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Die Lehmann

Wieviele Leben hat die?

Bei WMs mache ich persönliche Entdeckungen. Als die DFB-Männer im Winter in Qatar dilettierten, war es Sami Khedira. Zu seiner aktiven Zeit ein Boss auf dem Platz, glänzte er im TV-Studio als exzellent präparierter, faktensicherer Analysefuchs. Weniger als Entertainer glänzend, wie der Lieblingssohn der PR-Industrie Jürgen Klopp, sondern sachlich und cool. Die öffentlichen TV-Anstalten, die die entsprechenden Vertragsdetails als “Geschäftsgeheimnis” nicht offenlegen, hätten alle anderen teuren Experten nachhause schicken können. So brutal würde ich es im Fall der Frauen-WM nicht formulieren.

Denn Nia Künzer, bei der ARD im Einsatz, macht wie immer einen guten Job, und spielt nicht nur Pausenfüllerin, sondern hat den Herren Journalisten sichtbar Fachwissen voraus. Meine grosse Entdeckung ist aber die beim ZDF eingesetzte Kathrin Lehmann. Die kannte ich gar nicht. Lesen Sie mal ihren Wikipedia-Eintrag. Deutsche und Schweizerin. Fussballerin und Eishockeyspielerin. Torhüterin und Feldspielerin. Und jetzt TV-Star und Unternehmerin. Unfassbar für mich, was die 43-jährige in ein einziges Leben gepackt hat.

Gut, sie ist in Küsnacht am Zürichsee aufgewachsen. Das ist wohl, was global betrachtet als glückliche Verhältnisse ohne Armutsrisiken gesehen werden darf. Verbunden mit guter Schulbildung und Studium kann da eine global konkurrenzfähige Persönlichkeit wachsen. Vor der Kamera muss so eine das aber auch erstmal performen. Und das kann die. Mein (Fussball- und anderes) Wissen bereichert sie. Kompliment.

Lehren

Das spektakuläre Beispiel von Frau Lehmann steht repräsentativ für eine Zeitenwende im internationalen Fussball. Die Frauen können den Laden übernehmen. Sie machen es besser, weil sie für das Publikum (noch) glaubwürdiger und authentischer sind. Anderes Beispiel: Trinity Rodman übertrifft die Popularität ihres Vaters, der sich zeitig verpisst hat, und nun, wie Jürgen Kalwa (hinter FAZ-Paywall) berichtet, sich in ihre PR-Sonne hineinzuschleimen versucht. Trinity rastet nicht aus, sondern reagiert “professionell”.

Diese Frauen sind, anders als die weltabgewandten Männer-Millionäre, “welche von uns”. Mädchen können die Chance erkennen, sowas Ähnliches auch zu schaffen. “Handlungsmacht” – eine wichtige Währung auch in der Politik.

Die Leistungssteigerungen der “kleinen” Teams gegenüber der Lage vor vier Jahren sind spektakulär. Sie gelingen unter skandalös-widrigen Bedingungen.

Die TV-Quoten zeigen, was das Publikum sehen will. Und wovon es sich abwendet.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net

Ein Kommentar

  1. Der Maschinist

    100% d’accord, lieber Martin. Frau Lehmann ist ein Ereignis! Ein Wort aber noch über die Kommentatorinnen: Ich habe, ehrlich gesagt, keine Erinnerung mehr, wann ich das letzte Mal eine:n Kommentator:in einer jedweden Sportveranstaltung erlebt habe, der/die es fertig gebracht haben, das Ereignis für sich sprechen zu lassen und dabei einfach mal auch mehr als eine Atempause lang “die Schnauze” zu halten. Also ganz nach der uralten Ernst-Huberty-Schule. Stephanie Baczyk hat dieses Talent. Welch eine Wohltat!

    Und noch ein Link: Warum Sport “öffentlich-rechtlich” wichtig ist, beweist das ZDF in dieser kleinen Reportagereihe über kickende “Systemsprengerinnen” des ZDF-Auslandsjournals: https://www.zdf.de/dokumentation/frauen-fussball-freiheit/fff-frauen-fussball-freiheit-frauenfussball-wm-frauenrechte-100.html

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