von Mely Kiyak / Otto-Brenner-Stiftung
Festrede zur Verleihung des Otto-Brenner-Preises am 15.11.2016 in Berlin
– Es gilt das gesprochene Wort –

Sehr geehrte PreistrÀger, sehr geehrte Gastgeber der Otto-Brenner Stiftung, geschÀtzte anwesende Kollegen, sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde
Als ich die Einladung erhielt, die heutige Festrede halten zu dĂŒrfen, schaute ich zunĂ€chst einmal nach, um wen es sich bei Otto Brenner eigentlich handelt. Er war in Hannover geboren, was – das sage ich aus biographischer Erfahrung – glauben Sie mir das bitte, immer ein tragischer Start fĂŒr ein Leben ist.

Mit nur 13 Jahren wurde er Gewerkschaftsmitglied, machte Karriere und brachte es bis zum Vorsitzenden der IG Metall. Vom einfachen Zeitungszusteller und Nietenpresser zum Gewerkschaftsboss, ist in Deutschland – damals wie heute – wo die Herkunft eines Menschen seinen gesellschaftlichen und beruflichen Werdegang beeinflusst, eine der wenigen und seltenen Möglichkeiten als Arbeiterkind, und das war Brenner, aufsteigen zu können.

Brenners Parallelen zu meinem Leben sind verblĂŒffend. Auch ich bin ein Arbeiterkind. Auch ich kĂ€mpfe seit meinem 13. Lebensjahr in der Gewerkschaft. Weil ich nĂ€mlich die Tochter eines Kupferdrahtlackierers bin. Mein Vater war Mitglied in der IG Metall, machte als Arbeiter Karriere, allerdings auf dem RĂŒcken seiner Kinder. Dazu stellte er Samstag Mittags seine pubertierende Tochter, also mich, auf den Sulinger Marktplatz, mit einem PlastiktĂŒtenumhang, wo drauf stand: „35 Stunden Woche“ und ließ mich dort Wochenende fĂŒr Wochenende stundenlang im kalten niedersĂ€chsischen Wind vor mich hin rascheln.

Mit 19 trat Brenner in die SPD ein, die vor 90 Jahren, mitten in der Weimarer Republik, die gleichen Probleme hatte, wie die SPD heute: nĂ€mlich dem Rechtsruck der Gesellschaft wenig entgegen setzen zu können und kaum in der Lage neue WĂ€hlerschaften zu erschließen. In so einer Zeit beizutreten kann also mit viel Wohlwollen als Akt des Widerstandes betrachtet werden.

Auch ich trat einer Widerstandsbewegung bei, nĂ€mlich in die AG Plattdeutsch. SpĂ€ter im Verein erfuhr ich, dass er mit sinkenden Mitgliedszahlen zu kĂ€mpfen hatte und nichts und niemandem irgendetwas entgegenzusetzen hatte, außer einfach da zu sein. Also eine Art SPD op Platt.

Brenner war, so las ich, Mitglied bei den Freien Schwimmern und Sie können es sich denken, auch hier, gleichen sich unsere Leben, wie ein Ei dem anderen. Ich galt in meiner Jugend als eine Art Franzi von Almsieck des Landkreis Diepholz. In der Disziplin Brustschwimmen musste ich mich gegen stĂ€mmige norddeutsche Schwimmerinnen von der Weser bis an die Hunte durchsetzen. Wer unbedingt aufsteigen will, versucht es eben auch noch im Schwimmverein. Über Brenners Schwimmerfolge las ich nirgends. Ich nehme an, es ging ihm Ă€hnlich wie mir. Begleitet von kolossalem Medienecho schwammen mir die Töchter der PutenzĂŒchter und Rindviehwirte davon.

