Was ich im Folgenden schreibe, ist teilweise reine Spekulation. Denn die Internationalen Forschungen über die Psychologie und Deutung von Körpersprache sind nicht wissenschaftlich exakt. Und es ist zu bedenken, dass der Kommentator dem mitteleuropäischen Kulturkreis zugehört, das Beobachtungsobjekt jedoch andere kulturelle und autoritäre Wurzeln für sich reklamiert. Trotzdem können gewisse Signale, die Primaten über die menschliche Spezies hinaus gemein sind, eine gemeinsame Basis der Einschätzung bilden. Sicherheit gibt es gleichwohl nicht. Kein beruhigender Gedanke für die Aussenministerin oder Entscheidungsträger im Kanzleramt. Aber Initiative wäre dringend geboten.

Spuren des Alters beim Hauptakteur

Wer die Gruselshow des russischen Wahldiktators Putin vorgestern ohne Ton beobachtet hat, konnte interessante Schlüsse ziehen. Die Körpersprache des wohlbekannten kleinen Mannes während seiner etwa 45-minütigen Rede war scheinbar kontrolliert, jedoch voll unterdrückter Emotionen. Dafür stand – wie schon bei früheren Auftritten – die geradezu maskenhafte Mimik Putins während seiner gesamten Rede. Natürlich mag einiges davon altersbedingt sein – auch Joe Biden spricht seine Reden zwar scheinbar frei, wirkt gleichwohl zombiehaft wegen seiner reduzierten Mimik, kaum vorhandener Körpersprache und -bewegung.  Aber Biden ist zehn Jahre älter als Putin. Beide wirken gesundheitlich angeschlagen – und ihnen gegenüber wirkt ein fast 90 Jahre alter Gerhart Baum an Mimik und Präsenz wie ein Teenager. Ob Putin krank ist und sein Gesicht durch Cortison aufgeschwemmt wurde, oder er durch Botox-Behandlungen wie ein ausdrucksloser Zombie erscheint, sei dahingestellt. Es bleibt der Eindruck einer Veranstaltung eines gehemmten, verbissenen Mannes, der sich während seiner starren Rede mehrfach seiner Existenz versichert, indem er nach dem Krawattenknoten greift.

Inszenierung im Stil des vorletzten Jahrhunderts

Die ganze Veranstaltung Putins zeigt, dass sich seine Regierung in einer künstlichen Scheinwelt bewegt, in der sich die autoritär-monarchistischen “Werte” Katharinas der Großen plötzlich mit weltimperialer Nostalgie der Bolschewiki vermischen, für die die Innenarchitektur des Kreml mit monarchistischen Leibgarden in Uniformen des 19. Jahrhunderts eine lächerliche Bollywood-Kulisse bilden. In der Putins Herrschaftselite in stummer Claqueurshaltung das Publikum bildet, das einer aus westlich-moderner Sicht lächerlichen Inszenierung der gegenseitigen Vertragsunterzeichnung von fünf Banditen, als geschichtliche Zeugen folgt. Aus deren – entgegen des behaupteten freudigen Anlasses – bedrückt wirkenden Mienen und Körperhaltungen zu lesen war, dass eine nicht kleine Zahl von Anwesenden mit dem Fluchtreflex zu kämpfen hatte und den Eindruck kommunizierte, jetzt lieber an einem anderen Ort zu sein, als in diesem Saal. Den sie aber um den Preis des Erhalts der eigenen Macht oder Position im Apparat, aber auch der als bedrohlich empfundenen Lage nicht verlassen konnten. Feiernde sehen anders aus. Sieger, die sich ihrer Sache sicher sind, auch.

Betroffenheit und Angst

Wenn diese traurige Versammlung ein Signal nach außen vermittelt hat, dann war es die Bereitschaft der Machtelite, ihrem Wahldiktator trotz der offensichtlichen Hilflosigkeit des Regimes, seine eigene Glaubwürdigkeit zu inszenieren, zu folgen. Obwohl nicht wenige der Anwesenden wussten oder zumindestens ahnten, dass die “Anerkennung” der Okkupation völkerrechtlich und innergesellschaftlich keinen Pfifferling wert ist, sondern lediglich das Vorspiel zu einer Rechtfertigung einer Brutalisierung und Eskalation des Krieges sein wird. Die These “jetzt geht es um das bedrohte Mütterchen Russland” wurde szenisch perfekt implementiert und hat alle Teilnehmer nachhaltig beeindruckt. Unterstrichen vom Zustand des offensichtlich am Rande der Erschöpfung wirkenden Sergej Lawrow, der nicht im Westen unterwegs war. Das wirkt auf zwei Ebenen: Zum einen ging es für Putin darum, sollte es irgendwo im Herrschaftsapparat so etwas wie Zögern vor dem großen Krieg oder Reste von Mut zu einer anderen Realität geben, sollten diese Personen merken, dass sie keine Chance haben. Zum anderen sollte dieses Zeremoniell aber auch den Scharfmachern im eigenen Apparat signalisieren, dass der Chef zu allem entschlossen ist. Das macht die ganze Situation brandgefährlich, eine Tatsache, die der “Westen” zumindest medial völlig verdrängt und nicht wahrnimmt oder wahrnehmen will, dass der Grizzlybär mit dem Rücken zum Baum steht, wo er, das wissen alle seit Karl May, am gefährlichsten ist.

