Medienperlen des Feiertages

Von , am Donnerstag, 3. Oktober 2019, in Lesebefehle, Medien, Politik.

Foroutan zum “Wir” / Metz&Seesslen über “Heimat” / Zapp zum Wessi-Medienkolonialismus
So ein Feiertag ist für Medienjunkies wie mich hart. Nichts mag ich mehr anmachen oder lesen, weil überall der ähnlich verquaste vorproduzierte Krempel rauskommt – wie nicht mehr ganz frisches Hackfleisch, kaum noch geniessbar. Darum hier meine Diätvorschläge, damit Sie gesund bleiben und nicht rammdösig werden.
Arno Widmann/FR hat Naika Foroutan ausführlich interviewt. Was sie zu sagen hat wäre geeignet für Bundespräsidentenreden. Statt würdevoll beklatscht würde danach kräftig diskutiert – als wäre das hier eine pluralistische, demokratische Republik.
Thomas Ebermann hält den Begriff “Heimat” für politisch vergiftet und rät allen, die das Denken nicht aufgeben wollen, sich von ihm fernzuhalten. An diese Devise haben sich Markus Metz und Georg Seesslen nicht gehalten. Im Angesicht ihres publizistischen Werkes sind die beiden für mich nicht weniger links als der alte Hamburger Sektierer, der immerhin auch Pferde liebt und aus bündnispolitischen Motiven in der Elbe geschwommen hat. Metz und Seesslen analysieren die ganze Ambivalenz von “Heimat” und leuchten die Sache gründlich aus.
Besonders gelungen war die gestrige Feiertagsausgabe des NDR-Medienmagazins Zapp (es folgt eine ausgedehnte “Herbstpause”, kein Geld mehr für Journalismus). U.a. stellten sie auch die Forscherin Mandy Tröger vor, auf die ich hier schon hingewiesen habe. Tröger macht treffend darauf aufmerksam, dass sich die westdeutschen Medienmillardäre mit ihrer brutalen Markteroberungsstrategie mitschuldig gemacht haben am Niederwalzen demokratischer Kultur in der gewendeten Ex-DDR. An den Ergebnissen erfreut sich heute das “ganze” Deutschland. Immerhin sind es diese Invasionäre, die jetzt medial und ökonomisch sterben gehen. Nicht alles ist ungerecht.
Update nachmittags: ich weiss nicht, wie es bei Ihnen zuhause ist. Der Spiegel meint (nur hinter Paywall), zuhause in Wohnzimmern und Küchen werde hitzig über Greta Thunberg gestritten. Wenn es nicht stimmt, ist es, wie so vieles im Spiegel, professionell “gut” erfunden. Denn die Neigung, sich über Personen statt inhaltlichen Sachen zu zerstreiten, ist weit verbreitet. Also zunächst: cool down. Kollege Lobo (auch beim Spiegel, aber ohne Paywall) erklärt schön, dass die “Greta-Skeptiker*innen” diejenigen sind, die einem naiven Glauben anhängen. Und die wie ich schon ältere Dame Suzanne Moore/Guardian (61, dt. übersetzt im Freitag) bedankt sich bei Thunberg, dass sie das schafft, was Moore zeitlebens versucht hat und Thunberg nun gelingt: das Weisse Patriarchat zum Kochen bringen.
Und wo ich beide gerade erwähnte: Thomas Knüwer erklärt kurz und knapp den Journalismus-Unterschied zwischen deutschen Spiegel und britischem Guardian.

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