Ich verstehe genau, was Brenner meinte, wenn er von der Tragik sprach, die es bedeutet, als Kind besitzloser Eltern auf die Welt zu kommen. Ich begreife sehr gut, wenn er die soziale Frage so beschreibt, dass es eigentlich immer darum gehe, dass die Kinder der besitzenden Eltern versuchen zu verhindern, dass die Kinder der Besitzlosen ĂŒber – und das ist jetzt sein Zitat: „ihren Rahmen hinaus wachsen“.

Wer diesen Weg gegangen ist, nĂ€mlich den aus dem durch Herkunft bedingten Rahmen hinaus, wird die Welt kĂŒnftig nur noch durch diese Brille betrachten können, denn er erkennt diesen Kampf in so ziemlich jedem gesellschaftlichen Konflikt.

Das verbindet uns Arbeiterkinder ĂŒberall auf der Welt. Das Wissen um die andere Seite. Die Seite der Armut, die Seite der nicht vorhandenen Möglichkeiten. Das beinhaltet auch die Scham und Trauer der eigenen Eltern zu erleben, die ihre begrenzten Möglichkeiten sehr wohl kennen, ihre Bedingungen aber nicht Ă€ndern können.

Brenner machte sich ĂŒber all das viele Gedanken, darĂŒber, was eigentlich alle miteinander eint und schĂŒtzt. NĂ€mlich das Wachen ĂŒber die Demokratie. Um der VerhĂ€ltnisse wegen, um ein Gleichgewicht zu wahren, in einer Welt ungleicher Ausgangsbedingungen. Als ich das las, sein berĂŒhmtes Zitat von der obersten BĂŒrgerpflicht, nĂ€mlich der Demokratiewachsamkeit, wusste ich: Ich halte diese Rede!
Nun ist es bei der Otto Brenner Preisverleihung Tradition ĂŒber „die Medien und ihren Zustand“ zu referieren.

Leider fĂŒhle mich dazu nicht berufen. Klar könnte ich ein paar Zahlen und Statistiken zusammen kramen und darauf basierend eine These konstruieren, die dann lautet: „Mehr Internet wagen!“, oder „Print lebt!“. Aber mir fehlt die Außensicht. Und eigentlich fehlt mir auch die
Binnensicht.

Talkshows – einer alphabetisierten Nation unwĂŒrdig

Bin ich gemeint, wenn von „den Medien“ die Rede ist?
Das kommt darauf an. GrundsĂ€tzlich finde ich, haben wir in Deutschland eine der besten Medienlandschaften, die es weltweit gibt. Von so einer Medienlandschaft bin ich natĂŒrlich gerne Teil.

Aber es gibt auch viel Mist. Auch viel strukturell bedingten Mist. Unsere politischen Talkshows, um nur ein Beispiel zu nennen, sind ein Desaster. Die Art, wie wir öffentlich im Fernsehen ĂŒber Politik debattieren ist einer alphabetisierten Nation absolut unwĂŒrdig. Da distanziere ich mich natĂŒrlich sofort und bin nicht „die Medien“, sondern fĂŒhle ich mich wie ein Fisch, der immer anders herum schwimmt.

Aus welcher Position heraus kann ich nun glaubwĂŒrdig fĂŒr eine Gruppe sprechen? Ich bin mir darĂŒber nicht sicher.

Ich bin Publizistin. Ich habe keinen Medienkonzern im RĂŒcken, keine Redaktion, in der ich beheimatet bin. Nehme an keinen Redaktionskonferenzen teil, werde in keinerlei Planung eingebunden. Per Mail erhalte ich Order. Thema, LĂ€nge, Abgabedatum. Ich kenne wirklich niemanden, bin nicht vernetzt und extrem asozial.
Ich verdiene mein Geld damit BĂŒcher und TheaterstĂŒcke zu schreiben. Seit 10 Jahren schreibe ich ohne Unterbrechung jede Woche eine politische Kolumne.

