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Geniale Forschung – Katastrophale Produktion?

Vorangestellt sei die Bemerkung, dass bei aller Kritik an den aktuellen Lieferengpässen bei den Corona-Impfstoffen nicht ausser Acht bleiben darf, dass Wissenschaftler*innen wirklich Großes geleistet haben. Normalerweise dauert es eben 10-15 Jahre, bis ein Impfstoff entwickelt ist. Im Falle von HIV wissen wir, dass es bis heute keinen Impfstoff gibt, allerdings viele Präparate, die die Infektion wirkungsvoll jahrelang unterdrücken können, sodass die Betroffenen ein fast normales Leben führen können. Solange sie in den reichen Ländern der Nordhalbkugel oder in Industriestaaten leben. Geheimniskrämerei um Verträge und verbale Taschenspielertricks im Fall AstraZeneca zeigen aber, dass die derzeitigen Produktionsstrukturen und politischen Interventionen angesichts der Krise suboptimal sind.

Erfolgreiche Forschung durch KMU

Vor einem Jahr haben sich weltweit an die 200 Teams auf die Suche nach einem Impfstoff begeben. Neben der heute bekannten mRNA Technik, auf die neben Biontech in Mainz auch Moderna aus den USA gesetzt hat, gibt es  Vector-RNA Impfstoffe wie von AstraZeneca und Sputnik V.  Eher “konventionell” wirken  die chinesischen Produkte von Sinopharm, Sinovac, und dem indischen Bharat, die auf tote, sich nicht mehr vermehrende Viren setzen. Eine Übersicht über die Projekte und ihren  Stand Anfang Dezember hat die Süddeutsche Zeitung veröffentlicht.  Die Lektüre der Projekte macht klar, wie umfassend die Forschung vorgeht, aber auch wie stark international vernetzt die einzelnen Hersteller oder Entwicklungskonsortien arbeiten. Aktuell zeigt sich, dass kleinere, schlagkräftige und hoch spezialisierte Teams – häufig aus Start-Ups wie dem Mainzer Unternehmen Biontech mit Hilfe vorhandener Grundlagenforschungsergebnisse und massiver staatlicher Forschungsförderung letztlich das fast an ein Wunder grenzende Kunststück fertigbrachten, innerhalb von Rekordzeit von nicht einmal einem Jahr brauchbare Impfstoffe herzustellen. Das ist – das darf nicht kleingeredet werden – eine Sternstunde der Wissenschaft.

Pharmariesen behindern den Wettbewerb

Dass den Sieg praktisch nur KMU davongetragen haben, während Pharmariesen sich entweder auf Erfolge der Kleinen draufsetzten und wie Pfizer in den USA, die Biontech dort nicht einmal namentlich erwähnen, oder aufgegeben haben, wie der Pharmariese Merck, sagt nichts Gutes über die Innovationskraft der Pharmakonzerne, die ja auch aufgegeben haben, neue Antibiotika zu entwickeln. Sie verstehen sich offensichtlich hauptsächlich als Produktions- und Distributions- und Profitmaschinen in einem globalen Lieferkettensystem. Und sie sind es, die momentan die Produktion verzögern, wie Pfizer und Astra Zeneca oder “dumm herumstehen und nix tun” wie Merck oder Bayer. Gerade deshalb ist die Forderung, in der derzeitigen Krise staatlicherseits hineinzugrätschen und die Riesen zu zwingen, mehr und schneller Impfstoff zu produzieren, den ggf. auch andere entwickelt haben, die natürlich entschädigt werden müssen, mehr als gerechtfertigt, ja folgerichtig und geradezu systemimmanent.

