Weisser Journalismus

Von , am Samstag, 19. Januar 2019, in Fußball, Medien, Politik.

Charlotte Wiedemann baut nach meinem Eindruck ein beeindruckendes Lebenswerk zu diesem Thema. Ihr Buch “Vom Versuch nicht weiß zu schreiben” habe ich in einem Rutsch an einem Nachmittag im Momo-Bistro-Sessel gelesen. Nachdem schon Bettina Gaus das Thema hier gestreift hat, fiel mir auf, dass auch Charlotte mit einem aktuellen Kommentar erneut öffentlich eingegriffen hat: der letzte Spiegel-Skandal ist für sie, und diese Sicht teile ich, ein weiterer klassischer Fall eines weissen Journalismus, der nichts abzugeben bereit ist.
In diesen Frame (Rahmen) passt das hier beklagte Nichtberichten über die Fussball-Asienmeisterschaft. Es bleibt abzuwarten, ob sich das mit der morgen beginnenden KO-Runde endlich ändert. Mein Gastautor Glenn Jäger machte mich freundlicherweise darauf aufmerksam, dass er in der Jungen Welt auch berichtet habe – und die Spiele in Bad Godesberg (!) im TV verfolgen konnte. Ein noch eklatanterer Fall ist die Nichtberichterstattung über den Streik in Indien.
Hierzulande müssen wir uns mit dem Entertainment über die uns fremdgewordenen Herren Ribery und Özil begnügen. Ribery wird einerseits nachvollziehbar – quasi als sei er eine “Gelbweste” – in der taz von Frederic Valin gegen die französische Klassengeselschaft verteidigt. Ich halte weiterhin dagegen: nicht Riberys Speisekartenauswahl und sein öffentliches Rumfluchen sind das Problem, sondern seine Beteiligung an Gewalttaten – gegen Gegenspieler auf dem Platz, und gegen Frauen im Zivilleben.
Und der Herr Özil und sein Management. Sie sind augenscheinlich im Vertragskonflikt mit dem Management seines aktuellen Oligarchenvereins, dem FC Arsenal. In diesem Konflikt hat der leitende Angestellte des Vereins, Monsieur Emery, Özils Management die PR-Strategie zur Vermarktung seiner beabsichtigten arrangierten Ehe aus der Hand genommen – im Fussbalbusiness unserer Zeit ein ultimativ feindlicher Akt. Die erwählte Gattin ist eine Schwedin von Herkunft, die als Model und “Schauspielerin” heute in Istanbul arbeitet. Dort, wo der 30-jährige Özil verdächtigt wird, seinen letzten hochdotierten Spielervertrag mit einem der Grossvereine (der von Erdogan wäre Tabellenführer Basaksehir) abschliessen zu wollen. Die Eheschliessung wäre als Zugabe das Optimum zur Vermarktung des Stars mit den 23 Mio. Followern auf den asozialen Netzwerken der Internetmonopolisten. Das haben die Verhandlungsgegner von Arsenal nun ins Schlingern gebracht. Absichtlich – und in dieser klandestinen Form: sehr weiss.
Zu den Eheschliessungskriterien bekannter Fussballer, gleichgültig welcher sexueller Orientierung sie sind, gab es schon vor Jahrzehnten diesen Kommentar von Ari van Lent, einst Mittelstürmer und heute Trainer der U23 von Borussia Mönchengladbach: “Ich habe keine Spielerfrau. Ich habe eine richtige Frau.”

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