Barocke Opulenz deutscher Verachtungsprosa

FĂŒr diese Kolumnen werde ich mit einer geradezu barocken Opulenz großzĂŒgig mit Ablehnung beschenkt. Es gibt Leser, die mich fĂŒr diese Texte am liebsten umnieten wĂŒrden. Seit Jahren tingele ich mit Kollegen, die wir aufgrund von Namen und Physiognomie als Nichtdazugehörige wahrgenommen werden, mit den schönsten und wertvollsten Perlen deutscher Verachtungsprosa ĂŒber die BĂŒhnen der Staatstheater.

Seit meinem ersten Artikel, dem 19. Januar 2006, ein Feuilleton-Aufmacher fĂŒr Die Zeit, bis heute gab es nicht einen einzigen Text, nicht eine Kolumne, nicht ein Interview, bei der beschriebene Reaktion ausblieb.
Bei keinem einzigen Text! Ich kenne Kollegen, die haben in ihrem ganzen Berufsleben vielleicht drei Briefe bekommen!

Ich spreche ĂŒbrigens nicht von Online-Kommentaren, sondern von echten Briefen oder Emails. Woche fĂŒr Woche hagelt es Empörung, Beschimpfung, Anzeigen, Drohungen. Selten handelt ein Brief davon, wovon ich schrieb, sondern davon, dass ich schrieb.

Wenn also gesagt wird: Die Leser seien neuerdings ganz aggressiv, wegen Facebook und Twitter, das habe irgendeine eine Studie ergeben, dann kann ich das nicht ernst nehmen. Denn meine Erfahrung ist: Ich kenne es nur so.
Wenn wir, eine Handvoll Kollegen mit etwas anders klingendem Namen uns vor 10 Jahren an unsere Kollegen wandten und sagten: Wir werden massiv belĂ€stigt, bitte unterstĂŒtzt uns, dann war die Reaktion immer die Selbe: GleichgĂŒltigkeit. Und der Irrglaube, dass das, was da passiert, das Problem einer Minderheit sei. Obwohl wir sagten: Heute wir, morgen ihr!
Die Erfahrung einiger Weniger muss zĂ€hlen, denn sie ist immer ein Beleg fĂŒr eine Entwicklung.

Es hat 10 Jahre gedauert, bis die Kollegen diesen Hass als Problem erkannten und beschrieben. Das VerrĂŒckte aber ist, dass sie behaupten: „Damals war es nicht so schlimm wie heute. Heute ist alles viel vulgĂ€rer und enthemmter“.

Das stimmt natĂŒrlich nicht. Es war genauso schlimm, widerlich, obszön und primitiv. Es hat aber eben nur „uns“ betroffen.

Wenn man zu bedenken gab, dass diese Leser doch auch WĂ€hler sind, die schon durchdrehen, weil man sich einmal in der Woche politisch Ă€ußert, was werden die wĂ€hlen, wenn hier demnĂ€chst Rechtsradikale eine Partei grĂŒnden?
Ich erinnere mich sehr gut an die Antworten: Mit einem gewissen Prozentsatz der Bevölkerung, die eine abweichende Meinung Richtung Rechtsextremismus habe, mĂŒsse man sich abfinden. Unappetitlich, aber alles im tolerierbaren Bereich.
5 Prozent seien normal. Das sei ganz natĂŒrlich.
5 bis 10 Prozent.
10 bis 15 Prozent.

Wer hat das bestimmt? Dass das ganz natĂŒrlich ist, dass man sich in einer gesunden Demokratie mit Antidemokraten abfinden mĂŒsse?
Die Abweichung des Tolerierbaren erreicht in Sachsen-Anhalt bereits 24,3 Prozent.
Keine Panik lese ich. Sachsen-Anhalt, ganz spezieller Fall. Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen: Extrem speziell.

