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Schimären

Von Günter Bannas
Jüngst hat Norbert Walter-Borjans einen Tweet gepostet: „Macht euch keinen Kopp! Ich kandidiere nicht.“ Der SPD-Ko-Vorsitzende bekräftigte, was er zuvor – offenkundig zum Erstaunen vieler – im Radio öffentlich gemacht hatte: „Ich werde nicht für den Bundestag kandidieren, sondern mich, wie bereits bei meiner Kandidatur angekündigt, auf die Arbeit als Parteivorsitzender konzentrieren.“ Ein sicherer Platz auf der SPD-Landesliste in Nordrhein-Westfalen wäre amtsgemäß gewesen. Eigentlich. In Umfragen unter SPD-Mitgliedern aber kommt Walter-Borjans schlecht weg. Eine Hausmacht hat er nicht, und Konflikte mit dem Landesvorsitzenden Sebastian Hartmann und seinem Freund, dem Fraktionschef Rolf Mützenich scheute er.

Das Beiseitetreten passt zu seiner Vita. Walter-Borjans, der früher Finanzminister in NRW war, hatte mehrfach verzichtet, für den Landtag zu kandidieren. Doch war es klug, nun mitzuteilen, er wolle nicht in den Bundestag? Nein. Nach den Gesetzmäßigkeiten der Politik hat er sich selbst geschwächt. Auch lässt sich leicht ausmalen, was jene Sozialdemokraten, die seine Kandidatur zum Parteivorsitz initiiert und ihm dabei auf vielerlei Weise geholfen haben, von seinem Rückzieher halten: wenig. Doch sie hätten es ahnen können. Sie sind ehrgeiziger. Saskia Esken, seine Ko-Vorsitzende, will in Baden-Württemberg erneut, Kevin Kühnert, der den innerparteilichen Wahlkampf der beiden gefördert hatte, zum ersten Mal, in Berlin, für den Bundestag kandidieren. Längst hat sich der Parteilinke mit dem SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil vom „rechten“ Seeheimer Kreis verbündet. Wie ein Herz und eine Seele treten die beiden in den sozialen Netzwerken auf – auf eigene Rechnung.

Der Anspruch von Esken und Walter-Borjans, den SPD-Kanzlerkandidaten benennen zu können, war von Beginn an eine Schimäre. Nach dem Stand der Dinge wird es Olaf Scholz sein – genau der also, den die beiden hatten verhindern wollen und sollen. Absagen anderer häuften sich. Immer aufs Neue hat sich Walter-Borjans nun selbst zu zitieren, bis er daran zerbricht: „Ich sage nicht zum ersten Mal, dass Olaf Scholz durchaus eine ernst zu nehmende Option ist.“ Forderungen, SPD-Vorsitz und Kanzlerkandidatur gehörten „in eine Hand“, sind anschließend so sicher wie das Amen in der Kirche. Walter-Borjans‘ Verzicht auf ein Abgeordnetenmandat ist ein Signal: Ich werde Scholz nicht im Wege stehen. Viele werden umschwenken müssen.

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF

1 Kommentar

  1. Helmut Lorscheid

    Nun sagt mir bitte mal einer – warum jemand Scholz wählen sollte, wenn er eine andere Politik als die von Merkel/Scholz haben möchte? Wo finde ich den Unterschied in ihrer Politik?

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