Er hat exakt das Alter meines Vaters erreicht und scheint auch bei Ă€hnlich guter Gesundheit zu sein. Alexander Kluge ist 85 geworden. Aus diesem Anlass widmet das Essener Museum Folkwang ihm eine Ausstellung, die in den einschlĂ€gigen Kulturmedien reichlich gewĂŒrdigt wird. Ist Kluge darum Mainstream? Keineswegs.
Ich wiederhole zur Verdeutlichung im Folgenden meinen Eintrag vom Juni dieses Jahres.

Alexander Kluge hat fĂŒr mich einiges gemeinsam mit dem grossen Philosophen Friedrich KĂŒppersbusch: wir lernten uns kennen in den 90er Jahren, telefonisch, weil mein damaliger Chef Roland Appel keine Zeit hatte, das GesprĂ€ch zu ĂŒbernehmen. Beide waren und sind TV-Produzenten. KĂŒppi wĂŒrde es allerdings niemals wagen, einem Sender mit der Standkamera aufgenommenes fortgesetztes Reden von nur zwei Personen gegen Geld anzubieten. (Zu KĂŒppersbuschs Firma Probono bitte hier entlang.) Kluge traut sich das, weil er sich mit intelligentem Lobbyismus fĂŒr seine Firma dctp, begleitet von einem aussergewöhnlich guten Rechtsberater, einem ehemaligen SPD-Staatskanzleichef aus Hessen Paul-Leo Giani, Programmfenster bei RTL und Sat1 erobert und damit deren Programmdirektoren und ihren “Audience Flow” in den Wahnsinn getrieben hat – allein das ist eine fernsehpreiswĂŒrdige Lebensleistung. Mein Kluge-Satz, den ich nie vergessen werde: “Es gibt immer einen Markt fĂŒr das Besondere.”

Im aktuellen Philosophie-Magazin hat er nun u..a. folgende kluge SĂ€tze zum aktuellen Kapitalismus gesprochen:
“Die Industrie 4.0“ zielt darauf, das letzte QuĂ€ntchen KonsumfĂ€higkeit aus den Menschen herauszupressen, also einen Kapitalismus zu schaffen, der sich weniger auf die Produktion von Waren, als auf die Mobilisierung von Zeitquanten richtet, in denen einer etwas kaufen kann. Es geht um den Konsumenten, der im Auto sitzt und gleichzeitig kauft, am besten gleich verzehrt, vielleicht noch Schach spielt. Das ist eine verquere Umsetzung von Karl Marx’ Utopie des freien Menschen, der am Morgen jagt, nachmittags fischt und nach dem Essen Kritiken schreibt. FĂŒr die Erzeugung von Mehrwert kommt es heute auf die Rekrutierung der KonsumsphĂ€re an. Doch dazu muss die Lebenszeit der Menschen enteignet warden, denn dem Rekrutierenden kann an der Selbstorganisation der Menschen nicht gelegen sein. Im Gegenteil, er muss sie ĂŒberrennen. Das sind wir von der Werbung lĂ€ngst gewohnt, aber systematisch machen das erst die Algorithmen, die so in das individuelle BedĂŒrfnis einsteigen, dass sie zum AnfĂŒhrer der Begierden werden. Algorithmen sind mir suspekt, weil sie versuchen, WĂŒnsche vorweg zu organisieren.”
(PhilosophieMagazin Juni/Juli 2017, S. 74)

Dank fĂŒr den Hinweis an Heiko Hilker, DIMBB.