Nach der Wende ging ich fĂŒr fast ein Jahrzehnt in den Osten Deutschlands. Ich erinnere mich an 1.-Mai-UmzĂŒge in Leipzig. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Neonazis in Springerstiefeln, die unter Polizeischutz zum Völkerschlachtdenkmal marschierten. Es gab SchlĂ€gereien, es gab Angriffe, ÜberfĂ€lle, absoluter Alltag. Damals schrieb ich ab und an fĂŒr die Leipziger Volkszeitung. Ich kann mich nicht erinnern, dass es eine intensive Auseinandersetzung damit gegeben hĂ€tte. Man nahm es so hin. Weil man sich nicht gemeint fĂŒhlte.
Als eine Welle von spektakulĂ€ren rechtsradikal motivierten AnschlĂ€gen geschah, war die mediale Reaktion, das Ganze unbedingt als einen Einzelfall zu behandeln. Bei jedem einzelnen Anschlag. Die Politik, die Medien, die Sicherheitsbehörden, keine einzige Institution befand sich nach Mölln, Solingen, Hoyerswerder oder Rostock fĂŒr verantwortlich oder reformbedĂŒrftig.

Auch wird ĂŒber Rassismus immer gleich berichtet. Man nimmt sich irgendeinen Jahrestag eines Anschlags und schickt ein paar Reporter los, die die Betroffenheit von Opfern und Angehörigen dokumentieren sollen. Die BaseballschlĂ€ger sollen beschrieben werden, das Weglaufen. In jeder Zeitung darf ein schwarzköpfiger Publizist einen Essay schreiben, indem er ausfĂŒhrlich ausbreitet wie traurig oder wĂŒtend er sei. Ist ĂŒber Rassismus traurig oder wĂŒtend zu sein wirklich die alleinige Angelegenheit der Betroffenen?
So ging das ein paar Jahre lang.

Dann Fanfaren und Posaunen. Auftritt Thilo Sarrazin. Seine These ist sehr dĂŒnn, fĂŒr Vorabdrucke in Serie aber reichte es. Er behauptet, dass Muslime genetisch und kulturell bedingt dumm seien. Und ihre Dummheit durch fleißiges Kinderzeugen – angeregt durch Deutschlands reizende Sozialpolitik -wie eine Krankheit ĂŒber Deutschland ausbreiten und das deutsche Volk StĂŒck fĂŒr StĂŒck abschaffen, also vernichten.

Er meinte damit, dass Moslems den edlen, germanischen Stammbaum krĂ€ftig ĂŒber den Haufen bumsen.

HartnÀckig weigert man sich bis heute, ihn als das zu begreifen, was er in seinem tiefsten Herzen ist, aber nicht sein will. Einer, der Mitmenschen in rassistischen Schemata hierarchisiert, wie er eindrucksvoll am Beispiel der AckergÀule und Lipizzaner zu widerlegen versuchte.

SpĂ€testens ab dem Pferdebeispiel dachte ich: „Na, Kollegen, jetzt hat er es aber wirklich ĂŒbertrieben“. Und was machen wir mit den 1 Million Lesern? Die sind, ich wiederhole mich, doch auch WĂ€hler?

Rassismus-Betroffene – wen können sie protestwĂ€hlen?

Es folgten die obligatorischen öffentlich-rechtlichen Resozialisierungsmaßnahmen. Dringende Talkshowfrage: Handelt es sich um Rassismus, wenn einer ĂŒber Genetik und Vererbungslehre in Zusammenhang mit „den Muslimen“ spricht. Und zweitens, warum gibt es Denkverbote in Deutschland?

Die Sorge um den Verlust der Meinungsfreiheit wog höher als die Sorge um den Verlust der WĂŒrde derjenigen, die vom braven BĂŒrger zu Debilen erklĂ€rt wurden.

