“Was ist mit Antje Vollmer los?”

Von , am Sonntag, 15. April 2018, in Medien, Politik.

Das fragte mich eine Leserin, die sie noch gut aus alten Zeiten der Grünen Bundestagsfraktion in Bonn kennt. Für die Jüngeren: aus der Zeit gegen Ende des vorigen Jahrtausends. Ich meinerseits erinnere mich noch gut an den linksgrünen Ludger Volmer, ihren jetzigen Mitautor, wie er Ende der 80er, Anfang der 90er vor Vollmer und ihrem damaligen “Grünen Aufbruch” warnte (Bernd Ulrich, heute im ARD-Presseclub, war ebenfalls einer seiner Protagonisten – nachdem er noch wenige Jahre zuvor die “Linksautonomen” im Koordinierungsausschuss der Friedensbewegung vertreten hatte): die seien “gefährlicher” als die Realos (um Joseph Fischer, Hubert Kleinert u.a.). Vollmer und Volmer waren trotz dieses Gegensatzes schon damals respektable Intellektuelle in den Grünen Gefechten. Das, und die politischen Umstände da draussen in der Welt, haben sie jetzt zu gemeinsamen Sichten zusammengeführt.

Kafkaeske Diskursphänomene

Diese Tatsache lenkt unseren Blick auf die aktuelle politische Krisensituation und die sehr verschiedenen Sichten darauf, die von den Parteien kaum noch sortiert werden. Antje Vollmer hat sogar gemeinsam mit Günter Verheugen (ehem. FDP-Generalsekretär unter Genscher, dann SPD und EU-Kommissar), Helmut Schäfer (Ex-MdB und -Staatsminister im Aussenministerium, FDP), Helmut Teltschik (CDU, ehem. Kanzleramtsminister unter Kohl) und – halten Sie sich fest – Edmund Stoiber (CSU, Ex-Kanzlerkandidat) bei der FAZ einen Gastbeitrag zur aktuellen Konfrontionspolitik abgeliefert. Leider hat die FAZ ihn online hinter ihre Paywall gestellt. Stefan Niggemeier (uebermedien.de) kritisiert, dass kein relevantes deutsches Medium überhaupt über diesen Vorgang berichtete (ausser der Deutschen Welle); seine Kritik steht bei ihm ihrerseits hinter einer Paywall. Kafkaesk!
Ich bemühe mich, von der FAZ eine Genehmigung zur Nachveröffentlichung an dieser Stelle zu bekommen.

Wie wird aus Geschichte gelernt?

Das ist eine Geschichte aus der Welt derer, die noch Verwandte hatten, die noch authentisch vom wahren Elend eines Krieges in Deutschland erzählten. Schon in unserer Schulzeit schaffte es der Geschichtsunterricht meistens nicht, bis ins 20. Jahrhundert vorzudringen. Mein Eindruck ist, dass sich daran kaum etwas gebessert hat. Wenn doch, wäre es ein weiterer Beweis, das authentisch und persönlich vorgetragene erlebte Geschichte, auch wenn sie nervt und Geduld strapaziert, durch Schulunterricht nicht zu ersetzen ist.
Meine Eltern waren im 2. Weltkrieg vorpubertäre Schulkinder. Meine Mutter wurde aus dem “kriegswichtigen” Ruhrgebiet ins im Vergleich “sichere” Thüringen verschickt. Mein Vater hatte das “Glück”, die schwersten Bombenangriffe auf Hamburg aus “sicherer” um-ländlicher Entfernung miterleben zu müssen. Die Grosseltern waren keine Nazis und keine Widerstandskämpfer, sondern Ahnen späterer “Grosser Koalitionen”: die einen Sozialdemokraten, die andern christliches Zentrum. Traumatisiert in ihren Kellern wurden sie alle. Es zeichnete sie für den Rest ihres Lebens, und wir, ihre Kinder bekamen es sozial vererbt. Es geht nicht weg, es ist in uns drin.
Bundespräsident Steinmeier hat seinerseits versucht, dem heute Ausdruck zu geben. Aber nach meinem Eindruck verstehen es nicht alle.

Mit den Zeiten ändern sich die Menschen. Das ist im aktuellen Fall überwiegend eher gut als schlecht. Es gibt aber klare Mängel in der Kommunikation zwischen den verschiedenen Generationen und ihrem Erleben. Inwieweit die technischen Revolutionen der letzten Jahre dazu beitragen, muss wohl erst noch erforscht und analysiert werden. Die Älteren, und damit meine ich sie keineswegs nur als Eltern, haben sich Versäumnisse beim Vermitteln historischer Erlebnisse und Erfahrungen zuschulden kommen lassen. Die abschreckend-belehrende Attitüde, die wir noch bei Lehrern mit Nazitradition kennenlernen mussten, lebt als Sekundär-Untugend auch unter alten Linken von heute weiter. Doch statt uns deswegen anzuschweigen und gegenseitig zu ignorieren, sollten wir uns besser darüber streiten.

Pascal Beucker, die Grünen und die “Millenials”

Ein schönes Beispiel ist für mich diese Reportage von Pascal Beucker vom Grünen Grundsatzkonvent. Pascal war Jungdemokrat und Grüner wie ich, aber ca. zwei Funktionärsgenerationen nach mir; und er steht heute klar links von den sich immer weiter nach rechts bewegt habenden Grünen. Ich amüsiere mich, wenn ich den, den ich einst als Jungtalent kennenlernte, heute so über die bemüht-modernen Grünen klug räsonierend lese. Es ist ausssagekräftiger, als uns lieb sein kann.
Die überdurchschnittlich lobenswerte FAZ-Veröffentlichung “Quarterly” bringt derweil eine aussergewöhnliche Studie zu den kulturellen und politischen Gewohnheiten der Millenials. FAZ-üblich bleiben soziale Klassenfragen oder die ökonomischen Triebkräfte hinter den gezeichneten Phänomenen weitgehend ausgeblendet. Dennoch halte ich die Darstellung für sehr realitätsnah. Wer, wie ich, keine Kinder hat, muss das lesen, um die Gegenwart besser verstehen zu lernen. Und darf nicht vergessen: die knappe – und wachsende! – Hälfte der Kinder in Deutschland wächst nicht in diesem bürgerlichen Luxus auf, sondern in Armut oder höchster Armutsgefahr. Und erst recht gilt das, wenn es nicht mitteleuropäisch, sondern europaweit oder global betrachtet wird. Aber darüber schreibt die FAZ vielleicht ein anderes Mal, oder wir müssen es woanders lesen.

Für das bessere Verständnis der Mittel- und Oberschichtenkinder-Partei Die Grüne ist es aber gewiss geeignet. Wenn Vollmer, Volmer, Appel und ich es noch verstehen wollen …. Wie Sie lesen können, wir kämpfen mit uns.

Update 24.4.: Der oben erwähnte Text von Stefan Niggemeier ist jetzt komplett online frei zugänglich.

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