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Sich mit “Bild” einlassen …

… führt immer geradewegs in die Hölle.
Mal früher mal später. Ich wusste das spätestens als 12-jähriger. Am 12.9.1969 spielte Borussia Mönchengladbach im Heimspiel am Bökelberg als Tabellenzweiter gegen den 17. 1.FC Kaiserslautern nur 1:1. Sehr ärgerlich, am 5. Spieltag, aber kein Grund sich danach zu zerlegen. Obwohl: das Springerschmutzblatt Bild lebt von nichts Anderem, und dachte sich dafür was Schönes aus: “Günter Netzer hat das Spiel kaputtgemacht.” Und das soll die Sonntagsausgabe nicht selbst ausgedacht, sondern der konservative, der CDU nicht weniger nahestehende Borussia-Vorsitzende Helmut Beyer gesagt haben. Ich ahnte damals schon, dass der nicht so bescheuert sein konnte.
In der folgenden Woche ging ein Offener Brief an die Presse. Absender war nicht nur der Herr Beyer, sondern sein kompletter Vorstand mit Helmut Grashoff und Alfred Gerhards, der Trainerstab Hennes Weisweiler und Rudi Schlott, sowie der Mannschaftsrat aus Günter Netzer, Berti Vogts und Peter Dietrich.
“Versuche von außen, das große Vertrauensverhältnis mittels falscher Darstellungen und Behauptungen zu unterminieren, werde an eben diesem gegenseitigen Vertrauen scheitern. Vorstand, Trainer und Spieler bedauern, dass es Anhänger gibt, sie sich von Gerüchtemachern beeinflussen lassen, denen einzig und allein daran gelegen ist, den Frieden im Verein zu zerstören. Wir fordern unsere Mitglieder und Anhänger auf, lieber uns als den ‘Neunmalklugen’ ihr Vertrauen zu schenken.”
Die Folgespieltage liefen danach schlecht. Niederlage in Dortmund, ein mickrges 1:0 vor nur 15.000 Zuschauern am Bökelberg gegen Braunschweig. erst einen Monat später begann die Siegesserie, die Mönchengladbach zum Herbstmeister und am 30.4.1970 mit einem 4:3 gegen den HSV zum Meister vor 32.000 am ausverkauften Bökelberg machte.
Dieser Vorgang gehört bis heute in ein Lehrbuch zum Umgang mit der sogenannten Zeitung “Bild”. Nach meinem Gefühl kann es nur am Schlagwort vom Sein, das das Bewusstsein bestimmt, liegen, dass aus dieser frühen Erfahrung so viele nicht lernen wollen. Selbst Günter Netzer ist später lieber in die Höhle des Drachen Leo Kirch gekrochen, statt nach dieser Erfahrung auf Widerstand zu setzen. Da war selbst der schwäbische Bäckerssohn und als Kalifornier sozialisierte Jürgen Klinsmann als zeitweiliger Bundestrainer mutiger.
Ich selbst habe als Büroleiter eines Landtagsfraktionsvorsitzenden 1995-2000 lediglich eine waffenstillstandsähnliche Kontaktsperre (“leider keine Zeit, gerade im Gespräch, hat leider, leider gerade Besuch”) mit dem “Lügenblatt” (zit. Dietrich Kittner) durchgehalten, immer schön freundlich, niemals aufbrausend, wie es menschlich angemessener gewesen wäre.
Heute hat der Konzern längst nicht mehr den Masseneinfluss wie 1970. Heute lebt er von der Selbstreferentialität einer untergehenden Branche: Zeitungen, Verlage – organisiert als private Konzerne weniger Milliardärsfamilien. Ihre systemimmanente Konkurrenz hält sie für Meinungsführer. Das kann genügen, schwache Figuren in Politik und Entertainment zu Rücktritten, weil Schnauze voll, zu bewegen – oder Einzelne zu ruinieren.
Ein Nest dafür scheint sich in Hamburg zu befinden, dem ehemaligen Sitz der Konzernzentrale. Bakery Jatta ist so ein Fall. Der Mittelfeldspieler des HSV wird aus niedrigen rassistischen Motiven bis heute von “Bild” gejagt, und hat dennoch, dem ganzen Stress zum Trotz, in bisher 13 Einsätzen als Mittelfeldspieler schon 4 Tore geschossen, bewundernswert. Der CDU-Sympathisant Christoph Metzelder ist so ein Fall, der nun mglw. für eine Zeugin der “Bild”-Anklage ungut ausgeht. Der verantwortliche “Bild”-Kerl wird sich dagegen schon in die Büsche geschlagen haben.
Für welchen Kanzlerkandidaten werden sich diese Gangster entscheiden? Hat schon einer Verträge mit ihnen (ich les’ das Zeug ja nicht)? Und wie schmerzfrei werden die künftig regierenden Grünen mit solchen Sturmtruppen umgehen? Wahrscheinlich kaum wie ich.
Albrecht v. Lucke/Blätter und Wolfgang Michal/Freitag meinen schon zu wissen, wie es kommen wird.

Ein Kommentar

  1. Roland Appel

    Tja, Bild lügt, 45 Jahre nach Wallrafs Buch ist mir scheierhaft, wieviele Idioten auf die inzwischen AfD-nahe Medienmaschine BILD hereinfallen. Dabei hat BILD schon wieder beschlossen, Politik zu machen, gestern heuchelte BILD-Mann Klaus Strunz über Bodo Ramelow bei der wie immer unfähigen Maischberger: “Menschen liegen im Koma und ein Ministerpräsident daddelt im Internet…” was immer Bodo Ramelow getrieben haben mag, in (a)sozialen Medien Fehler zu machen, dieses intrigante Gewäsch ist Teil einer Strategie im beginnenden Bundestagswahlkampf.

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