Man mĂŒsse ihn reden lassen, man mĂŒsse ihm zuhören, man mĂŒsse seine Kritik ernst nehmen, schließlich sei man in einer Demokratie. Dass die Voraussetzung fĂŒr Demokratie aber auch ist, dass die Betroffenen mitsprechen dĂŒrfen, ist nicht Konsens. Oder wie hĂ€lt man es aus, dass die Mehrheit der Betroffenen nicht einmal ein Wahlrecht besitzen, um an dieser Demokratie teilnehmen zu können? Wie findet man das? Dass Menschen, die seit 50 Jahren hier leben, Steuern zahlen und nicht wĂ€hlen dĂŒrfen? Was ist mit deren Ängsten? An wen können die sich wenden, wen können sie aus Protest wĂ€hlen? Gibt es ĂŒber Millionen Menschen ohne Wahlrecht eine einzige Talksendung? Und wie sieht eine diffamierende These ĂŒber die vermeintliche Integrationsunwilligkeit dieser Gruppe unter Anbetracht so einer Tatsache noch aus?

Sarrazin wurde immer berĂŒhmter und reicher, Pegida immer mĂ€chtiger, die AfD wird in den Bundestag einziehen.

Und immer ist da die Warnung, dass man Antidemokraten und Rassisten nicht in die Enge treiben dĂŒrfe. Was aber tun mit einer Gruppe, die diese Demokratie abschaffen will? Die mit ihrem wichtigsten Element, nĂ€mlich der Wahrung der Minderheitenrechte nichts am Hut hat? Wie lange schaut man zu? Was denkt man, wann das Ende der Fahnenstange erreicht ist? 50 Prozent? 80 Prozent? Was, wenn man selber bald in der Ecke landet?

Langsam begreift man, dass es selbst unter Kollegen keinen Konsens darĂŒber gibt, woran man Rassismus und seine handfesten Risiken erkennt. Ich lese stattdessen lauter Synonyme. Rechtspopulist, Nationalpopulist, Liberalpopulist. Was zum Kuckuck ist das alles?

Ich glaube, dass wir uns darĂŒber einigen mĂŒssen, was wir unter Faschismus, Nationalismus und Rassismus verstehen.

Welches Interesse verfolgt eine Politikerin, wenn sie das Wort völkisch rehabilitieren will, weil sie es im politischen Diskurs fĂŒr unverzichtbar hĂ€lt? Was kann eine Partei sein, dessen Spitzenpolitiker ungeniert davon spricht, dass die „Altparteien entartet seien“? Ich denke nicht, dass es sich um eine Art GrĂŒne im Anfangstadium handelt.

Meine Aufgabe als Autorin ist ach nicht ein sozialpĂ€dagogisches Programm zu fahren und sie sanft in Duftkerzen einzuhĂŒllen, ihnen womöglich noch eine Yogamatte hinterher zu tragen. Meine Aufgabe ist zu benennen, was ich erkenne. Das Konzept des Nationalismus ist nie ĂŒberarbeitet worden. Seine Sprache klingt in allen LĂ€ndern Ă€hnlich.

Das Konzept vom rassistischem Ressentiment zum politischen Programm funktioniert immer so: Stigmatisierung, Segregation, Vertreibung, Vernichtung. Ich denke, Rassisten und DemokratiemĂŒde stempeln sich mit diesem Konzept selber ab. Das soll man nicht sagen? Noch haben wir Pressefreiheit. Warum sollen wir darauf verzichten?

Wenn ich dieser Tage Artikel lese, die unter der Überschrift: „Warum wir die Trump Wahl nicht vorhersehen konnten und warum wir versagten“ lesen, dann weiß ich spĂ€testens, ich bin offenbar ein RandphĂ€nomen in dieser Medienlandschaft.

