Was heisst “Verkehrsverbund”? Wundersame Bahn CXXVII

Als ich heute morgen mit dieser Radionachricht aufwachte, dachte ich: haben die keine neuen Nachrichten? Laut der SZ ist die Störung mittlerweile angeblich “behoben”. Es gab Zeiten, da konnte ich in 1 1/2 Stunden von Bonn bis Essen reisen. Laut Bahnfahrplan schafft mann es in dieser Zeit mit Bummelzügen von Beuel nach Ehrenfeld und zurück. Kein Luxus (obwohl genauso teuer), aber berechenbar.

Schön wärs. Gefühlt seit einem Jahrhundert kennen wir in Beuel die S13-Baustelle. Der sichtbare Zustand des Beueler Bahnhofs kündet auch allen Uninformierten davon. Putin muss nichts tun – das meiste schaffen wir selbst. Den Aushängen am Bahnsteig entnahm ich, dass die Züge von und nach Köln abends und nachts “teilweise” nicht über Köln Hbf. und Deutz führen, sondern über Köln-Süd umgeleitet würden. Nähere Definitionen fehlten.

“Wir wissen genauso wenig wie Sie.”

Nach der problemlosen Anreise von Beuel nach Köln fragte ich einen – erstaunlicherweise anwesenden und dazu sehr freundlichen – Bahnsteigbeamten im Kölner Hbf. (es gibt sie noch!), ob er für “heute abend” Genaueres wisse. Das musste er verneinen: “Wir wissen genauso wenig wie Sie.” Ich dachte: wie gut, dass ich mit Freundinnen ins Kino gehe, die den DB-Navigator zu bedienen wissen, eine tägliche Köln-Bonn-Pendlerin darunter.

Nach dem im übrigen unbedingt sehenswerten Film “Aşk, Mark ve Ölüm” (von WDR und Arte mitproduziert, also eines Tages auch in der Glotze; Musikarchivar*inn*en: rettet diese Bestände!), liessen wir den grandiosen Filmabend bei türkischem Grillfleisch und – weils dort keinen Alkohol gab – zum Absacker in einer Hbf-nahen Hotelbar ausklingen. Der DB-Navigator empfahl, vom Hbf. nach -Süd zu fahren, und dort den Zug nach Beuel zu erreichen.

Nun begab es sich aber, dass die Mittelrheinbahn zwar pünktlich abfuhr, jedoch nur im Schritttempo. Für die kurze Strecke bis Köln-Süd schaffte sie mehr als 5 Minuten Verspätung. Zugbegleiter*innen waren erkrankt oder eingespart. Der für die Durchsagen mitzuständige Lokpilot gab keine Informationen zu Umsteigemöglichkeiten, denn s.o., er wusste wohl so wenig wie wir. Um nicht stundenlang in Köln-Süd zu verenden, zog ich es vor, auf einen Umsteigeversuch zu verzichten und es zunächst mal bis Bonn zu schaffen. Welch ein Irrtum. Ich wusste doch, was dann immer kommt. Es ist wie das physikalische Gesetz von der immer falschgewählten Kassenschlange.

In Kalscheuren wurde unser Zug geparkt. Die Verkehrsregelung obliegt einer technischen Einrichtung der DB. Die Mittelrheinbahn wird von ihrer privaten Konkurrenz (“Transregio“) gefahren. In der Kalscheurer Nacht durften wir zwei verspäteten Fernzügen, ein IC darunter (hätte ich doch mit meiner Bahncard50 den genommen, ich Idiot), beim Überholen zusehen. Diese Schicksale kenne ich aus meinem Bahnkundenalltag. Ich schrieb es mir zu, mal wieder alles falsch gemacht zu haben. Jetzt ging es nur noch darum, nicht aus Versehen einzuschlafen, und evtl. in Remagen wieder aufzuwachen. Eine volltrunkene Reisegruppe im Abteil wollte noch nach Bad Breisig – wie, wussten die auch nicht.

Von Roisdorf aus ging es dann wieder im Schritttempo weiter. Ich hatte einen Verdacht, der durch die heutige Nachrichten-Gerüchtelage verstärkt wurde. Anscheinend wurde der Lokpilot angewiesen “auf Sicht” zu fahren. Es war weit nach Mitternacht. Jedenfalls fuhr er exakt so. Links sah ich, wie uns die 16 überholte, die ich am Breslauer Platz in Köln wg. ihrer Langsamkeit verschmäht hatte. Sie erreichte Bonn Hbf. nun etwa 10 Minuten früher als wir.

Dort stellte ich fest, dass die Nachtlinien der SWB selbstverständlich verspätete Bahnanschlüsse nicht abwarten. Das heisst in Deutschland “Verkehrsverbund”: da treffen sich die Kommunalpolitiker*innen, um mal über alles zu reden, und – schmerzverzerrt – die nächsten Preiserhöhungen zu beschliessen. Ich nahm also ein Taxi – die ja ebenfalls ganz schlimm Not leiden – um am Beueler Bahnhof mein Fahrrad zu erreichen.

Zuhause im Radio lief noch die Lange Nacht des DLF. Es war eine Wiederholung zum Thema Demenz. Passt schon.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net