Krise erfordert Aufhebung des Patentschutzes

Die Forderung auf Aufhebung des Patentschutzes ist erforderlich. Zwar hat inzwischen auch Sanofi, deren eigener Impfstoff frühestens Ende 2021 die Zulassung beantragen kann, erklärt, beim Abfüllen von Impfdosen von Wettbewerbern in seinen Werken zu helfen. Das reicht aber nicht aus – eine echte Produktion nach Veröffentlichung der Patente muss her, wie sie etwa Sven Giegold, Vorsitzender der EU-Grünen fordert: …“Unsere oberste Priorität muss sein, die Impfstoffproduktion schnell auszuweiten. Eine langsame Lieferung des Impfstoff ist vorprogrammiert, wenn der Entwickler das Vakzin allein produziert. Wir müssen dringend auch die Kapazitäten anderer Hersteller nutzen. Für die Entwickler ist es unwirtschaftlich die Produktionskapazitäten stark auszubauen, weil diese nach der Krise überflüssig werden könnten. Den Impfstoff von AstraZeneca könnten viele andere Unternehmen herstellen. Der Patentschutz verhindert, dass wir bei der Impfstoffproduktion die Möglichkeiten der Industrie voll ausnutzen. Das Lizenzmodell ist kurzfristig wirtschaftlich ineffizient. In normalen Zeiten akzeptieren wir das, weil es Anreize für Forschung und Entwicklung schafft. In der jetzigen Krise geht es um die Gesundheit von Milliarden Menschen. Jede Verzögerung vergrößert den sozialen und wirtschaftlichen Schaden.

Mehr Wettbewerb bei der Produktion

In der jetzigen Situation ist das Lizenzmodell inakzeptabel. Wir sollten die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen entkoppeln. Die Impfstofflizenzen sollten nach großzügiger Vergütung der Entwickler in ein Gemeingut überführt und die Produktion marktwirtschaftlich organisiert werden. Das wäre kein unzulässiger Markteingriff: Es geht darum, die Möglichkeiten des Marktes bei der Impfstoffproduktion voll auszuschöpfen. Es würde also auf mehr Markt, nicht weniger hinauslaufen. Der eigentliche Markteingriff sind Lizenzen und Patentschutz. Durch eine großzügige Vergütung der Impfstoffentwickler bleiben die Anreize für Forschung und Entwicklung erhalten. Die EU-Kommission sollte jetzt keine Zeit mehr verlieren.”  Oder um es noch deutlicher zu sagen: Die Impfung einer größtmöglichen Zahl von Menschen und die Rettung von Leben darf nicht dem Profitinteresse großer Pharmariesen untergeordnet werden. Wenn die Verantwortlichen Exekutiven und der Gesetzgeber, wie in den letzten Wochen, weiterhin quasi hilflos dastehen und nur moralisch appellieren und lamentieren, dann steht die Demokratie in den kapitalistischen Ländern einem pharma-industriellen Komplex gegenüber, der in seiner Machtfülle das noch übertrifft, wovor der scheidende US-Präsident Eisenhower 1961 mit Blick auf den militärisch-industriellen Komplex gewarnt hat: „… Ihr umfassender Einfluss – ökonomisch, politisch und sogar geistig – ist in jeder Stadt, in jedem Provinzparlament, jeder Behörde der Bundesregierung zu spüren. In den Regierungsgremien müssen wir uns vor den illegitimen Einflussnahmen des militärisch-industriellen Komplexes hüten.“

Und wie schon angesichts von Trumps Politik werden sich China und Russland diese Handlungsunfähigkeit gegenüber der Wirtschaft als “Versagen des liberalen Modells” genüsslich auf der Zunge zergehen lassen.

Über den/die Autor*in: Roland Appel

Roland Appel, Publizist und Unternehmensberater, Datenschutzbeauftragter für mittelständische Unternehmen und tätig in Forschungsprojekten. Er war stv. Bundesvorsitzender der Jungdemokraten und Bundesvorsitzender des Liberalen Hochschulverbandes, Mitglied des Bundesvorstandes der FDP bis 1982. Ab 1983 innen- und rechtspolitscher Mitarbeiter der Grünen im Bundestag. Von 1990-2000 Landtagsabgeordneter der Grünen NRW, ab 1995 deren Fraktionsvorsitzender. Er arbeitet und lebt im Rheinland.

Ein Kommentar

  1. Martin Köhler

    Richtig ! Die Begrenzung der Produktion durch den Patentschutz ist in der gegenwärtigen Situation der reine Irrsinn.

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