Helge wird 65
Kultur ohne Berührung geht nicht, ist tot. Ich habe es schon immer geahnt. Und der grösste Künstler, den das Kaff Mülheim an der Ruhr der Welt jemals geschenkt hat, hat es mir heute Nacht bestätigt. Und das kam so.
Der gegenwärtige Sturm begann sein Werk. Eine unverschlossene Tür unseres aussenliegenden Treppenhauses hob ein weiteres Mal zu ihrem aufmerksamkeitsheischenden Klappern an. Gewöhnlich führt das bei mir zu gedanklichem Mäandern, langsamem Umdrehen und Weiterschlafen. Diese Nacht war anders. Ich ergriff mein Tablet um zu erforschen, was die von mir frequentierten Radiosender des Nachts anboten. Dabei geriet ich auch zu WDR5 und an diese Audiodatei: ein einstündiges Gespräch mit Helge Schneider. An Einschlafen war dabei nicht mehr zu denken. Mir drängte sich die Frage auf, warum die TV-Talkshows nicht einmal im Jahr durch so ein Helge-Gespräch ersetzt werden – was das an Geld und Sendezeit sparen würde …
Der populäre alberne Helge der 90er hatte mich nie wirklich interessiert. Ihn selbst auch nicht. Obwohl: sein damaliges Reichwerden hat gewiss zu seiner heutigen gelassenen Reife beigetragen. So dass Geld ihn heute “nicht (mehr) interessiert”. Nahe gebracht hat mir den Mann Alexander Kluge. Der sprengte in den 90ern regelmässig zur Verzweiflung der entsprechenden Konzernbosse bei Bertelsmann und Kirch den Audience Flow der TV-Sender RTL und SAT1. Standkamera, Kluge dahinter, Gesprächsgast davor, und dann wurde klug, weise, durcheinander und albern dahergelabert bis die letzten dabei Eingeschlafenen endlich ausgeschaltet hatten. Ausser ich. Ich hatte Video, und habe das tagsüber geguckt. DCTP, Kluges Firma, die den Konzernherren den Schlaf raubte, gibt es noch, hier entlang.
Es wundert mich nicht, wenn Helge nun in diesem WDR5-Gespräch erzählt, dass er noch heute regelmässig mit dem befreundeten Kluge über Skype telefoniert. Ich weiss selbst, wie mann von solchen Telefonaten noch jahrelang intellektuell zehren kann. ein Erlebnis.
Mülheim/Ruhr – den Fluss hebt Helge zu Recht in dem Gespräch positiv hervor – hat so dubiose Gestalten wie die verfeindeten Hannelore Kraft und Bodo Hombach hervorgebracht. Der frühere Bundesverkehrsminister Wissmann besuchte die Stadt längere Zeit regelmässig inkognito. In meiner Jugend galt sie im nördlichen Ruhrgebiet als “Stadt der Millionäre”. Schöne Anwesen entlang der Ruhr gibt es immer noch. Aber die Stadt ist im Strukturwandel-Ruhrgebiet wahrscheinlich die, die am tiefsten gefallen ist. ICs halten keine mehr, die City ist tot, und im Norden ist sie … wie Oberhausen. Das Letzte was sie vor dem Ableben noch tun kann, ist, ihren Künstlern Christoph Schlingensief und Helge Schneider Denkmäler zu errichten – die Tankstelle, wo sie sich ihre Kartoffelchips und Erfrischungsgetränke geholt haben, sollte der Nachwelt ebenfalls erhalten bleiben.
Mein befreundeter Nachbar Michael Kleff, der sich derzeit in New York um die Abwahl Donald Trumps kümmern muss, und ich wären ansonsten noch an Informationen über den Verbleib einer schönen Tochter dieser Stadt interessiert. Sie war Mitte der 70er Jahre Bezirksschülersprecherin dort, und 1976 demonstrierten wir gemeinsam mit Otmar Schreiner in Bonn für Wolf Biermann – entscheiden Sie als Leser*in selbst, ob das eine Jugendsünde war. Wir sammelten uns am damaligen Vorwärts-Verlagsgebäude an der Friedrich-Ebert-Allee und marschierten von dort zur DDR-Vertretung an der gleichen Strasse. Der gegenüberliegende Bahndamm diente Michael und Otmar als Rednertribüne. Die Nacht wurde noch lang danach, und an das meiste kann ich mich nicht mehr erinnern. Ein damaliger Tuppes von ihr arbeitet heute beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen, aber sie ist durch Suchmaschinen nicht auffindbar.
Kultur ohne Berührung geht halt nicht