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Politikum Berührungen

Nicht alles läuft schlecht. Mein 88-jähriger Vater wurde gestern geimpft. Stressfrei, es fehlte nur ein adäquates Begleitangebot von Kaffee und Kuchen in den ungemütlichen Essener Messehallen. In Bonn ist derweil die 7-Tage-Inzidenz nah an die 50er-Marke gesunken. Sie wird morgen wieder steigen, weil ein atypischer Dienstag mit nur einer gemeldeten Infektion aus der Wertung fallen wird – im Montagsvergleich zeigt sich eine Abnahme von 33 auf 20; die Krankenhausbelegung stagniert über 70. Das wie im Vorjahr winteruntypische angenehme Wetter sorgt für Alltagserleichterung.
Darunter schwelt es. Nicht nur ökonomisch. Ich sage einen Klassenkampf von oben voraus, wie es die EU und die BRD in der Form noch nie erlebt haben. Ebenso dramatisch drohen die kulturellen Schleifspuren. Zum einen die kulturelle Ökonomie, vor deren Untergang ihre Lobby durchaus zutreffend warnt. Von den Schleifspuren in den Individuen gab gestern eine wichtige Arte-Dokumentation eine wissenschaftlich fundierte Ahnung: “Die Macht der sanften Berührung” von Dorothee Kaden. So wie die ideologisch verkorkste Kindererziehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts, verbunden mit zwei traumatischen Weltkriegen, schwere Schäden in den Menschen hinterliess, droht nun eine Aktualisierung psychischer Deformierung durch pandemiebedingte Berührungslosigkeit und Distanzgebote.
Dass sich öffentliche Lockerungsbedürfnisse artikulieren, hat also nicht nur ökonomische Triebkräfte, sondern kann auf biologisch begründete Individualbedürfnisse zurückgreifen. Es wird spannend, was von der Pandemiekultur bleibt, und was überwunden wird. So beobachtete ich z.B. beim ersten Lockdown auf den Bahnsteigen des Hauptbahnhofs zahlreiche junge Frauen, die angesichts der Distanzgebote sichtbar aufatmeten und an Selbstbewusstsein zulegten. Andererseits: s. der Arte-Film.
Die aktuelle Impfdiskussion wird in Moskau und Peking vermutlich a.o. amüsiert z.K. genommen. Einerseits halte ich es für richtig, dass Impfstoffe aufwendig wissenschaftlich geprüft werden. Das Vertrauen in – schön wäre es – konzernunabhängige staatliche Institutionen ist bei den meisten weit besser ausgeprägt, als in die Big-Pharma-Lobby. Die Mechanismen kapitalistischer Renditeorientierung stellen den geostrategischen Interessen der EU und der USA aber ein entscheidendes Bein (dieser Link verschwindet in einigen Tagen in einem Paywall-Archiv). Die arme Mehrheit der Welt muss sich dann halt in China, Russland und Indien mit Impfstoff versorgen. Sowas kommt von sowas.

Ein Kommentar

  1. Annette Hauschild

    Indien ist der weltgrößte hersteller von Arzneimitteln. Warten wir doch mal ab, was von da kommt. Ist siche ebenso gut wie europäischen Mittel

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