Kapitel 1: Fehler im System
Das Summen der Belüftung im Institut für Soziologie der Humboldt-Universität hatte eine Frequenz, die man nach zehn Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin nicht mehr hörte, sondern nur noch als einen Druck auf den Schläfen wahrnahm. Es war 21:00 Uhr an einem Dienstag im Januar. Clara saß allein in ihrem Büro, einem Raum, der mehr nach Archiv als nach Leben roch – eine Mischung aus altem Papier, kaltem Kaffee und dem chemischen Hauch des Laserdruckers.
Auf ihrem Monitor flackerte der Cursor am Ende eines Satzes in ihrem Entwurf für das neue Drittmittelprojekt. „Die Prekarisierung akademischer Lebensentwürfe in der Spätmoderne...“ Clara hielt inne. Es war eine bittere Ironie, über die Prekarität zu forschen, während ihr eigener Zeitvertrag in sechs Monaten auslief und sie ihre Existenz in befristeten Verlängerungen maß wie ein Taucher den restlichen Sauerstoff in der Flasche.
Sie schaltete den Monitor aus und starrte in die schwarze Reflexion der Glasscheibe. Dort suchte sie nach der Frau, die laut ihrer Mutter am Telefon neulich „den Zenit noch nicht überschritten hatte“. Hannelore hatte diesen Satz mit der für sie typischen ländlichen Direktheit ausgesprochen, als spräche sie über eine Milchkuh, die man gerade noch rechtzeitig zum Markt bringen musste.
Clara schob die Brille hoch und strich sich eine widerspenstige Strähne aus der Stirn. War ihr Gesicht zu kantig geworden? Die Fältchen um ihre Augen, die im harten Neonlicht des Büros wie tiefe Gräben wirkten – waren sie das Ergebnis von Weisheit oder einfach nur das Zeugnis zahlloser Nachtschichten vor blau leuchtenden Bildschirmen?
Ihr Handy vibrierte auf dem Schreibtisch. Eine Benachrichtigung einer Dating-App. Clara entsperrte das Display und blickte auf das digitale Mosaik der Möglichkeiten, das sich in der Realität längst als Friedhof der Hoffnung erwiesen hatte. Da war das Profil eines Kunsthistorikers, der beim ersten Treffen im Café Einstein zwei Stunden lang über die narzisstischen Züge seiner Ex-Frau referiert hatte. Und da war der Ingenieur, der sie beim zweiten Glas Wein korrigierte, wie man „Habitus“ richtig ausspricht, ohne zu ahnen, dass sie über genau diesen Begriff ihre Dissertation geschrieben hatte.
Diese Apps fühlten sich an wie ein zweiter Job – eine endlose Optimierung des eigenen Selbstbildes für einen Markt, der keine Mängel verzieh. Sie hatte das Warten satt. Das Warten auf die Entfristung, das Warten auf den „Richtigen“, das Warten auf ein Leben, das sich nicht mehr wie eine Generalprobe anfühlte. Doch die Sehnsucht blieb ein hartnäckiger Parasit, der sich tief in ihrem Brustkorb eingenistet hatte.
Als sie schließlich das Institut verließ, schlug ihr der Berliner Januarwind entgegen – ein nasskalter Atem, der nach Abgasen und gefrorenem Asphalt schmeckte. Sie lief Richtung Bahnhof Friedrichstraße, den Kopf tief in den Schal vergraben. Die Stadt wirkte in diesem Licht wie eine Schwarz-Weiß-Fotografie, der man den Kontrast entzogen hatte.
Doch dann blieb sie vor dem kleinen Blumenladen in der Bahnhofsunterführung stehen. Im Schaufenster, zwischen vertrockneten Tannenzweigen und bleichen Christrosen, leuchteten sie: ein Bund gelber Tulpen. Sie waren von einer Farbe, die in diesem Grau fast schmerzte. Sie wirkten wie ein Fehler im System, eine Fehlkalkulation der Natur. Viel zu früh, viel zu verletzlich für den Frost, der draußen an den Fensterscheiben leckte.
„Die halten nicht lange“, murmelte Clara sich selbst zu. Sie dachte an die Vernunft, an die Logik der Jahreszeiten, an die Mahnungen ihrer Mutter, man solle nichts überstürzen.
Doch während sie die Tulpen betrachtete, geschah etwas in ihr. Diese Blumen warteten nicht darauf, dass die Welt draußen bereit für sie war. Sie warteten nicht auf das offizielle Startsignal des Frühlings oder auf die Erlaubnis der Sonne. Sie leuchteten einfach jetzt, gegen jede ökonomische und biologische Logik. Sie waren eine Provokation aus gelben Blütenblättern.
„Ich nehme sie“, sagte Clara zu dem Floristen, der gerade dabei war, die Auslage wegzuräumen.
Zuhause angekommen, stellte sie den Strauß in eine schlichte Glasvase direkt neben ihren Laptop. Das helle Gelb korrespondierte auf seltsame Weise mit dem blinkenden Cursor des unfertigen Antrags. Morgen würde sie das Seminar leiten, den Antrag abschicken und – vielleicht zum ersten Mal seit Jahren – nicht nach Fehlern in ihrem Spiegelbild suchen. Sie würde sich nicht mehr als unfertiges Projekt betrachten, das erst durch die Bestätigung einer Fakultät oder eines Mannes einen Wert erhielt.
Sie betrachtete die Tulpen. Sie waren ein bisschen verfrüht, ein bisschen unpassend für diesen eisigen Januar, aber sie waren absolut bereit, gesehen zu werden. Und Clara begriff: Sie war selbst diese Tulpe.
Sie musste nicht auf den Frühling warten, um zu beginnen. Sie konnte mitten im Frost blühen. Sie schaltete das Licht aus, doch das Gelb der Blumen schien im Dunkeln der Wohnung noch lange nachzuleuchten.
Dies war Kapitel 1, nächste Woche lesen Sie in Kapitel 2: Der Geruch von Erde und Erwartung
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