mit Update: dt. Übersetzung des Offenen Briefes zu Mbembe s.u.
Eine Überraschung ist es nicht. Das Corona-Virus ist nicht klassenblind, sondern verstärkt alte Erkenntnisse zu inhumaner Selektion, führt sie radikaler vor Augen, vor allem denen, die sie in der Vergangenheit krampfhaft zu schliessen versuchten. New York City steht im Zentrum weltweiten Medieninteresses, seit es diese Stadt gibt. Also war und ist es auch ein Aufmerksamkeits-Hotspot in der Corona-Krise. Weil diese Stadt viel über die Welt sagen kann. Lesen Sie Frauke Steffens/FAZ. Update 21.5.: leider ist der Text nachträglich in die FAZ-Paywall eingemauert werden. Zeitungen verlegen heisst in Deutschland: Informationen verknappen.
Ein FDP-Abgeordneter im NRW-Landtag wollte Schützenkönig werden. Die Chefin der Ruhrtriennale Stefanie Carp sollte von ihm ihren letzten Schuss vor dem Abtritt aus dem Amt bekommen. Irgend so ein Wissenschaftler aus Afrika wurde von dem FDPler als Mittel zum Zweck auserkoren. Doch dann, ach du Schreck, entpuppte er sich als Achille Mbembe, ein weltweit respektierter und mehrfach geehrter Historiker, Politikwissenschaftler und Theoretiker des Postkolonialismus (zit. Wikipedia). Kolonialismus – war das nicht irgendwas mit British Empire und Frankreich? Die BRD hatte diese Krankheit nicht. Aber Deutschland. Hier rächt sich, dass der Geschichtsunterricht in Deutschland oft bei der Jahrhundertwende aufhörte. Nicht die Letzte, die Vorletzte. Denn danach wurde es richtig ekelig. Und immer waren “wir” die Bösen.
Darum ist es wenig sensationell, dass Mbembe nun weltweit rund 700 Kolleg*inn*en zur Seite gesprungen sind, und nicht diesen FDPler, sondern die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten zum Standpunktbeziehen auffordern. Den Originaltext ihres Briefes habe ich nur hier in Französisch gefunden. Charlotte Wiedemann berichtete gestern Abend im DLF-Kultur darüber (9 min); sie hatte hier in der taz auch selbst dazu Stellung bezogen.
Update abends: hier gibt es eine deutsche Übersetzung des Offenen Briefes an die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten.
So wurde aus einem Möchtegern-Schützenkönig ein veritabler aussenpoolitischer Scherbenhaufen. Wer Weltmacht sein oder werden will, muss sich halt auch für die Welt interessieren.