Dass Trump der nĂ€chste PrĂ€sident der USA wird, darĂŒber spreche ich mit Kollegen aus dem Schwarzkopfmilieu seit dem Tag seiner Kandidatur. Es war ja alles vorhanden. Die Ressentiments der Bevölkerung haben doch nicht Le Pen, Wilders, Orban, Trump oder Gauland erfunden. Die waren schon da. Die mussten nur richtig gepflĂŒckt werden. Mein Schweizer Kollege Jonas LĂŒscher beschrieb diesen Mechanismus sehr schön. Die Kinder fĂŒrchten sich in der Nacht. Sie gehen zu ihren Eltern und sagen:
„Unter meinem Bett liegt ein Monster“. Die Trump-Wilders-LePen- Gauland Eltern schauen das Kind an und fragen: „Sicher, dass es nur eins ist?“

Den Kern aus den Worten schÀlen

Mit der Erfahrung im RĂŒcken, dass Menschenhass meistens gewinnt gehst du immer vom Schlimmsten aus. Aber in Redaktionen, die die Gesellschaft in ihrer DiversitĂ€t nicht abbilden, wirst du nicht nur mit deiner Herkunft sondern auch mit deiner Meinung immer Teil der Minderheit sein. Das wirksamste Gegenmittel gegen die vergiftete Stimmung dieser Tage ist den Kern aus den Worten zu schĂ€len.

Zwei Beispiele aus der FlĂŒchtlingsberichterstattung: Das Wort „RĂŒckstau“ meint die Grenzschließungen innerhalb Europas, die dafĂŒr sorgen, dass sich immer mehr FlĂŒchtlinge in FlĂŒchtlingslagern in Griechenland oder anderswo ansammeln. Sie können weder aus- noch weiterreisen. RĂŒckstau ist aber ein sehr ungenaues Wort fĂŒr eine Maßnahme, die genau genommen aus FlĂŒchtlingen Gefangene macht, weil man sie am Fliehen hindert.

Oder die Verwandlung von der FlĂŒchtlingskrise, also jener Krise, die die FlĂŒchtlinge betrifft, hin zur europĂ€ischen Krise, also eine Krise, die die EuropĂ€er betrifft, weil sie sich zunehmend als Leidtragende von Krieg und Verfolgung betrachten. Oder wie soll man es verstehen, wenn Parteien angesichts der FlĂŒchtlinge von drohendem Heimatverlust der Deutschen sprechen und vorsorglich Schutzmaßnahmen in Form von LeitkulturantrĂ€gen beschließen.

Wenn man einfach mal das Wort öffnet und reinguckt, was drin ist, braucht man sich mit Moraldebatten gar nicht lange aufhalten. Es reicht zu entgegnen: FlĂŒchtlinge verlieren ihre Heimat. Deutsche behalten ihren Wohnsitz.

Stattdessen gibt es ernsthaft große innermediale Debatten darĂŒber, ob wir uns mit den FlĂŒchtlingen in unseren Kommentaren und Analysen eventuell zu sehr solidarisiert hĂ€tten. Nicht, ob wir uns mit den Rechtsextremen, den Besorgten, solidarisiert hĂ€tten, sondern mit den Opfern?! Manche Chefredakteure spucken nachhaltig Galle wegen eines einzigen Titelblattes oder Satzes einer Kanzlerin.

Man nimmt Demokratie und Menschenrechte offenkundig anders wahr, penibler und existentieller, man empört und Ă€ngstigt sich rascher, wenn man sich mit den Ressentiments gemeint fĂŒhlt. Als der Vorwurf der LĂŒgenpresse im Raum stand, konnte man das schön verfolgen. Das politisierte auch noch den letzten Sportredakteur, der erst dann begann, ĂŒber den Rassismus in den Sportvereinen zu berichteten.

Reaktion auf Emanzipationserfolge

Was tun?
Wahrscheinlich einfach weitermachen. Denn der moderne Rassismus unserer Zeit ist immer eine Reaktion auf die Emanzipationserfolge der Minderheiten. Trump folgte nicht auf einen weißen PrĂ€sidenten, sondern auf einen Schwarzen. Wir erleben auch deshalb eine Welle der Angriffe auf Minderheiten, weil diese in Politik, Medien und Wirtschaft sichtbarer geworden sind.

