauen kämpften für das Recht, Schuhe tragen zu dürfen, was nach den damaligen Verhaltensregeln für arme Frauen als unangemessen galt. Sie sollten durch das Tragen von Schuhen gefälligst nicht mit den begüterten Frauen in Wettbewerb treten oder mit dem Pflegen ihres Schuhwerks Zeit verschwenden. Ein „Buch des Bürgers“ (El libro del ciudadano) formuliert im Jahr 1935: „Ein Makel unserer mittleren und der Arbeiterklasse ist insbesondere die nicht gebotene Eile, sich durch Kleidung den gutsituierten Klassen gleichzustellen. Wir sehen sie beispielsweise mit kostspieligen Hüten, mit teuren Seidenstrümpfen, Handschuhen und Schuhen, was Reichen nichts oder vergleichsweise wenig ausmacht. Für Arbeiter oder Angestellte bedeutet es aber oft, ihr eigenes Essen und in nicht wenigen Fällen ihre Ehre zu opfern.“

Eine Philosophiegeschichte, die solche Frauen als Protagonistinnen hervorhebt, wäre nicht mehr nur die Geschichte denkender Individuen, die Wissensfelder revolutionieren und sich dabei im Kreis drehen.
Untersuchungen über Netzwerke, die Hand in Hand arbeiten, bei denen kollektives Wissen sowie das Wissen, das sich spezifisch auf die Situation von Frauen und anderer gesellschaftlicher Gruppen auswirkt, mehr Relevanz bekommt, sind heute keine Seltenheit mehr. Diese Untersuchungen zeigen das Zusammenspiel von Akteuren und Akteurinnen auf, bei dem es um gemeinsam agierende Gruppen und nicht um herausragende Einzelpersonen geht. Diese Vielstimmigkeit/Polyphonie kann die uns auferlegte Hierarchie des Wissens durcheinanderbringen. Schließlich hat diese Hierarchisierung nicht nur das Wirken von Frauen unsichtbar gemacht, sondern auch das aller anderen „Subalternen“ und „Nicht-Menschlichen“, denen der universale Mann/Mensch des Humanismus eine untergeordnete Rolle zuschreibt.

Was die aktuelle weibliche philosophische Praxis in Kolumbien betrifft, wären im universitären Bereich Philosophinnen wie Laura Quintana oder María del Rosario Acosta zu nennen. Allerdings möchte ich auch speziell die sogenannten „seltsamen” Autorinnen, posthuman(istisch)e Philosophinnen und Verfasserinnen von Büchern, die mit den disziplinarischen Regeln brechen, nennen: an erster Stelle Juliana Borrero mit ihrem aktuellen Buch „Las Extraterrestres” (Die – weiblichen – Außerirdischen), aber auch Catalina Vargas mit „Limonada”, die Poetin Fátima Vélez und die Künstlerin Powerpaola mit ihrem illustrierten Gedichtband „Del porno y las babosas” (Von Porno und Nacktschnecken), Carolina López Jiménez und ihr Multimedia-Web-Roman „Retratos vivos de mamá” (Lebendige Bilder von Mama) und viele andere mehr, die sich – frei nach Rosi Braidotti – der Herausforderung unserer Zeit würdig stellen und kritisch und kreativ tätig sind.

1) Gekürztes Zitat aus: Alvarado, Mariana (2014), La ausencia femenina en la normalización de la filosofía argentina. Notas al epistolario de Francisco Romero. Raudem. Revista de Estudios de las mujeres, 2, S. 30
2) a.a.O., S. 26

Bei der Übersetzung wurde jeweils die gendersprachliche Diktion der Quelle gewahrt.

Giovana Suárez Ortiz hat an der Universität Leipzig in Philosophie promoviert und lehrt an der Quindío-Universität in Kolumbien. Sie versucht, bei ihren Untersuchungen Philosophie, Genderstudien und Geschichte miteinander zu verknüpfen, und setzt auf eine Lokalisierungspolitik. Übersetzung: Bettina Reis. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 455 Mai 2022, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Zwischenüberschriften und einige Links wurden nachträglich eingefügt.

Über den/die Autor*in: Giovana Suárez Ortiz / Informationsstelle Lateinamerika

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