Alexander Kluge 85

Von , am Freitag, 15. September 2017, in Allgemein, Genuss, Medien, Politik.

Er hat exakt das Alter meines Vaters erreicht und scheint auch bei ähnlich guter Gesundheit zu sein. Alexander Kluge ist 85 geworden. Aus diesem Anlass widmet das Essener Museum Folkwang ihm eine Ausstellung, die in den einschlägigen Kulturmedien reichlich gewürdigt wird. Ist Kluge darum Mainstream? Keineswegs.
Ich wiederhole zur Verdeutlichung im Folgenden meinen Eintrag vom Juni dieses Jahres.

Alexander Kluge hat für mich einiges gemeinsam mit dem grossen Philosophen Friedrich Küppersbusch: wir lernten uns kennen in den 90er Jahren, telefonisch, weil mein damaliger Chef Roland Appel keine Zeit hatte, das Gespräch zu übernehmen. Beide waren und sind TV-Produzenten. Küppi würde es allerdings niemals wagen, einem Sender mit der Standkamera aufgenommenes fortgesetztes Reden von nur zwei Personen gegen Geld anzubieten. (Zu Küppersbuschs Firma Probono bitte hier entlang.) Kluge traut sich das, weil er sich mit intelligentem Lobbyismus für seine Firma dctp, begleitet von einem aussergewöhnlich guten Rechtsberater, einem ehemaligen SPD-Staatskanzleichef aus Hessen Paul-Leo Giani, Programmfenster bei RTL und Sat1 erobert und damit deren Programmdirektoren und ihren “Audience Flow” in den Wahnsinn getrieben hat – allein das ist eine fernsehpreiswürdige Lebensleistung. Mein Kluge-Satz, den ich nie vergessen werde: “Es gibt immer einen Markt für das Besondere.”

Im aktuellen Philosophie-Magazin hat er nun u..a. folgende kluge Sätze zum aktuellen Kapitalismus gesprochen:
“Die Industrie 4.0“ zielt darauf, das letzte Quäntchen Konsumfähigkeit aus den Menschen herauszupressen, also einen Kapitalismus zu schaffen, der sich weniger auf die Produktion von Waren, als auf die Mobilisierung von Zeitquanten richtet, in denen einer etwas kaufen kann. Es geht um den Konsumenten, der im Auto sitzt und gleichzeitig kauft, am besten gleich verzehrt, vielleicht noch Schach spielt. Das ist eine verquere Umsetzung von Karl Marx’ Utopie des freien Menschen, der am Morgen jagt, nachmittags fischt und nach dem Essen Kritiken schreibt. Für die Erzeugung von Mehrwert kommt es heute auf die Rekrutierung der Konsumsphäre an. Doch dazu muss die Lebenszeit der Menschen enteignet warden, denn dem Rekrutierenden kann an der Selbstorganisation der Menschen nicht gelegen sein. Im Gegenteil, er muss sie überrennen. Das sind wir von der Werbung längst gewohnt, aber systematisch machen das erst die Algorithmen, die so in das individuelle Bedürfnis einsteigen, dass sie zum Anführer der Begierden werden. Algorithmen sind mir suspekt, weil sie versuchen, Wünsche vorweg zu organisieren.”
(PhilosophieMagazin Juni/Juli 2017, S. 74)

Dank für den Hinweis an Heiko Hilker, DIMBB.

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