Ich glaube jeder, der Macht darĂŒber hat, wer sprechen darf und wer nicht, wird, wenn er mal die Augen aufmacht und sich in der Redaktion umschaut, feststellen, dass er mehrheitlich von seiner Sorte umgeben ist und nicht von, ich sage mal, meiner Sorte.

Unser Dasein wirkt provozierend. Wir gehen mit unserer Gesellschaft zudem hart ins Gericht. Das ist fĂŒr manche einfach zu viel. Ein Klassiker unter den Leserbriefen lautet: Sie schreibt schon wieder Ihre Meinung ĂŒber Deutschland. Was versteht sie davon? Fand sich kein Deutscher?

GĂ€be es mehr Y-Namige, wĂŒrden sich die Leute irgendwann daran gewöhnen, dass es Alltag werden wird, dass Menschen, die diffamiert werden, sich öffentlich dazu Ă€ußern. Eine Frage der Zeit. Deshalb dieser Rechtsruck. Auch wieder so ein blödes Wort, denn es handelt sich genau genommen um ein Abdriften in die RadikalitĂ€t. Er vollzieht sich auf vielen Ebenen. Nach und nach demaskieren sich
Buchverlage, Zeitungen, FakultÀten, Forschungsinstitute, Schulen, Polizeigewerkschaften, viele unterschiedliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens als Sympathisanten einer rechtsextremen
Ideologie. Es sind die gleichen Bereiche, in denen Minderheiten aus ihrem durch Herkunft bedingten Rahmen heraus drÀngen und unangenehme Fragen stellen:
War es nötig, jeden Atemzug der AfD medial auszuleuchten? Ist eigentlich bekannt, wie die Strukturen von rechten Netzwerken in den Medien funktionieren? Interessiert ĂŒberhaupt, wie viel Sprache und Agenda von rechtsradikalen Strömungen der Straße wie der Pegida in die Berichterstattungen aufgenommen werden?

Können die Rechtsextremen ihre Diskussionsrunden nicht selber organisieren?

Die NPD oder DVU saßen doch auch nicht jede Woche bei Sabine Christiansen! Können die Rechtsextremen ihre Diskussionsrunden nicht selber organisieren? Warum bezahlt die Landeszentrale fĂŒr politische
Bildung Schnittchen und Tee, damit sĂ€chsische BĂŒrger ĂŒber Minderheiten herziehen? Warum wird diese Runde nicht fĂŒr Muslime, Homosexuelle oder FlĂŒchtlinge organisiert, damit die ĂŒber Sachsen herziehen können? Warum wurde jede SchlĂ€gerei im Asylbewerberheim medial groß aufbereitet, aber die SchlĂ€ge, die die FlĂŒchtlinge quer durch Europa ertragen mussten, fĂŒr die noch kein einziger Polizist, Soldat oder Politiker zur Rechenschaft gezogen wurde, nicht?

Ich kenne nur einen Weg raus aus dieser Misere. NĂ€mlich den des Gegengewichtes. Ich frage ĂŒberall, wo ich schreibe, na, wie reagiert ihr auf das alles? Seid ihr endlich bereit andere Leute einzustellen, um aus Minderheiten Mehrheiten zu machen?

Seid ihr dazu bereit in euren Redaktionen Menschen zu beschĂ€ftigen, die zusammengenommen viele Sprachen dieser Welt sprechen, viele Kulturen leben und viele Religionen kennen? Und euch im Zweifel mit guten Argumenten daran hindern, das rechtsextreme, völkische und antidemokratische Denken, das selbstverstĂ€ndlich in unserer Mitte Platz genommen hat, wieder zur AnormalitĂ€t zu erklĂ€ren und die Verachtung auf eine vielfĂ€ltige und durchlĂ€ssige Gesellschaft unermĂŒdlich als Regelwidrigkeit zu beanstanden? Und euch nicht mehr weigert, die Berichte zu veröffentlichen, weil das alles bei euch nicht angekommen ist?
Die Minderheiten unter den Journalisten erkennen die KontinuitÀten, Strukturen und Mechanismen von Diskreditierung und Demokratiefeindlichkeit nÀmlich schneller. Weil sie ihnen nicht zum ersten Mal begegnet.