Gefährliche Ignoranz

Dazu passt es auch, dass diejenige Passage der Rede Putins, in der er zu einer Unterbrechung der Kämpfe und zur Rückkehr zu Verhandlungen auffordert, nahezu nirgends in irgendeiner Weise aufgegriffen wird. Zumindest Deutschland und Bundeskanzler Scholz täten gut daran, darauf zu reagieren.  Nicht grundlos hat Angela Merkel kürzlich dazu aufgefordert, genauer hinzuhören, was Putin sagt. Das Mindeste, was nun seitens der Bundesregierung erfolgen müsste, wäre, die Außenministerin nach Moskau zu schicken, um selbst auszuloten, was gegebenenfalls hinter dieser Passage steckt. Genscher wäre inzwischen schon da gewesen. Es kostet überhaupt nichts, nachzuschauen, ob es sich um mehr handelt, als reine Rhetorik. Selbst im Falle, dass die pessimistische Variante zuträfe, könnte die Bundesregierung nichts verlieren, ihre Europäische Rolle als Verständiger nur stärken und bestenfalls gemeinsam mit Frankreich überlegen, ob es eine Alternative zur blinden Weiterführung des Krieges bis weit ins nächste Jahr und darüber hinaus geben könnte. Insofern grenzt Baerbocks Verhalten derzeit an Arbeitsverweigerung und ist gegen Deutschlands Interesse.

Manifestierte Aussichtslosigkeit

Zweifellos verdrängen beide Kriegsparteien – Russland und die Ukraine – derzeit  die Tatsache, dass ihre Kriegführung sich dem Grenznutzen der Gewaltanwendung nähert. Die russische Armee ist geschwächt und musste sich aus Liman zurückziehen. Eine Wende im Krieg ist das jedoch nicht. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Mobilisierung von 300.000 Reservisten auf der russischen Seite in eine blutige Frühjahrsoffensive münden wird, egal wieviele Waffen Europa und die USA der Ukraine liefern. Der Einbruch der Herbstniederschläge und des Kriegswinters könnte deshalb ein guter Anlass sein, den Konflikt “einzufrieren”, wie es etwa Prof. Johannes Varwick fordert. Denn eine weitere Botschaft ist aus dem Spektakel im Kreml herauszulesen: Mütterchen Russland zum Opfer zu reden und sich in die Perspektive der armen, verfolgten Unschuld zu flüchten, verfängt nicht nur bei den Gegnern und der Weltöffentlichkeit nicht. Es ist auch keine mutmachende und optimistische Erzählung einer prosperierenden Zukunft Russlands.

Das scheint Putin aber auch zu spüren, denn wenige Minuten später, auf dem Roten Platz der “Fete mit bestellten Reisenden”, da brüllte er auch, als er den Beginn der Show herunterzählte. Ein bisschen Massen-Selbstberauschung-muss schon sein.

Hoffnung auf Zukunft braucht Bilder

Und die haben im Unterschied zu den Russen die Bürger*innen, aber auch die Soldaten der Ukraine. Auch wenn die Auftritte Präsident Selenskijs und seiner Mitstreiter eher einem bescheidenen “Pfeifen im Walde” gleichen, fast niemand an die Zeremonie der drei Jungs in Tarnkleidung und T-Shirt am improvisierten Campingtisch glauben möchte, in der Präsident, Parlamentspräsident und  Verteidigungsminister einen Wisch mit der Bitte um beschleunigten NATO-Beitritt unterzeichnen; obwohl die Mehrzahl der Ukrainer*innen weiss und vorhergesehen hat, dass US-Präsident Biden das Vorhaben zurückweisen wird. Es ist die mit bescheidensten Mitteln einer Straßengang vorgetragene Chuzpe, deren Bilder Eindruck machen, international Hochachtung erzeugen, tausendmal wirkungsvoller als hunderte herangekarrte weiss-blau-rote Fahnenschwenker. Selenskij und seine Mitstreiter gelten als Team, das schon öfter nach dem Motto gehandelt hat: “Wir wissen, dass wir keinerlei Chance haben, aber die werden wir nutzen!” Sie sind Regierung mit der Erfahrung einer professionellen Comedian-Produktion. Es braucht die Erfahrung der westlichen Regierungen, sie vor selbst inszenierter Selbstüberschätzung zu warnen. Diese Macht der Bilder und der Medieninszenierung hat die Ukraine seit 200 Tagen mindestens 199 mal gewonnen. Meine Hochachtung. Aber den Frieden wiederzugewinnen, bedarf es mehr.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel ist Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Seit 2019 ist er Vorsitzender der Radikaldemokratischen Stiftung, dem Netzwerk ehemaliger Jungdemokrat*innen/Junge Linke. Er arbeitet und lebt im Rheinland. Mehr über den Autor.... Sie können dem Autor auch im #Fediverse folgen unter: @rolandappel@extradienst.net