Die Position, aus der man spricht, prĂ€gt die Art und Form der Kritik. Die Mehrzahl der Meinungen von einer Position aus formulierend ist keine Mehrheitsmeinung, sondern immer nur die Meinung der Sprechenden. Wir könnten das, was oft als die Angelegenheit der Anderen begriffen wird, zu unserer gemeinsamen Angelegenheit machen. Das nennt man Zusammenhalt. Klingt kitschig, hilft aber. Im Kleinen und im Großen.
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Ich möchte meine Rede beenden, indem ich etwas tue, was eigentlich verboten ist, weil jeder PreistrÀger einen eigenen Laudator hat. Ich will aber nicht laudatieren sondern vielmehr danken.

Wenn ich meine Meinung Ă€ußere, dann tue ich das aus einer selbstbewussten Haltung heraus. Mein beruflicher Werdegang ist flankiert von Kollegen, die mir TĂŒren öffneten. Ich habe es ausschließlich mit Menschen zu tun gehabt, die mir vertrauten, die mich ermutigten und prominent platzierten. Ich bin all diesen Kollegen unendlich dankbar und stehe mit jedem Einzelnen von ihnen in Kontakt.

Der Wichtigste von allen wird heute Abend fĂŒr sein Lebenswerk ausgezeichnet. Arno Widmann. Es ist ein schöner Zufall, dass ich die Festrede halte und du ausgezeichnet wirst.

Lieber Arno, als du das Feuilleton der Frankfurter Rundschau geleitet hast und ich die Samstagskolumne schrieb, war einer meiner hĂ€ufigsten VorwĂŒrfe an dich, dass deine Redaktion voll mit Langweilern belegt sei. Ich nervte dich jahrelang damit, dass du ein paar Orientdeutsche beschĂ€ftigen sollst, damit die Zeitung ihr Linkssein nicht nur behauptet, sondern auch beweist. Du warst geduldig, hast zu diesem Thema geschwiegen und mir stattdessen Blumen und BĂŒcher geschickt. Ich habe ein paar Jahre gebraucht, um zu verstehen: Man kann nicht alle Menschen auf der Welt retten, man kann eine ganze Zeitung nicht alleine umkrempeln. Jeder kann maximal einen unter seine Fittiche nehmen. Undso möchte ich dir heute sagen:
Ich wĂŒnsche jedem Kolumnisten, jedem Journalisten, jedem Menschen auf dem Weg in die BerufstĂ€tigkeit einen solchen Freund und Förderer wie dich.

Du hast mir gezeigt, wo es sich lohnt nachzugeben und wo es wichtig ist hartnĂ€ckig zu beharren. Du hast deinen Arbeitsplatz, deine Möglichkeiten, deine Ressourcen mit mir geteilt. Du hast mich teilhaben lassen an allem, was du hattest, in deiner Manteltasche steckt immer ein Geschenk fĂŒr mich.

Du bist unerbittlich und sehr streng mit mir.
Oft bin ich dir nicht klug und nicht fleißig genug, aber weißt du was?
Jedes Lob, jede Ermutigung, jede Beschimpfung, jede deiner verheerenden und vernichtenden Kritiken, jede Ermahnung und jeder Ratschlag waren wichtig. Es kam alles an.

Ich danke dir dafĂŒr von ganzem Herzen.
Und Ihnen lieber Zuhörer, danke ich fĂŒr Ihre Aufmerksamkeit und meinen Gastgebern fĂŒr die sehr großzĂŒgige Einladung.
Danke, dass ich sprechen durfte.
Mely Kiyak